Oliver Pötzsch

06.2021 Oliver Pötzsch hat sich als Autor historischer Romane (u.a. die erfolgreiche „Henkerstochter“- Reihe) einen Namen gemacht. Der gebürtige Münchener hat zuvor viele Jahre als Journalist und Filmautor beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet. Mit Das Buch des Totengräbers erscheint beim Ullstein Verlag nun der erste Kriminalroman des Autors. Krimi-Couch-Redakteur Thomas Gisbertz sprach mit Oliver Pötzsch über die Entstehung seines Romans, den Aufbruch in die Moderne und die Auseinandersetzung mit dem Tod.

"Corona hat uns unsere eigene Sterblichkeit noch einmal stark vor Augen geführt. Dabei haben wir den Tod in den letzten Jahrzehnten immer mehr ausgeklammert. Wer von uns hat denn wirklich mal einen Toten gesehen? Ich glaube, dieses Ausklammern sublimieren wir in den Krimis. "

Krimi-Couch:
Herr Pötzsch, sie haben sich seit mehr als zehn Jahren als Autor historischer Roman einen Namen gemacht. Vor allem Ihre „Henkerstochter“-Reihe ist international sehr erfolgreich und wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Warum wagen Sie nun mit Ihrem aktuellen Roman Das Buch des Totengräbers den Sprung ins Krimi-Genre?

Oliver Pötzsch:
Wenn Sie sich immer mit Folter- und Hinrichtungsmethoden im 17. Jahrhundert beschäftigen, bekommt Ihre Ehefrau irgendwann Angst vor Ihnen … Im Ernst: Ich brauchte Abwechslung, eine neue Epoche, neue technische Errungenschaften, neue Helden. Das heißt aber nicht, dass es mit der Henkerstochter-Saga nicht weitergeht. Ich bin gerade schon am überlegen, wo ein nächster Band spielen könnte.

Krimi-Couch:
Der Roman überzeugt nicht zuletzt durch seinen Detailreichtum und seine äußert stimmige, sehr authentisch wirkende Atmosphäre. Ihre Darstellung der Weltmetropole Wien am Ende des 19. Jahrhunderts ist wundervoll gelungen. Wie lange und vor allem auf welche Art bereitet man sich auf ein solches Projekt vor?

Oliver Pötzsch:
Das läuft bei mir eigentlich immer gleich ab. Ich habe ein paar Ideen, fange an, im Internet und in Bibliotheken zu recherchieren. Aber sehr schnell suche ich den Ort meines Romans auf, um meine Schauplätze kennenzulernen. Im Grunde entsteht erst vor Ort die Handlung. Ich bin da sehr akribisch. Mein Agent wundert sich immer. Er meinte, andere Autoren würden vermutlich nach Wien reisen, sich in den Heurigen setzen und Wein trinken. Bei mir gibt es Termine, alles ist dicht getaktet, da kann ich auch nicht meine Frau mitnehmen, ich bin da wie im Tunnel.

Krimi-Couch:
Wie schwer fällt es Ihnen bei einer derart akribischen Vorbereitung, sich beim Schreiben von den historischen Fakten zu lösen und ins Fiktionale überzugehen? Schließlich soll es ein Roman werden und kein Sachbuch.

Oliver Pötzsch:
Ja, das ist ein typischer Anfängerfehler. Da hat man so viele tolle Dinge recherchiert, und jetzt will man alles loswerden. Und am Ende unterhalten sich dann zwei Wachleute über die Geschichte des Stephansdoms … Ich komme ja vom Journalismus, da ist es ähnlich. Sie müssen immer knallhart aussortieren, aber das ganze Hintergrundwissen trotzdem im Kopf behalten.

Krimi-Couch:
Sie haben mit dem Inspektor Leopold von Herzfeldt, dem kauzigen Totengräber Augustin Rothmeyer und der Telefonistin Julia Wolf drei Figuren geschaffen, die meines Erachtens alle auf Ihre Weise Vertreter der Moderne sind und für den Aufbruch in eine neue Zeit stehen. Würden Sie dem zustimmen?

Oliver Pötzsch:
Bei Leo und Julia auf alle Fälle. Leopold von Herzfeldt steht ja eben für den neuen Ermittlertyp, im Grunde fängt mit dieser Figur die moderne Kriminalistik an. Tatortfotografie, Ballistik, Profiling, später auch die Daktyloskopie, also die Technik, Fingerabdrücke abzunehmen … Julia interessiert sich ebenso für Technik, für die Fotografie, sie tanzt den lasziven, damals verbotenen Tango. Da ist sie ihrer Zeit als Frau sicher voraus. Beim Totengräber Augustin Rothmayer ist es zweigeteilt. Er kann kein Telefon bedienen und hält nichts von modernen Friedhöfen, die sich weit außerhalb der Stadt befinden. Aber sein Scharfsinn und sein Genius sind sicher modern, außerdem ist er als typischer Underdog natürlich auch eine eher moderne Ermittlerfigur, eben kein Detektiv oder Kommissar, sondern ein Totengräber.

Krimi-Couch:
Zum Roman gehört auch die Darstellung des Antisemitismus zur damaligen Zeit, den nicht nur Leopold von Herzfeldt, sondern auch der stellvertretende Leiter des Sicherheitsbüros, Polizeikommissär Stukart, fast täglich zu spüren bekommen. Wie gehen Sie beim Schreiben mit einem solch brisanten Thema um, das leider auch heute noch aktuell ist?

Oliver Pötzsch:
Mir war von Anfang an klar, dass Antisemitismus eine Rolle spielen wird in diesem Roman. Immerhin bildet das ausgehende 19. Jahrhundert mit seinem schleichenden, von der Gesellschaft oft akzeptierten Judenhass den Nährboden für den späteren Nationalsozialismus, gerade in Wien. Ich wollte da aber keine schlichte Schwarz-Weiß-Zeichnung, das ist zu platt. Deshalb ist der Antisemit Paul Leinkirchner, Leos Kollege, ja eben nicht nur ein Ekel, sondern auch ein guter Polizist, mit durchaus menschlichen Zügen. Die wenigsten der damaligen, Antisemiten hätten sich die späteren Auswüchse vorstellen können, passiert ist es trotzdem. Weil der Judenhass eben in die Gesellschaft einsickerte. Das erleben wir ja gerade wieder.

Krimi-Couch:
Die Auseinandersetzung mit dem Tod spielt in vielerlei Hinsicht eine zentrale Rolle im Roman. Sie sprechen in Ihrem sehr beeindruckenden Nachwort vom „Friedhof als magischen Ort“, der Ihnen den Tod nahebringt. Warum ist die Konfrontation damit heutzutage so wichtig, dass Sie diese sogar zum Thema des Romans gemacht haben?

Oliver Pötzsch:
Wir haben alle vermutlich noch die Bilder im Kopf, als in Italien Militärlaster mit dutzenden von Särgen durch die Straßen fuhren. Corona hat uns unsere eigene Sterblichkeit noch einmal stark vor Augen geführt. Dabei haben wir den Tod in den letzten Jahrzehnten immer mehr ausgeklammert. Wer von uns hat denn wirklich mal einen Toten gesehen? Ich glaube, dieses Ausklammern sublimieren wir in den Krimis. Und darauf wollte ich mit dem Nachwort aufmerksam machen. Der Totengräber Augustin Rothmayer spricht das auch an mehreren Stellen an. Davon abgesehen liebe ich einfach Friedhöfe, schon seit meiner Kindheit. Jeder Grabstein erzählt eine Geschichte.

Krimi-Couch:
Eine besondere Stärke des Romans ist es, viele kleinere Geschichten zu erzählen, um die Figuren in ihrem Verhalten besser verstehen zu können, wie zum Beispiel die besondere Beziehung des Totengräbers zum Waisenkind Anna oder die sich anbahnende Beziehung zwischen Julia Wolf und Inspektor von Herzfeldt, die beide eine völlig verschiedene Biografie aufweisen. Es scheint, als hätten Sie bereits Ideen für mehrere Folgebände im Kopf? Können Sie uns da schon etwas verraten?

Oliver Pötzsch:
Während Sie mich hier interviewen, sitze ich eben mit Impfpass im Zug nach Wien, für eine weitere Recherche zu einem zweiten Band. Das geht ja jetzt Gott sei Dank wieder … Ich habe mir vorgenommen, in jedem Band ein unheimliches Phänomen herauszugreifen und es wissenschaftlich zu hinterfragen. Im ersten Buch waren das Vampire und Untote, im zweiten Band wird es um Mumien und uralte Flüche in Pyramiden gehen. Das Kunsthistorische Museum in Wien hat ein ganz ausgezeichnetes Mumiendepot. Aber mehr wird nicht verraten!

Das Interview führte Thomas Gisbertz im Juni 2021.
Foto: © Oliver Pötzsch, privat

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