Der Tote von Nablus

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Soho, 2009, Titel: 'The samaritan´s secret', Seiten: 310, Originalsprache
  • München: Beck, 2010, Seiten: 336, Übersetzt: Klaus Modick
  • München: Heyne, 2011, Seiten: 336, Übersetzt: Klaus Modick

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Tim König
Gerechtigkeit und Überforderung. Im Auge des Lesers.

Buch-Rezension von Tim König Mär 2011

Der Tote von Nablus ist kein Buch für die U-Bahn. Und die Fremdworte sind schuld: man wird gezwungen, einige Begriffe neu zu füllen. Man mag sich vielleicht ein Bild davon machen können, wenn im Hintergrund der Geschichte Hamas und Fatah kämpfen, in der Kasbah das Leben pulsiert und die Ehre das Handeln bestimmt – Aber das Palästina Matt Beynon Rees' ist nicht das Palästina der Tagesthemen (darum nicht weniger real), und so ist der Islam nicht gleich der Islam, die Hamas nicht gleich Hamas und die Fatah nicht die Fatah. Entweder werden die Begriffe bei Rees zu Gesichtern oder bleiben unklar. Arafat beispielsweise wird nie anders als ,der Alte' genannt. Nur eines bleibt genauso wie in der restlichen Welt: Am Ende regiert immer das Geld.

Nicht nur deshalb ist das Buch widerspenstig. Ehrentitel, die nicht von Namen unterschieden werden können und die knappen bildlichen Beschreibungen des komplexen Szenarios zwingen zur Konzentration. Ganz abgesehen von der komplexen und fremden Mentalität – die in den wichtigsten Punkten vielleicht doch näher liegt, als einem lieb sein darf. Es beginnt bei der Familie, die zwischen Zwang und Sicherheit pendelt. Es endet bei der alles dominierenden Schuld. Schuld der vorangegangenen Generation, Schuld vor Gott, Allah, Jahwe, Schuld vor sich selbst und eben Schuld vor der Familie.

Und hier beginnt die große Leistung Matt Beynon Rees': Er erklärt nicht nur, was man in Sachbüchern finden könnte. Er bricht nicht auf die kitschigen, unzulänglichen Motive herunter. Er kreiert keine Personen, die sich selbst retten könnten, ohne die anderen zu retten. Sein Held Omar Jussuf ist Ex-Alkoholiker, intelligent, dem Zufall und dem Alter ausgesetzt, er ist nicht glücklich in seiner Ehe und ein Sohn von ihm ist zu einer extremen Auslegung des Korans konvertiert. Aber das erst führt zurück zu einem anderen Wort, das nur selten in einem Medium ernst genommen werden kann: Gerechtigkeit.
Sie wird erst an jenem Punkt geschaffen, an dem klar ist, dass sie nicht mehr möglich ist.

Entweder hält man mit Omar Jussuf, der Geschichte und ihren Befremdlichkeiten, die man nicht immer auf Anhieb versteht, Schritt oder legt das Buch genervt zur Seite. Hält man jedoch mit und ist sich nicht zu schade, ein paar Wörter nachzuschauen, wird man belohnt. Mit allem, was das Herz begehrt: Harte, verlotterte Detektive, auf einsamen Posten inmitten der Korruption und dem Pfuhl der Sünden; zeitgemäß und nicht mehr heldenhaft: Übergewichtig, an Diabetes erkrankt, brutal und unfähig ihre Wut zu artikulieren. Und mit einem Rücken, zig mal gekrümmt und wieder aufgerichtet, um heute gebeugt und aufrichtig zu gehen.

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