TV-Serie:
Twin Peaks

Krimi-Couch Spezial von Jochen König

Teil 1: Die Revolution startet und viele ihrer Kinder bekommen es gar nicht mit

Als »Twin Peaks« 1990 im Fernsehen lief, glich es einer Sensation. Ein arrivierter wie extravaganter Film-Regisseur würde gemeinsam mit einem ebenso experimentierfreudigen wie handwerklich versierten TV-Autoren fürs Heimkino arbeiten? Was heutzutage gang und gäbe ist, war vor knapp dreißig Jahren nahezu unvorstellbar. Doch David Lynch, hochgehandelt wegen seiner Erfolge mit »Blue Velvet« und »Der Elephantenmensch« (nicht so sehr für »Dune«) und Drehbuchautor Mark Frost, der unter anderem für die ausgezeichnete Polizeiserie »Hill Street Blues« (»Polizeirevier Hill Street«) mitverantwortlich war, verstanden sich auf Anhieb. Sie beschlossen einen gemeinsamen Fernsehfilm über Marylin Monroe zu drehen, ein Projekt das sich allerdings zerschlug. Die beiden blieben in Kontakt und verfassten ein Treatment für eine Serie namens »Northwest Passage«, die in einer amerikanischen Kleinstadt spielen sollte und Horror, Komik, bizarre Situationen, Mord und Liebe mit einer eigenwilligen Soap Opera verschmelzen sollte. Kombiniert mit einem Ensemble, das aus glaubwürdigen wie skurrilen Charakteren bestand.

In ABC fand sich eine Produktionsfirma, die bereit war, das Ganze zu finanzieren. Zumindest einen Pilotfilm. Dessen Erfolg, vor allem für die wenig wagemutigen Geldgeber, eine Riesenüberraschung war. Doch mit diesem Pfund konnte man wuchern und so wurde »Northwest Passage« unter dem Namen »Twin Peaks« als Serie realisiert. Wie wenig ABC dem Konzept und seinen Erfolgsaussichten traute, sieht man daran, dass für Europa der Pilot zunächst als eigenständiger Film mit angepapptem Ende vermarktet wurde. Dabei blieb es glücklicherweise nicht.

Der Start in eine neue Ära

»Twin Peaks« wurde zum kulturellen Phänomen und zum Startschuss für das »goldene Zeitalter« seriellen Erzählens. Zuvor waren, mit wenigen Ausnahmen, Geschichten um die Schönen und Reichen, launige Sitcoms, Action, mit mehr oder weniger Komik, in denen fast jede Folge in sich abgeschlossen war, der Standard. »Twin Peaks« öffnete das Tor weit zu einem »wunderbaren und seltsamen Ort«, in dem sich scheinbar unvereinbare Genres die Hand reichten, Fragen gestellt und nicht immer beantwortet wurden, und vor allem kein »Fall der Woche« bearbeitet wurde.

Zunächst drehte sich alles um die Frage: »Wer ermordete Laura Palmer«? Die junge Frau wurde, eingewickelt in Plastikfolie, ermordet am Ufer eines Sees gefunden. David Lynch und Mark Frost entwickelten aus dieser simplen Grundlage ein funkelndes Kaleidoskop, das durch visuellen Einfallsreichtum, seinen atmosphärischen und kommentierenden Soundtrack, aberwitzige Handlungsführung, bestechende Dialoge, hervorragende Darsteller und eine gerüttelte Portion Gesellschaftskritik bestach.

Die Spleens der Figuren waren Tagesgespräch, viele Momente der Serie wurden adaptiert und verbreiteten sich in Kunst und Alltagskultur.

Ohne »Twin Peaks« hätten anschließende Serien wie »Northern Exposure« (»Ausgerechnet Alaska«), »The X-Files« (»Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI«) bis hin zu »Lost« oder aktuell »Wayward Pines« kaum eine Chance gehabt beziehungsweise sähen sie ziemlich anders aus. Vom Einfluss des Vermischens scheinbar unverträglicher Komponenten und des horizontalen Erzählens auf folgende Fernsehereignisse, ganz zu schweigen.

Aus der Silhouette des ermittelnden FBI-Agenten Dale Cooper wurde ein Graffiti, das vielfach Häuserwände zierte, »Wrapped In Plastic« nannte sich ein Magazin und die Band »Audrey Horne« entlieh ihren Namen einem der schillerndsten weiblichen Charaktere.

»Twin Peaks« und seine wechselhafte Geschichte

»Twin Peaks« selbst durchlebte ein wechselhaftes Schicksal. ABC verließ bald der kurzzeitig aufgeflackerte Mut, man bestand auf einer Entlarvung des Mörders von Laura Palmer. Die, wenn es nach David Lynch und Mark Frost gegangen wäre, nie stattgefunden hätte. Doch man beugte sich, und als dieser zentrale Handlungsstrang – durchaus befriedigend aufgelöst – endete, zerfaserten die Geschichten aus »Twin Peaks«. David Lynch gewann zwischendurch die Goldene Palme mit »Wild At Heart«, während Dale Cooper suspendiert wurde, sich seiner Nemesis und ehemaligem Kollegen Windom Earle stellen musste, die Eulen nicht waren, was sie schienen, und das ominöse »Project Blue Book« immer mehr in den Mittelpunkt gestellt wurde.

Die Suche nach der rätselhaften »Black Lodge«, der »Schwarzen Hütte«, in der das Böse die Oberhand und gewaltige Macht gewann, rückte ins Zentrum. Viele Zuschauer konnten und wollten dem nicht mehr folgen, wenn auch eine eingeschworene und höchst engagierte Fangemeinschaft Lynch und Frost weiterhin folgte. Es gab nicht genug davon. »Twin Peaks« endete nach dreißig Folgen mit einem Knall, Gewimmer und fiesen Cliffhangern unter der Regie des Serienschöpfers David Lynch.

Eine dritte Staffel zu produzieren lehnte ABC ab. Mit Geldern Europäischer Investoren inszenierte David Lynch 1992 das Prequel »Fire Walk With Me«, welches die Ermordung Laura Palmers und den Weg dorthin schildert. Aus den fast mystischen Erzählungen um die Kämpfe zwischen Gut und Böse wurde ein finsterer, quälender Fall von Missbrauch. Der Film bekam (unberechtigt) desaströse Kritiken und das Publikum blieb aus. Neben dem Fehlen vieler Merkmale und Darsteller der Serie wurde vor allem seine Zerrissenheit kritisiert. Doch genau dieser Schnitt, der nach dem ersten Drittel erfolgt, ist eminent wichtig für das, was zweieinhalb Jahrzehnte später geschehen wird.

Cover und Fotos: © Sky / Showtime
Alle drei Staffeln von Twin Peaks werden bei Sky ausgestrahlt.