Agent 6

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • München: Der Hörverlag, 2011, Seiten: 8, Übersetzt: Dietmar Bär

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Jürgen Priester
Die Leo-Demidow-Trilogie findet ihren Abschluss

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mai 2011

In drei Romanen schildert der Brite Tom Rob Smith das Leben des Geheimdienstmannes Leo Demidow. Eine Kindheit zu Hungerzeiten im ländlichen Russland der 1929/30er Jahre, der Große Vaterländische Krieg, der Terror des Stalin-Regimes, Okkupation und Krieg in Afghanistan sind Stationen von Leos Leidens- und Lebensweg. Kind 44, Kolyma und Agent 6 – so sind die deutschen Ausgaben betitelt. Um deren Bezug zum Inhalt zu verstehen, muss man bei Kolyma auf den englischen Originaltitel "The Secret Speech" zurückgreifen, denn diese drei titelgebenden Schlagworte markieren die Wendepunkte in Leos Leben. Das 44. Opfer eines Kindermörders ist der Anfang vom Ende seiner Geheimdiensttätigkeit; Chruschtschows "Geheimrede" auf dem Parteitag der KPdSU 1956 und deren Folgen konfrontieren Leo mit seiner längst abgeschlossen geglaubten Vergangenheit; die Missetaten von Agent 6 treiben ihn endgültig in den Untergang.

Agent 6 beginnt mit einem Rückblick in das Jahr 1950. Der schwarze Musiker Jesse Austin – aus heutiger Sicht würde man ihn als Singer/Songwriter bezeichnen – erfreut sich allgemeiner und bei der schwarzen Bevölkerung der USA besonders großer Beliebtheit. Weniger gut gelitten, eher sogar kritisch beäugt wird er von Amerikas Konservativen, denn Austin engagiert sich als Bürgerrechtler und nimmt in seinen Reden kein Blatt vor dem Mund. So wird er schnell in die kommunistische Ecke gedrängt, zumal er kein Hehl aus seiner Sympathie für das Sowjetsystem macht. Austins Besuch in Moskau wird von den dortigen Kommunisten als große Propaganda-Veranstaltung geplant. Doch Austin lässt sich nicht so schnell vereinnahmen und geht im wahrsten Sinne des Wortes seine eigenen Wege. Dabei lernt er den jungen Geheimdienst-Offizier Leo Demidow und dessen spätere Frau Raisa kennen.

Fünfzehn Jahre später. Die Zermürbungstaktik der amerikanischen Behörden, insbesondere des FBI hat Wirkung gezeigt. Jesse Austin lebt mit seiner Frau völlig verarmt in einer Sozialwohnung in Harlem. Er ist ein verbitterter alter Mann geworden.

Die Demidows im fernen Moskau haben in der Zwischenzeit geheiratet und zwei Mädchen adoptiert. Kind 44 und Kolyma beschäftigen sich mit dem ereignis- und folgenreichen Leben der Demidows in den 1950er Jahren. Aus dem obrigkeitshörigen Leo ist nach seinem Ausstieg aus dem KGB und einer Stippvisite bei der Mordkommission ein einfacher Lagerverwalter geworden. Raisa, die etwas schüchterne Lehrerin von einst hat sich zu einer engagierten Schulleiterin gemausert. Als ein Zeichen der Völkerverständigung hat sie ein Gemeinschaftskonzert amerikanischer und sowjetischer Schüler, unter ihnen auch ihre beiden Töchter, am UN-Hauptsitz in New York konzipiert. Von interessierter Seite wird der fast schon vergessene Jesse Austin dazu animiert, zu diesem Event eine Rede auf dem UN-Außengelände zu halten. Während seiner Rede kommt es zu einem Debakel mit mehreren Toten, das gravierende Spätfolgen auf das Leben der Demidows in Moskau haben wird.

Leo, den wir ja als ruhelosen Ermittler kennen, kann sich nicht mit der offiziell verlautbarten Version der Ereignisse abfinden, zieht sie doch das Ansehen seiner Frau in den Schmutz. Schon fast zwanghaft sucht er nach einer Möglichkeit, selbst vor Ort in New York ermitteln zu können. Bei dem Versuch eines illegalen Grenzübertritts wird er gestellt und nach Afghanistan strafversetzt. Jahre der Hoffnungslosigkeit beginnen.

Wirkte Kind 44 trotz einiger Rückblenden wie aus einem Guss, so gelingt es Tom Rob Smith diesmal nicht, die einzelnen Episoden in Agent 6 atmosphärisch zu verknüpfen. Zu unterschiedlich und zu eigenständig sind die Schauplätze im New York der 1960er und eines Afghanistan in 1980er Jahren. Der Versuch zweimal - nein, dreimal, denn zu den New Yorker Ereignissen gibt es am Ende noch eine Reprise – einen Spannungsbogen aufzubauen, misslingt dem Autor, weil die Afghanistan-Episode den gesamten Plot dominiert. Leo ist dort als Berater und Ausbilder afghanischer Geheimdienst- und Sicherheitsleute tätig, um die schwächelnde kommunistische Regierung Afghanistans zu stabilisieren. Ziemlich schnell erkennt er die Sinnlosigkeit seines Tuns, versieht seinen Job äußerst halbherzig. Die meiste Zeit dröhnt er sich mit dem dort leicht zugänglichen Opium zu. Die Flucht in die Droge hilft ihm, seine persönlichen Schicksalsschläge zu ertragen, verhindert aber, dass er die dramatischen Umwälzungen in Afghanistan Ende der 1970er überhaupt wahrnimmt. Erst als die Sowjets Anfang der 1980er Jahre mit Kampftruppen in Afghanistan einmarschieren und Leo an eine der vielen Fronten geschickt wird - er also unmittelbar mit dem Leid der Bevölkerung konfrontiert wird – kommt wieder Leben in seinen abgestumpften Geist. Die Herausforderung, das Leben einer jungen Frau und eines kleinen Mädchens retten zu können, haben ihn erstarken lassen, weil er auch durch die Befreiung der beiden seinem großen Ziel, nach New York zu kommen, näherkommt.

Betrachtet man die Demidow-Trilogie als Ganzes, so lässt sich feststellen, dass Band II und III nicht die Intensität des Debüts erreichen. Die bedrohliche Atmosphäre des Stalin-Terrors in Kind 44 wirkte wie zum Greifen nah, obwohl weder diese Zeit noch die Schauplätze zu dieser Zeit zur Erfahrungswelt des Autors zählen können. Das war schon eine grandiose Leistung von Tom Rob Smith, die ihm die Anerkennung eines breiten Publikums bescherte. Wie der Autor in Interviews gesteht, hat ihn der Erfolg von Kind 44 unerwartet getroffen. An eine Fortsetzung hatte er gar nicht gedacht. Wie es dann so ist, darf nach einem weltweiten Bestseller nicht allzu viel Zeit vergehen. Nachfolgebände müssen her, was den Autor möglicherweise unter Zeitdruck setzt und was auf Kosten der Qualität gehen kann.

Wie schon Kolyma wirkt auch Agent 6 ein wenig disharmonisch. Starke Momente, in denen Smith´ Empathie für seine Figuren deutlich hervorbricht, wechseln mit Passagen, in denen er sich dann aber in unwichtigen Details verliert. Nichtsdestotrotz ist Agent 6 gewohnt gut erzählt, nur mangelt es an einem durchgängigen Spannungsbogen. Die Dreiteilung des Plots verlangt dem Leser viel Geduld ab, sodass der Showdown in New York leicht als lästiges Anhängsel empfunden werden kann. Leos Reise durch die Zeit hätte durchaus glücklich enden können, aber seine Verbissenheit macht ihn wieder angreifbar, deshalb ist nur ein offenes Ende sinnvoll.

Zum Schluss der obligatorische Hinweis, dass eine Lektüre von Agent 6 als der letzte Teil einer Trilogie die Kenntnis der Vorgängerromane voraussetzt.

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