Sabine Thiele

Sabine Thiele ist Jahrgang 1976, gebürtige Münchnerin und lebt seit 1995 auch wieder in der Stadt. Sie hat dort Nordische Philologie mit Schwerpunkt Altskandinavistik/Altisländischer Literatur/Wikingerzeit studiert, darunter auch ein Jahr in Linköping/Schweden, hat 2002 ihren Abschluss gemacht und ist dann im Verlagswesen gelandet. Beim Droemer Knaur Verlag hat sie einige Jahre im Belletristiklektorat verbracht und sich 2008 dann schließlich als Übersetzerin und Lektorin selbstständig gemacht. Wenn sie nicht gerade in Büchern versinkt, beschäftigt sie sich sehr viel mit Musik, fotografiert Konzerte, schreibt Berichte (für das Webzine Schwarzes Bayern) oder versucht, Zeit in Schweden zu verbringen

"Die Krux unseres Berufes: Leisten wir hervorragende Arbeit, sieht man uns nicht. Gelingt oder gefällt unsere Übersetzung etwas weniger, bleibt natürlich das eher in Erinnerung."

Krimi-Couch:
Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen? Und welche Sprachen übersetzen Sie?

Sabine Thiele:
Ich habe ja Geisteswissenschaften studiert, womit man beruflich sehr flexibel ist, und bin danach eher durch Zufall im Verlag gelandet. Ein bisschen weniger zufällig, aber genauso wenig geplant, bin ich dann zum Übersetzen und Lektorieren gekommen. Beides habe ich bei meiner Arbeit im Verlag kennengelernt und auch schon ein wenig betrieben, sodass ich wusste, ich kann das auch auf selbstständiger Basis – und mit Freude, ganz wichtig - machen. Großes Interesse an Sprache und Fremdsprachen hatte ich schon mein Leben lang, mein Studium war auch sehr fremdsprachenlastig, und die Hintergrundkenntnisse aus dem Verlag und dem deutschen Buchmarkt haben mir auch sehr bei meinem Entschluss geholfen. Ich übersetze aus dem Schwedischen und aus dem Englischen und lektoriere Übersetzungen aus diesen Sprachen.

Krimi-Couch:
Können Sie uns einmal grob Ihre Arbeitsweise skizzieren?

Sabine Thiele:
Ich gehöre zu den Übersetzer*innen, die ein Originalmanuskript vor dem Übersetzen nicht komplett lesen, ich will mir nicht die Spannung verderben (oder mich demotivieren, falls es sich als langweilig herausstellen sollte, was natürlich auch hin und wieder vorkommt), und ganz realistisch ist dafür auch selten Zeit. Ich lese ein paar Kapitel, bevor ich den Auftrag annehme, um zu entscheiden, ob Thematik und Autor*innensprache zu mir passen, mehr jedoch nicht.

Wenn ich dann mit dem Projekt anfange, übersetze ich einmal alles durch, versuche da schon, möglichst viel zu recherchieren, lasse aber oft auch noch Lücken, damit ich einigermaßen zügig bis ans Ende komme und dann die gesamte Handlung und verbleibende Problemstellen im Kopf habe. Im zweiten Durchgang wird dann der Feinschliff betrieben, Formulierungen verbessert, knifflige Stellen gelöst usw. Manchmal mache ich auch noch einen dritten Durchgang, bei dem ich versuche, den Text etwas flotter, wie als normale Leser*in, zu lesen und so über letzte hüftsteife oder unpassende Stellen zu stolpern. Ganz gelingt das wegen der irgendwann einsetzenden Betriebsblindheit natürlich nicht. Alle diese Arbeitsgänge führe ich am Bildschirm durch.

Danach geht die Datei dann an den Verlag bzw. das Außenlektorat, und der*die Kolleg*in prüft dann noch mal alles auf Herz und Nieren, findet zielsicher die Stellen, für die ich mich dann ein bisschen schäme, und macht aus allem einen richtig runden Text. Im Idealfall sehe ich das Lektorat dann noch mal, und wir besprechen gemeinsam letzte offene Stellen – manchmal muss noch ein wenig an der inneren Logik der Handlung gefeilt werden, oder man findet dritte Lösungen für Formulierungen, bei denen man sich nicht einig wird. Dieser konstruktive Austausch macht eine Übersetzung erst vollständig, und ich möchte hier gern auf die Wichtigkeit eines aufmerksamen und einfühlsamen Lektorats hinweisen und einen großen Dank an die Kolleg*innen aussprechen.

Krimi-Couch:
Wie müssen wir uns den Austausch zwischen AutorInnen und ÜbersetzerInnen vorstellen? Oder ist das gar nicht immer erforderlich oder möglich?

Sabine Thiele:
Dank der fantastischen Recherchemöglichkeiten heutzutage lässt sich das meiste über das Internet und Bibliotheken herausfinden. Nicht zu vernachlässigen ist auch der „Telefonjoker“, ein großes Netzwerk an Freund*innen, Bekannten oder Internetgruppen mit Kolleg*innen, wo man bei Problemen und für Expertise anklopfen kann. Sollte sich wirklich mal etwas gar nicht klären lassen, ist es normalerweise kein Problem, Autor*innen entweder über ihre Agenturen oder direkt über die Website oder Social Media zu kontaktieren, bisher war der Austausch immer sehr freundlich und hilfreich.

Krimi-Couch:
Kulturelle Besonderheiten, die individuelle Sprache des Ursprungswerkes mit umgangssprachlichen Formulierungen, möglicher Zeitdruck des Verlages… Was sind die größten Herausforderungen bei der Übersetzung eines Romans?

Sabine Thiele:
Die Frage versammelt da schon einige große Herausforderungen. Zeitdruck ist definitiv ein Thema, daran gekoppelt ist auch seit den Coronajahren eine größere Planungsunsicherheit, wann die Originalmanuskripte eintreffen. Ich weiß nicht, ob es da einen direkten Zusammenhang mit der Coronazeit gibt, mir fällt seither jedenfalls auf, dass Originalmanuskripte immer öfter nicht zum angekündigten Termin kommen – falls es überhaupt einen angekündigten Termin gibt – und man sich als Übersetzer*in zeitlich kaum auf die Verschiebungen einstellen kann. Die Verlage sind davon natürlich auch betroffen, und im Idealfall versucht man dann, für uns auch mehr Zeit einzuräumen, aber manchmal wird es wirklich eng.

Dann wollen/müssen Verlage die deutschen Ausgaben immer näher am internationalen Erscheinungstermin herausbringen, nachdem die Leserschaft zunehmend zu den z. B. englischsprachigen Originalen greift. Auch das erzeugt Zeitdruck und oft zusätzliche Arbeit, wenn aus Vorabversionen übersetzt wird und man am Ende noch Korrekturen einarbeiten muss.

Ein weiterer Faktor, der eng mit dem Zeitdruck zusammenhängt, ist die oft sehr, sehr schlechte Bezahlung. Um das Leben zu finanzieren, müssen viele Übersetzer*innen dann eben mehr Aufträge annehmen, um über die Runden zu kommen. Angemessene Bezahlung ist ein wirklich wichtiges Thema – und natürlich auch die damit ausgedrückte Wertschätzung dieser anspruchsvollen Arbeit.

Was gut zu den nächsten Herausforderungen überleitet, den Hürden beim Übersetzen an sich. Je nach Thema verbringen Übersetzer*innen viele, viele Stunden mit Hintergrundrecherche – wie funktioniert etwas, ist der im Buch beschriebene Vorgang richtig wiedergegeben, was ist der korrekte deutsche Begriff für xy, Zitatrecherche, dann natürlich auch simple Wortschatzrecherche. Dann kommen noch die sprachlichen Besonderheiten hinzu, Wortspiele im Original, bestimmtes Fachvokabular, Umgangssprache/Slang bestimmter Gruppen recherchieren und versuchen, nicht seltsam klingende Entsprechungen zu finden, ländertypische Sachen übernehmen oder ein deutsches Äquivalent dafür finden usw. Das sind viele, viele winzige Entscheidungen, die aber große Auswirkungen auf den Gesamteindruck haben. Es ist übrigens ein Trugschluss, leichte Unterhaltung sei – im Gegensatz zur Literatur – auch viel leichter zu übersetzen, eher im Gegenteil. Hier besteht viel eher die Gefahr, den Ton (locker-humorvoll, intensiv-gefühlvoll usw.) nicht richtig zu treffen.

Man muss sich auch immer vor Augen halten, dass die Ausgangssprache und die Zielsprache oft komplett anders funktionieren, und dementsprechend weit muss man dann oft vom Original weggehen. Das Schwedische ist zum Beispiel eine Sprache, die mit weniger Vokabular auskommt als das Deutsche und auch oft sehr viel unpräziser und vager formuliert. Das Deutsche ist sehr konkret, da muss man dann oft kreativ sein. Auch das Englische, das uns durch Film, Fernsehen, Musik etc. so vertraut ist, funktioniert anders als das Deutsche.

Die größte Herausforderung ist es aber bei jedem Buch, es im Deutschen so klingen zu lassen, als handele es sich nicht um eine Übersetzung. Die Krux unseres Berufes: Leisten wir hervorragende Arbeit, sieht man uns nicht. Gelingt oder gefällt unsere Übersetzung etwas weniger, bleibt natürlich das eher in Erinnerung.

Krimi-Couch:
Was war Ihr erster Krimi oder Thriller, den Sie übersetzt haben? Erinnern Sie sich noch an besondere Details aus dieser Zeit?

Sabine Thiele:
Das war „mord.net“ von Dan Buthler und Dag Öhrlund, ein schwedischer Thriller, in dem es um ein internationales Mord-Netzwerk ging. Das war gleich im ersten Jahr der Selbstständigkeit, ein sehr turbulentes Jahr mit vielen neuen Eindrücken und Herausforderungen.

Krimi-Couch:
Übersetzen Sie nur Krimis & Thriller oder auch andere Genre? Haben Sie vielleicht ein Lieblings-Genre?

Sabine Thiele:
Privat verschlinge ich seit der Teenagerzeit Krimis und Thriller und freue mich, dass es nach den ersten Anfangsjahren, in denen ich viel andere Genres übersetzt habe, nun auch seit einigen Jahren mit vielen Spannungstiteln klappt. Ich mag aber auch gern Familiengeschichten oder allgemein „schöne Bücher“, die sich oft nicht bestimmten Kategorien zuordnen lassen, Dystopien oder auch mal ein Projekt aus dem populären Sachbuch. Eines meiner Herzensprojekte war die Übersetzung einer Nick-Cave-Biografie, die sich den jungen Jahren des australischen Musikers widmet („Jugendfeuer“ von Mark Mordue, Hannibal Verlag), Abwechslung ist mir wichtig, ein frischer Blick auf Stoffe, so wird es nicht langweilig. Einige Genres übersetze ich nicht, weil mir da die Expertise und/oder der innere Zugang fehlt und ich dann auch keine adäquate Sprache dafür finden könnte. (z. B. klassische Science Fiction/Fantasy; religiöse oder anders spirituelle Literatur).

Krimi-Couch:
Technischer Fortschritt, wie Künstliche Intelligenz, verändert auch Ihr Berufsfeld. Wie sehen Sie die Zukunft von Übersetzerinnen und Übersetzern in Deutschland?

Sabine Thiele:
Puh, das ist keine einfache Frage, aber natürlich eine, die hochaktuell ist und uns alle beschäftigt. Bisher sehe ich im Bereich belletristischer Übersetzung noch keine Gefahr, dass KI diese Arbeit übernehmen könnte. Hier ist das menschliche Feingefühl und vor allem Wissen zu sprachlichen Besonderheiten, inneren textlichen Bezügen, Anspielungen, selten verwendetem Vokabular und und und immer noch unersetzlich. Allerdings schreitet die Entwicklung ja rasant voran, wer weiß, wie es in ein paar Jahren aussieht. Einige Verlage versuchen wohl schon, Kosten zu sparen und KI-Übersetzungen anzufertigen, die dann von Menschenhand lektoriert werden. Die Arbeitsersparnis ist dabei quasi Null, weil jeder Satz einzeln auf Richtigkeit überprüft werden muss, zumindest in der Belletristik.

KI-Tools wie DeepL können aber für einzelne Wörter oder Sätze ein nützliches Hilfsinstrument sein, um sich verschiedene Übersetzungsalternativen anzeigen zu lassen. Oft ist man betriebsblind und kommt im ersten Moment gar nicht auf die naheliegende Übersetzung, da kann die KI einen guten Denkanstoß liefern.

Das sind jetzt die momentanen Auswirkungen von KI auf mein Berufsfeld, wie ich sie erlebe (für technische Übersetzungen zum Beispiel kann ich nicht sprechen). Was die Zukunft bringt, ist kaum vorherzusagen. Ich hoffe natürlich, dass die Verlage weiterhin auf die langjährige Erfahrung und das Fingerspitzengefühl menschlicher Übersetzer*innen vertrauen.

Krimi-Couch:
Dürfen Sie uns etwas über Ihre aktuelle Arbeit erzählen?

Sabine Thiele:
Gerade habe ich die Korrekturfahne zum neuen Krimi von Lina Bengtsdotter zurückgeschickt, der unter dem Titel „Flammenschwestern“ im Juni bei Penguin erscheint. Lina Bengtsdotter hat sich mit ihrer Charlie-Lager-Trilogie in mein Übersetzerinnenherz geschrieben, dieses Buch ist jetzt ein Stand alone, aber mindestens genauso gut wie Charlie Lager, und ich hoffe, das finden die Leser*innen auch. Einige Krimis – schwedische und englische – sind fertig und abgegeben, Erscheinungstermine stehen allerdings noch nicht fest. Besonders gespannt bin ich, wie das Memoir einer englischen Autorin auf dem deutschen Markt ankommen wird, die ihre Kindheit und Jugend mit ihrer Familie auf einem Segelschiff verbracht hat. Übersetzt habe ich es für den DuMont Reiseverlag, auch hier steht aber noch kein ET fest.

Das Interview haben wir im Februar 2024 geführt.
Foto: © Eva Stadler

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