Horst Eckert

06.2020 Der Düsseldorfer Journalist und Politikwissenschaftler Horst Eckert hat in seinem neuen Polit-Thriller neben seinem langjährigen ProtagonistenVincent Che Veih eine neue Ermittlerin eingeführt. Die Verfassungsschützerin Melia Khalid ist für die linke Szene zuständig, und in ihrem aktuellen Fall muss sie mit Veih intensiv zusammen arbeiten. Krimi-Couch-Chefredakteuer Andreas Kurth hat Horst Eckert im Interview nach dem Realitätsgehalt seiner Thriller und der anhaltenden Faszination der RAF in Deutschland gefragt.

Ein Krimi, der einen Mord in eine nette Provinzposse umbiegt und bei dem am Ende die Welt wieder in Ordnung ist, wäre eine allzu schlichte, wenn nicht verlogene Sache. Denn die Welt ist nicht in Ordnung, nur weil ein Mörder gefasst ist.

Krimi-Couch:
22 Jahre nach der offiziellen Selbstauflösung der Roten Armee Fraktion trägt das Thema immer noch als Hintergrund für einen Polit-Thriller. Warum ist das so? Gibt es erst Ruhe, wenn die letzten RAF-Rentner nicht mehr leben?

Horst Eckert:
Selbst dann nicht, fürchte ich. Wer rechten Terror thematisiert, vom NSU über den Lübcke-Mord bis hin zum rassistischen Shisha-Bar-Killer von Hanau, dem wird regelmäßig das Gespenst eines Wiederauflebens des linken Terrors hingehalten, als sei beides gleich schlimm bzw. rechtsradikale Gesinnung gar nicht so übel, sondern nur die Gewalt an sich. So lag es für mich nahe, einen Thriller über einen rechten Putschversuch mit diesem Gespenst zu beginnen. Und die realen Überfälle von „RAF-Rentnern“ auf Geldtransporte in Norddeutschland gaben mir einen naheliegenden Anknüpfungspunkt.

Krimi-Couch:
In den sogenannten neuen Bundesländern ist die Stasi viel mehr das Thema als die RAF. Kollegen von Dir haben das schon oft in Romanen thematisiert. Würde Dich das nicht auch mal reizen?

Horst Eckert:
Ich bin nun mal ein Kind des Westens und habe mich in meiner bayerischen Jugend eher an Strauß gerieben als an Honecker. Reizvoll finde ich die ostdeutsche Vergangenheit als Thema schon. Ich weiß aber nicht, ob ich der richtige Autor dafür bin.

Krimi-Couch:
Als Autor, Journalist und Politikwissenschaftler beobachtest und analysierst Du die politischen Vorgänge in Deutschland recht genau. Wie realistisch ist dein Szenario einer rechtsradikalen Verschwörung in deutschen Sicherheitskreisen wirklich?

Horst Eckert:
Sie findet seit Jahren statt und erregt auch immer wieder Aufsehen. Zuletzt ist mal wieder das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr als Hort militanter Rechtsextremisten aufgefallen und erstmalig will eine Verteidigungsministerin das untersuchen. Am unglaublichsten und rätselhaftesten ist für mich immer noch die Verwicklung des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz in den NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel, die sich an der Person des Beamten Andreas Temme festmacht, der zur Tatzeit am Tatort war, aber nichts bemerkt oder gewusst haben will. Die Polizei hielt ihn für mordverdächtig, der Innenminister nahm ihn dann aus der Schusslinie. Temme wurde übrigens später in die Behörde des Regierungspräsidenten Lübcke versetzt. Ich will nicht behaupten, dass Temme auch etwas mit dessen Ermordung zu tun hat, aber die Mörder entstammen der gleichen Szene, die Temme einst beobachtet und in der er V-Leute geführt hat.

Krimi-Couch:
Kleiner inhaltlicher Exkurs: Abgesehen vom Thema rechte Seilschaften gibt es aktuell die Debatte um den alltäglichen Rassismus, auch in der deutschen Polizei. Wie beurteilst Du dieses Thema?

Horst Eckert:
Es gibt eine erschreckende Liste an Schwarzen, die an Polizeigewalt starben, und der Mord an Ouri Jalloh, der 2005 im Polizeigewahrsam in Dessau verbrannt wurde, ist bis heute nicht aufgeklärt. Racial Profiling ist tägliche Polizeipraxis. Nur weil eine weiße Mehrheit wegschaut, wird das Problem für die andersfarbige Bevölkerung Deutschlands nicht kleiner. Die Diskussion hat mich dazu gebracht, Melia, die Tochter einer Somalierin, zur Hauptfigur meines neuen Romans zu machen.

Krimi-Couch:
Vincent Che Veih ist ein Protagonist, der Dir nach meiner Wahrnehmung sehr ans Herz gewachsen war. Warum hat er jetzt mit Melia Khalid eine gleichberechtigte Mitstreiterin bekommen? Und was hast Du mit den beiden noch vor?

Horst Eckert:
Um einen Roman über den Inlandsgeheimdienst zu schreiben, brauchte ich eine Hauptfigur, die dort arbeitet. Melia ist mit Leib und Seele Verfassungsschützerin, weil sie an das Ideal glaubt, die Verfassung zu schützen. Dabei wendet sie ihre Mittel an, und das sind geheimdienstliche Mittel, also unschöne Methoden, was es uns zunächst schwierig macht, Melia rundum toll zu finden. Doch weil sie sich vom Saulus zu Paulus entwickelt und schließlich gegen die Schurken im eigenen Laden vorgeht, drücken wir ihr die Daumen. Als Paulus kann sie natürlich nicht beim Verfassungsschutz bleiben. Also wechselt sie zur Polizei und wird Vincents Chefin. Der Fall, den sie ein Jahr später lösen müssen, knüpft an „Im Namen der Lüge“ an.

Krimi-Couch:
Was ist für Dich als Autor die spannendere Behörde: Ein Landeskriminalamt, oder ein Landesamt für Verfassungsschutz? Wo liegen mehr spannende Plots vergraben?

Horst Eckert:
Spannung kann ich in jedem Milieu kreieren. Was mich jeweils interessiert, hängt von meinen Figuren oder vom Thema ab. Die Kripo, die nun mal mit Verbrechen zu tun hat, ist natürlich prädestiniert, vor allem, wenn es dort schwarze Schafe gibt. Nachdem ich mich mit dem NSU beschäftigt hatte, war es mir ein Anliegen, den Verfassungsschutz abzuschießen (lacht). Je nachdem, wie sich Deutschland politisch entwickelt, kommt vielleicht auch mal das Kanzleramt dran.

Krimi-Couch:
Ist die Spezialisierung auf Polit-Thriller eigentlich deiner wissenschaftlichen Ausbildung und dem Beruf Journalist geschuldet? Und kannst Du dir vorstellen, mal einen ganz schlichten Krimi mit Mörder und Opfer zu schreiben?

Horst Eckert:
Als 1995 mein erster Krimi erschienen war, lag es mir fern, ein politisches Thema in den Vordergrund zu stellen, und ich habe in Interviews gesagt, ich wolle nur unterhalten. Aber schon damals kam im Roman ein korrupter Innenminister vor. Ein Mord lässt uns in die Abgründe der Psyche und der Gesellschaft schauen. Das ist es, was uns an Verbrechensliteratur fasziniert. Ein Krimi verhält sich zu diesen Abgründen. Er zeigt sie auf und ist automatisch politisch, auch wenn keine Politiker vorkommen. Ein Krimi, der einen Mord in eine nette Provinzposse umbiegt und bei dem am Ende die Welt wieder in Ordnung ist, wäre eine allzu schlichte, wenn nicht verlogene Sache. Denn die Welt ist nicht in Ordnung, nur weil ein Mörder gefasst ist. Ich zumindest will so etwas nicht lesen, auch wenn für mich nach wie vor die Spannung das wichtigste ist.

Krimi-Couch:
Deine Bücher spielen in der Regel in Nordrhein-Westfalen, ein wenig auch in Berlin. Wie wichtig ist die gute Kenntnis von Land und Leuten für eine authentische Geschichte?

Horst Eckert:
Orte stehen für Milieus, für Armut oder Reichtum, für kulturell sehr unterschiedliche Communitys innerhalb einer Stadt oder eines Landes. Wenn ich meine Figuren lebendig beschreiben und glaubhaft handeln lassen will, muss ich ihre Orte kennen. Es hilft, wenn ich dort gelebt habe, aber ich kann das in gewissem Maß auch recherchieren.

Krimi-Couch:
Hat die Corona-Pandemie bei Dir eigentlich dazu geführt, dass Du dich wegen der abgesagten Lesungen und der Selbstisolation noch stärker auf das Schreiben konzentrieren konntest? Oder bist Du mehr joggen gegangen als sonst?

Horst Eckert:
Ach, Corona! Statt richtig loszulegen mit dem nächsten Buch, habe ich zum Virus recherchiert. Auch das Stornieren der Reisen und das Verlegen von Lesungen in den Herbst hat Zeit gekostet, wobei klar ist, dass sie ebenfalls ausfallen werden, falls dann immer noch das Abstandsgebot gilt. Um dem Corona-Koller nicht zu erliegen, bin ich von Anfang an nach draußen gegangen. Spazieren, Radfahren, Joggen, seit kurzem spiele ich endlich wieder Fußball. Jetzt geht es mir besser und ich komme auch mit dem Schreiben voran.

Krimi-Couch:
Jetzt wollen wir zum Abschluss mal hinter die Kulissen blicken. Wann erscheint der nächste Roman? Und magst Du schon etwas darüber verraten?

Horst Eckert:
Melia hat aus „Im Namen der Lüge“ noch eine Rechnung offen, während Vincent einen Mörder sucht. Beiden wird deutlich, wie gespalten die Gesellschaft ist und wie unversöhnlich sich manche Milieus gegenüberstehen. Dabei droht ihr Fall, sie sogar zu Gegnern zu machen. Heyne will den zweiten Melia-Thriller im kommenden Frühjahr auf den Markt bringen. Falls nicht ein neues Virus um die Ecke kommt.

Das Interview führte Andreas Kurth im Juni 2020.
Foto: © Horst Eckert

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