Tage der Toten

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 2005, Titel: 'The Power of the Dog', Seiten: 539, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2010, Seiten: 689, Übersetzt: Chris Hirte

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Ines Dietzsch
Schonungslos aufklärender Thriller

Buch-Rezension von Ines Dietzsch Jul 2010

Don Winslow ist nicht gleich Don Winslow

Auf dem Buchmarkt existieren zwei Autoren mit dem gleichen Namen. Der eine siedelt in der Erotik-Ecke an und der andere schreibt exzellente Kriminalromane. Hat man nun "Tage der Toten" gelesen, könnte man mutmaßen, es gäbe noch einen dritten. Hat doch dieses faszinierende Werk nicht viel gemein mit den Surfin USA-Detektiv-Geschichten um den smarten Boone Daniels, den wir aus Pacific Privat und Pacific Paradise kennen. Außer dass es ebenso grandios erzählt wird. Die Originalausgabe von Winslows Tage der Toten erschien bereits 2005 unter dem Titel The Power of the Dog in den USA. Dem Suhrkamp-Verlag ist es zu danken, dass dieses gewaltige Epos den deutschsprachigen Lesern nicht länger vorenthalten wird.

Pakt mit dem Teufel

1973. Der ehemalige CIA-Agent Art Keller wird von der noch jungen Drogenbekämpfungsbehörde DEA als Fahnder in die mexikanischen Provinz Sinaloa abberufen. Erst kann er wenig tun, sein Einsatz wird von der mexikanischen Polizei und auch von den eigenen Kollegen blockiert. Das ändert sich zwei Jahre später, als Keller die Freundschaft zu Adán Barrera sucht. Adán und Raúl sind die Neffen des Polizeioffiziers und wichtigsten Mannes von Sinaloa, Miguel Ángel Barrera. "Arturo" wird in die Familie aufgenommen und fortan von "Onkel" Tío protegiert. Die Männer verbünden sich im Kampf gegen die Opium-Bauern und zerschlagen in einer groß angelegten Operation das gesamte Drogenimperium von Don Pedro Áviles, der dabei in einen Hinterhalt gelockt und erschossen wird.

Das mexikanische Trampolin

Zu spät erkennt Art Keller, dass Tío Barrera die alten Machthaber nur deshalb gestürzt hat, um sich selbst zum Kopf einer neuen übermächtigen Federación zu machen, die den Drogenhandel an der gesamten mexikanisch-amerikanischen Grenze kontrolliert. Mit Flugzeugen gelangen Tonnen an Kokain aus Kolumbien über Honduras nach Mexiko, von wo aus sie über die dreitausend Meilen lange Grenze nach Amerika geschmuggelt werden. Keller setzt alles daran, die Barreras zu stoppen. Aus den einstigen Freunden sind erbitterte Feinde geworden und die liefern sich über Jahrzehnte einen gnadenlosen Kampf bei dem es nur Verlierer gibt.

Fünfeinhalb Jahre hat Winslow an seinem Buch gearbeitet, dass durch einen Zeitungsartikel initiiert wurde. In dem Bericht stand über ein Drogen-Massaker in Mexiko geschrieben, bei dem neunzehn unschuldige Menschen regelrecht hingerichtet wurden. Winslow beantwortet sich die Frage nach dem Warum mit einem Roman über ein tiefschwarzes Kapitel aus der Geschichte der amerikanischen Demokratie. In Tage der Toten hat er sich die erschütternden Erkenntnisse seiner umfangreichen Recherchen von der Seele geschrieben. Herausgekommen ist eine fast siebenhundert Seiten starke Saga, die die Verstrickungen der amerikanischen Regierung in den Drogenhandel, als Iran-Contra-Affäre geschichtskundig geworden, beeindruckend dokumentiert und die Strukturen der Drogenmafia aufzeigt.

Die Handlung umspannt einen Zeitraum von fast dreißig Jahren und anhand der Einzelschicksale der Protagonisten entwirft Winslow ein blutiges Panorama des von Präsident Nixon ausgerufenen "War on drugs", der bis heute nicht ausgekämpft ist. Winslow bringt neben seinem Hauptakteur Keller viele weitere Charaktere ins Spiel, bis in die kleinste Nebenfigur vielschichtig und glaubwürdig herausgearbeitet, und lässt sie auf vielfältige Weise interagieren. Bei einigen fällt es nicht schwer, die realen Vorbilder zu erkennen. Winslow erzählt die Geschichten eines irischen Killers aus Hells Kitchen, eines mexikanischen Bischofs und einer Edelnutte, deren Lebenswege sich mit denen Kellers und der Barreras kreuzen und verdichtet sie zu einem großen komplexen Ganzen. Winslows Charaktere lassen sich nicht in "Gut" und "Böse" gliedern. Er zeichnet Figuren mit Emotionen, gesteht Drogenbossen und Mafiakillern eine empfindsamen Seite zu und macht sie damit menschlich, obwohl sie abscheuliche Dinge tun.

Fazit:

Tage der Toten ist ein glänzend recherchierter Roman mit beängstigender Realitätsnähe, ein düsteres und brutales Werk, das aufwühlt, deprimiert und einen enormen Nachklang erzeugt. Ein Ausnahme-Thriller, dem man viele Leser wünscht.

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