Kind 44

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Bernd Michael Lade
  • München: Goldmann, 2010, Seiten: 508

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Wolfgang Weninger
Will alles - und greift deswegen nicht

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Jan 2008

Ein neuer Autor stellt sich vor, Jahrgang 1979, mit schwedisch-britischen Wurzeln. Als Thema seines Erstlings sucht er sich für Kind 44 mörderische Geschehnisse im stalinistischen Russland von 1953 aus, einer Zeit, die er nur aus den im Anhang verzeichneten Literaturnachweis kennt, zu der auch u. a. Alexander Solschenizins Werk "Archipel Gulag" zählt. Auf über 500 Seiten versucht Tom Rob Smith im Dumont-Verlag, daraus eine von Armin Gontermann übersetzte Story zu basteln.

Antiheld dieser Geschichte ist ein hochrangiger Offizier des NKWD (Narodny Kommissariat Wnutrennich Djel), dem Volkskommissariat. Zum Zeitpunkt dieser Geschichte, also 1953, war das NKWD allerdings nicht mehr unter diesem Namen aktiv, denn es wurde 1946 wieder in MWD umbenannt, das Ministerium für Innere Angelegenheiten. Hier dürften die Recherchen des Autors wohl nicht sonderlich genau gewesen sein.

Dieser Offizier namens Leo Demidow wird als absolut systemkonformer Mitläufer gezeigt, dessen Aufgabe es ist, subversive Elemente, die das Staatsgefüge unter Stalin gefährden, rigoros mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln auszumerzen. Hier zählt nicht der Mensch, hier zählt die uniforme Masse und der Polizeiapparat hat mit allen Konsequenzen zu versuchen, dass nichts, was es nicht geben darf, unter allen Umständen eliminiert wird.

Raisa Demidowa ist Leos Frau. Als Lehrerin hat sie dafür zu sorgen, dass dem sowjetischen Nachwuchs die Gebote des Stalinismus eingetrichtert werden. Ihr Umgang mit einem regimekritischen Kollegen ist nicht nur Leo suspekt, auch die Polizeimaschinerie hat ein Auge auf sie geworfen, denn Denunziation ist für den Machtapparat das Um und Auf bei der Erledigung von vermeintlichen Problemen.

Gegenspieler Leo Demidows ist sein ihm unterstellter Kollege Wassilij. Als Leo bei einer Säuberungsaktion plötzlich Gewissenbisse bekommt und Wassilij mit Waffengewalt an der Tötung zweier Kinder hindert, unterschreibt er damit das vorläufige Ende seiner Karriere, denn plötzlich sind Freund und Feind hinter ihm und seiner Frau her, so dass beide flüchten müssen.

Das allein wäre schon genügend Stoff für eine dramatische Liebes- und Lebensgeschichte, aber Tom Rob Smith baut auch noch reichlich grausige Morde an Kindern ein. Einen dieser Morde an einem Jungen muss Leo vertuschen, denn offiziell ist Russland frei von solchen Schandtaten. Dass der Vater des ermordeten Kindes zufällig auch noch ein Kollege ist, macht die Sache nicht leichter. Und im Verlauf der Handlung häufen sich die Untaten so eklatant, dass Leo seine Augen davor nicht verschließen kann und versuchen will, ohne Rücksicht auf persönliche Verluste, den oder die Mörder dingfest zu machen.

Was der Autor beherrscht, ist die atmosphärisch dichte Beschreibung der Zustände im Russland der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Schilderungen der Lebensumstände sind packend und eindringlich präsentiert. Hunger, Angst und körperliche Beeinträchtigungen sind an der Tagesordnung, nur wer systemkonform sein Bestes gibt, bekommt Vergünstigungen, wer dies nicht tut, dem droht die Strafversetzung in andere Landesteile und schlimmstenfalls der Gulag und der Tod.

Die Brutalitäten schlachtet Mr. Smith wortgewaltig aus und Actionszenen in einem Plumpsklo der russischen Eisenbahnen und sonstige Fluchtszenarien dürfen dabei nicht fehlen. Da schöpft der Drehbuchautor aus dem Vollen, als müsste er Stunteinlagen für John Woo abliefern. Allerdings wirken sie hier für die sehr stark konstruierte Handlung bis zum relativ abrupten Schluss nur wie Füllmaterial, während der Leser auf den ersten 200 Seiten nicht so recht weiß, worum es eigentlich geht. Ab der Mitte des Buches ist alles klar, da geht es nur mehr darum, ob Leo überlebt und welches Ergebnis er erzielen wird.

Für einen Erstling ist das Buch wirklich passabel. Bis zur Mitte könnte man, trotz ungenauer Recherche, eine schreiberische Topnote vergeben. Danach verflacht der Stoff zusehends zu einem Tränendrüsenactionschocker, der alles will und gerade deswegen nicht greift . Rundum bleibt aber doch ein sehr stimmungsvoll und flüssig geschriebener Krimi, der für einige Stunden Lesevergnügen sorgt, wenn man nicht allzu hohe Maßstäbe anlegt.

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