Das Kartell

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Heineman, 2015, Titel: 'The Cartel', Originalsprache

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Jürgen Priester
Harter Stoff – ein Abbild der Realität

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mär 2015

Über die Jahre hat Don Winslow es geschafft, sich in die Spitze der Spannungsliteraten hochzuschreiben. Sein Gesamtwerk umfasst, beginnend mit "A Cool Breeze on the Underground" aus 1991, bis dato 18 Romane, die alle bei verschiedenen deutschen Verlagen (Piper, Heyne, Suhrkamp, Droemer Knaur) in Übersetzung erschienen sind. In ihnen zeigt Winslow eine ungewöhnliche, sowohl inhaltliche, als auch stilistische Bandbreite – als seien sie nicht von einem, sondern von mehreren Schriftstellern verfasst, wie eine KC-Kollegin einmal anmerkte. Winslows Haupt- und Meisterwerk, da sind sich Kritiker und Leser einig, ist das 2005 erschienene "The Power of the Dog" (Tage der Toten, Suhrkamp 2010, übersetzt von Chris Hirte).

In Tage der Toten beschreibt Winslow den Aufstieg und Niedergang eines mexikanischen Drogenclans über den Zeitraum von einem Viertel Jahrhundert (1975 – 1999). Der großflächige Anbau von Mohn in der mexikanischen Provinz Sinaloa in den 1970er Jahren war die Grundlage des unermesslichen Reichtums und den scheinbar grenzenlosen Einfluss der Familie Barrera.
Art Keller, noch jung an Jahren, ein ehemaliger CIA-Agent, der schon im ausgehenden Vietnamkrieg im Einsatz gewesen war, ist Special Agent bei der DEA (Drug Enforcement Administration). Er soll die strategische Vernichtung der Drogenkaskade (Anbau, Weiterverarbeitung, Transport) für die US-amerikanischen Behörden koordinieren. Keller dringt in die Strukturen der mexikanischen Drogenkartelle ein und freundet sich mit dem Sohn (Adán Barrera) eines Drogenbarons an; wohlwissend, dass sie bald zu gegnerischen Seiten gehören werden. Kellers persönlicher Einsatz im Krieg gegen die Drogen, aber auch der mit aller Brutalität ausgefochtene Kampf der Clans untereinander und der der US-amerikanischen Behörden sind die wesentlichen Erzählstränge des Romans. Tage der Toten endet mit der Verhaftung Adán Barreras und Art Kellers Rückzug aus dem mörderischen Geschäft.

 

Keller: "Ein Krieg gegen den Terror, ein Krieg dem Kommunismus,
ein Krieg gegen die Drogen. Irgendein Krieg ist immer."
"Das ist der Lauf der Welt, fürchte ich."
"Ohne mich," sagt Keller. "Ich mach da nicht mehr mit." (Tage der Toten, S. 673)

 

Das Kartell, die Fortsetzung von Tage der Toten, setzt fünf Jahre später in 2004 ein. Keller hatte seinen Dienst bei der DEA quittiert, sich von seiner Familie getrennt, lebt jetzt friedlich und zurückgezogen als "Bienenvater" (Imker) in einem Kloster in New Mexico. Als ihm von einem Ex-Kollegen mitgeteilt wird, dass der inhaftierte Adán Barrera ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt hat, verlässt Keller die Klostergemeinschaft, um diese nicht zu gefährden. Ruhelos und in ständiger Angst, dass ein Kopfgeldjäger hinter der nächsten Ecke lauert, zieht Keller quer durch die US-Bundesstaaten.
Währenddessen gelingt Adán Barrera ein Deal mit den US-Behörden. Gegen Preisgabe von Insiderinformationen wird seinem Wunsch, in ein mexikanisches Gefängnis verlegt zu werden, stattgegeben. Von dort aus, da ist er sicher, wird seine endgültige Befreiung ein leichtes Unterfangen und die Tat wird spektakulär umgesetzt. Barreras Flucht löst selbstredend eine Menge Aktivitäten der Gegenseite aus. Keller wird rekrutiert und mit seiner Unterstützung wird in Mexico City eine Sonderkommission "Adán Barrera" eingerichtet. Ein weiteres mörderisches Katz- und Mausspiel beginnt, wobei Keller und Barrera wiederum Jäger und Gejagte zugleich sind.

Tage der Toten und Das Kartell, zwei Mammutwerke, zusammengesehen wie aus einem Guss: ein Schwarzbuch über 40 Jahre mexikanischen Drogenkrieges. Wir wissen, dass Don Winslow dazu über Jahre recherchiert hat und können davon ausgehen, dass die Rahmenhandlung auf Tatsachen beruht und einige seiner Figuren von Schicksalen lebender oder verstorbener Menschen inspiriert sind. Im Vorspann des Buches befindet sich eine unvollständige Liste von in jenen Jahren ermordeter oder "verschwundener" mexikanischer Journalisten. Ihnen hat Winslow seinen Roman gewidmet. Stellvertretend für sie hat er die Romanfigur des Lokalreporters Pablo Mora entwickelt, dessen Lebens(Leidens)weg wirklich unter die Haut geht.

Man muss Don Winslow hohe Anerkennung zollen, dass er es als gebürtiger US- Amerikaner gewagt hat, die katastrophalen Zustände im Nachbarland Mexiko in Romanform einer breiten internationalen Öffentlichkeit anzubieten. Damit macht sich nicht nur Freunde. Mal ehrlich geantwortet auf die Frage: Wer würde schon ohne besonderen Anlass ein Sachbuch über den mexikanischen Drogenkrieg lesen?

Winslow scheut sich nicht, die Mitverantwortung der US-Administrationen deutlich zu benennen. Das Drogengeschäft auf dem amerikanischen Kontinent ist ja kein spezifisch mexikanisches Problem, denn es betrifft die ganze Region – die Anbau- und Transitländer, wie auch die USA, das Land mit den meisten Konsumenten. Die Milliarden, die jährlich im Drogenhandel generiert werden, sind für die meisten Länder ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Die Clan-Chefs horten ja die Gewinne nicht irgendwo, sondern investieren in Land, Aktien und Projekte, und erkaufen sich damit Einfluss auf Polizeikräfte, Behörden, Geschäftsleute und Politiker. Wer am besten vernetzt ist, genießt auch die Protektion der USA. Sie betrachten den Drogenhandel als ganz normalen Wirtschaftszweig. Warum sollten sie ihn unterbinden, wenn sie davon profitieren.

So führt Art Keller, das kleine Rädchen im großen Drogen-Karussell, einen schier aussichtslosen Kampf. Seine Gegner sind übermächtig und er kann sie nicht immer ausmachen. Er kann nicht sicher sein, ob der Kollege nebenan, auch die gleichen Ziele verfolgt wie er. Drogenhandel und Korruption arbeiten Hand in Hand.

Das Kartell ist wie sein Vorgänger ziemlich harter Stoff – ein Abbild der Realität, halt. Ein monumentales Werk nicht nur über 40 Jahre Drogen-Geschichte, sondern auch über die Machtpolitik des neuzeitlichen Hegemons, der die süd- und mittelamerikanischen Staaten als legitimen Teil seiner Einflusssphäre sieht. Winslow beleuchtet dieses System aus Macht, Gier und Gewalt aus dem Blickwinkel der "kleinen Leute" wie der angesprochene Journalist Pablo Mora oder die Ärztin Marisol Cisneros, zu der Art Keller ein ganz besonderes Band gesponnen hat. Natürlich gehört auch Art Keller zum Fußvolk; selbst sein ach so mächtiger Gegenspieler Adán Barrera ist nur eine Marionette, die man leicht fallen lassen kann. Die Schicksale dieser Menschen machen Das Kartell zu einem intensiven Erlebnis und trösten über einige Längen in der Rahmenhandlung hinweg.

Das Kartell

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Letzte Kommentare:
27.07.2018 15:01:05
Wolf K. Martin

Ich habe Don Winslows Roman ´Das Kartell´ vor ein paar Wochen auf dem antiquarischen Sammeltisch einer kleinen Buchhandlung gefunden. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich den Autor nicht, aber den Klappentext fand ich interessant und für 3,-€ kann man eigentlich nichts falsch machen – oder?
Um es gleich zu sagen, mir hat das Buch gut gefallen und ich habe es trotz der über 800 Seiten innerhalb von einer Woche gelesen. Es hat mich in seinen Bann gezogen, jedoch nicht als Roman.
Denn den Krieg gegen die Drogen romanhaft zu verarbeiten, ist Don Winslow nur bedingt gelungen. Die Figuren blieben für mich trotz relativ detaillierter Einführung überwiegend flach und konturlos, obwohl die meisten Protagonisten viel Raum in der Geschichte einnehmen.Wie die Drogenbosse und deren Handlanger beispielsweise mit ihren beauftragten oder selbst verübten Gräueltaten zurechtkommen, wird zwar angesprochen, aber dem Leser nicht authentisch zu Ende geschildert. Ich hatte während der Lektüre immer ein distanziertes Gefühl gegenüber den Personen und deren Handlungen. D.h. weder Drogenbosse, noch Polizisten oder Opfer haben mich ´gefangen´ genommen.
Warum hat mir das Buch trotzdem gefallen? Auf der einen Seite sind Handlungen und Vorkommnisse des Drogenkriegs minutiös recherchiert und sehr glaubhaft geschildert. Das kennt man so aus der Berichterstattung im Fernsehen oder der Presse. Andererseits treibt die Sprache die Geschichte voran. Immer wieder erhöht Winslow mit kurzen Sätzen das Tempo und schildert damit viele komplexe Vorgänge klar und anschaulich.Er beleuchtet die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven und schafft es, die Grausamkeiten dieses Krieges detailliert zu schildern. Insgesamt wirkt das Buch eher wie ein umfangreicher Tatsachenbericht mit fiktiven Personen und als solcher ist es äußerst spannend bis hin zu lehrreich geschrieben.
Ist das Buch zu lang? Meine Antwort lautet: Ja! Für mich hätte Winslow dieselbe Geschichte auch auf 500 Seiten in gleicher Intensität erzählen können.

12.09.2017 17:03:32
Werner Albers

Unter Roman stelle ich mir etwas gänzlich anderes vor, nämlich Unterhaltung.
Ob Tage der Toten oder das Kartell, bei beiden Büchern mag es sich um Realität handeln,
Kriegsberichterstattung liest sich aber auch so.
Wer Unterhaltung möchte, liest diese Bücher nicht, sondern holt-so er denn will- sich seine Drogenkartell Informationen über Internet oder Fernsehen.
Das Buch besteht aus fortlaufender Beschreibung von Exzessiver Gewaltausübung wie Köpfe absägen, Lebend Verbrennung et. und was die Erzählkunst anlangt, schließe ich mich megaeggi an. Schauplatz/Action.

09.05.2016 22:57:21
Kathrin Rosendahl

Ich habe 10 Jahre in Mexiko gelebt dann habe ich nun diese Bücher gelesen und bin überrascht davon wieviel wissen don winslow über Details und Realität hat. Meines Erachtens ist das ein Roman über Joaquín guzman. Muy Bien hecho! Mi respeto. Viví un poco de México y leyendo el libro me siento como estar ahí. Bussi pero alguien q no conoce México no entiendo nunca tu libro Don.Katty

05.04.2016 20:30:28
anyways

Seit über dreißig Jahren dauert die Territorialschlacht der Drogenkartelle in Mexiko schon an, als Art Keller , ein namhafter Agent der DEA, das Handtuch schmeißt und in ein Kloster geht, um Bienen zu züchten. Doch die Vergangenheit holt ihn ein. Trotzdem er seinen größten Widersacher, Adán Barrera endlich hinter Gitter wähnt, ist der Krieg um den Stoff in Mexiko heftiger den jäh entbrannt. Nachdem ihn seine ehemaligen Kollegen im Kloster aufspürten um ihn zu einem weiteren Einsatz zu überreden, flieht er auch von dort. Er flieht quer durch Amerika vor seinen ehemaligen Kollegen der DEA und vor dem Killerkommando, das Barrera ohne Zweifel auf ihn hetzen wird. Zwischenzeitlich ahnt Keller, das er sich durch diese zermürbenden Umstände, in der größten Einzelzelle der Welt befindet.Währenddessen plant Barrera seine „Haftentlassung“. Erst lässt er sich von einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis in ein mexikanisches verlegen. Als Pfand verrät er seine ärgsten Feinde an die DEA, gleichzeitig besetzt er alle so freigewordenen Stellen in den Kartellen, mit seinen eigenen Leuten. Er infiltriert und besticht vom Gefängnisdirektor bis zur Politik alles, denn er hat ein Ziel. Die von seinem Onkel ins Leben gerufene „Fereración“ wieder auferstehen zu lassen, mit ihm als König der Könige. Ein Herrscher über sämtliche Drogenkartelle und Verkaufswege in Mexiko. Genau dies befürchtet Keller seit langem und versucht alles, Barrera ein für alle Mal unschädlich zu machen. Doch in diesem Haifischbecken aus Drogenschmuggel, Schmiergeldzahlungen, Prostitution und Geldwäsche, schwimmen noch ganz andere Fische mit. Eine schier endloser Kampf, denn es gibt weder gut noch böse….Don Winslow liefert mit seinem neuesten Thriller ein imposantes Werk ab. Sehr detailliert beschreibt er die Entstehung neuer Drogenkartelle und den damit verbunden erbitterten und blutigen Kampf um Territorien. Dabei vermischt er geschickt Tatsachen mit fiktiven, aber der Wirklichkeit nicht unähnlichen Personen. Belegbare Fakten, sind die Klarnamen der verschiedensten Gruppierungen wie der Los Zetas, oder der Untergruppen Los Lineas, auch diverse Massaker (Hierbei sei stellvertretend das Massaker während einer Geburtstagsfeier in Ciudad Juarez, mit über fünfzehn toten Jugendlichen erwähnt. Nicht einer der Feiernden war in Drogendelikte verwickelt, es handelte sich offiziellen Angaben zu Folge um eine „Verwechslung“!) die im letzten Jahrzehnt in den mexikanischen Hochburgen verübt worden sind, sind perfekt in die Handlung eingefügt. Ein klein wenig zu kurz kam mir die Rolle der Reporter. Da Winslow dieses Buch, der auf den ersten Seiten angeführten über einhundert Reportern widmet, fand ich den Erzählstrang um Pablo Mora ein klein wenig dünn, nichts destotrotz aber auch dramatisch.Don Winslow ist ein begnadeter Erzähler, der es schafft die kompliziertesten Sachverhalte verständlich und nachvollziehbar darzustellen. Trotz der immensen Komplexität der realen Verhältnisse, bringt Winslow sie für den Leser in einen verstehbaren Zusammenhang. Hier hatte ich dann allerdings meine Schwierigkeiten, denn der Autor lässt nichts aus, sämtliche Gewaltakte werden ebenso detailliert beschrieben wie der Rest der Geschichte. Da der mexikanischen Drogenkrieg gezeichnet ist von Barbareien jeglicher Art, wie Entführungen, Folterungen, Verstümmelungen und Vergewaltigungen ist auch dieses Buch voll davon. So wie der Journalist Pablo in der Geschichte irgendwann resümiert das er schon tausend Leichen gesehen hätte, musste auch ich feststellen das ungefähr so viele hier erwähnt werden, nebst ihres Todes. Es ist ein Gewalt(iges) Buch und man muss schon einiges an Konzentration und Nerven aufbringen um es zu Ende zu lesen. Gerade das letzte Drittel machte mir doch etwas zu schaffen , da die Sinnlosigkeit und die Gewalt irgendwie nicht aufhören wollten, gerade so wie in der Realität…

23.02.2016 11:00:23
Janosch79

Bislang bin ich von den Büchern von Don Winslow überhaupt nicht angetan gewesen. "Das Kartell" hat aber das genaue Gegenteil erreicht: Ich bin begeistert!

Inhalt: US-Drogenfahnder Art Keller geht nach dem Vorgänger "Tage der Toten" erneut auf Spurensuche, nachdem er in die komplexen Strukturen der mexikanischen Drogenmafia vordringen konnte. Die Drogendepots sind aufgeflogen, sodass die Jagd auf Keller eröffnet ist. Das Drogen- und Waffengeschäft hat nun solche Ausmaße angenommen, dass der Feind nun aus einer ganz anderen Richtung kommt.

Die monumentale Fortsetzung von "Tage der Toten", die ich selbst noch gar nicht gelesen habe, erfasst den Leser bereits mit den ersten Zeilen. Es entwickelt sich ein regelrechter Sog, dem man nicht mehr entkommen kann. Eine äußerst lebendige Sprache gepaart mit unbändigem Wissen rund um den Drogenkrieg in Mexiko machen diesen Thriller zu einem echten Vergnügen. Man merkt Don Winslow die umfangreiche Recherche in diesem Buch an. Dabei fühlt man sich von der Recherche ein wenig an "Homicide" von David Simon erinnert, der eine Reportage in Buchform über den Polizeialltag in Baltimore verfasst hat. Die 830 Seiten von "Das Kartell" mögen vielleicht zunächst abschrecken, doch der Leser wird mit einer wirklichen packenden Geschichte verwöhnt.

Hauptschauplatz des Buches ist Mexiko. Dabei treffen mit Adan Barrera, der Chef eines mächtigen Drogenkartells und US-Drogenfahnder Art Keller zwei erbitterte Feinde aufeinander, die sich gegenseitig ausschalten wollen. Winslow verdeutlicht in seinem Werk die Abläufe in den Kartellen. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, die brutalen Handlungsweisen detailliert zu beschreiben. Beispielsweise werden einem Informanten Drogen verabreicht, damit er entsprechende Namen preisgibt. Es gibt die Zwangsheirat, um Nachwuchs für das Kartell heranzuziehen. Der Autor wechselt sehr oft die Perspektiven, um dem Leser einen entsprechenden Einblick in die verschiedenen Verknüpfungen zwischen Verbrechen und Politik zu geben. Auch blickt er auf die Schicksale der Menschen, die unter diesem Drogenkrieg leiden müssen.

Insgesamt fühlte ich mich mit diesem Buch bestens unterhalten und gleichzeitig sehr gut informiert. So sieht für mich ein hervorragend recherchiertes Buch aus. Eine absolute Empfehlung!

21.11.2015 10:02:58
megaeggi

na ja, ich kann die lobenden worte meiner vorredner nur bedingt nachvolllziehen spannung ja - aber für mich gibt es da eine gewaltige zäsur zwischen spannung aufgrund der handlung und spannung aufgrund des erzählstils. und bei letzterem ist don winslow klar auch der verliererseite.der roman ist ein roadmovie der nach dem einfachen prinzip schauplatz/action auf zum nächsten schauplatz wieder action funktioniert. das ist sehr eindimensional und das gibt auch wenig spielraum für gut gezeichnete charaktere.mein fazit: actionreiches buch, viel blut, viele waffen, viele drogen und viel gewalt aber zu weng für ein wirklich spannendes buch!

03.11.2015 14:23:01
Haudegen

Auch ich habe das Buch "Tage der Toten" genossen. Nunmehr lese ich "Das Kartell". Sicherlich nicht schlecht, aber kommt nicht an das erstgenannte Werk heran. Was mir böse aufstößt, sind die Fehler in den Erzählungen. Wie kann Adan Barrera 43 Jahre alt sein, im Jahre 2004/2005, wenn er 1975 19 Jahre alt war. Dies ist nicht der einzige "Fehler", der irgendwie entweder durch mich falsch interpretiert wird, oder falsch geschrieben ist.
Das Buch ist gut, auch wenn es sicherlich 250 Seiten zu lang geworden ist.

21.09.2015 10:04:09
Darts

Text auf der Rückseite:

Macht, Korruption, Rache und Gerechtigkeit: Inspiriert von den Schlagzeilen über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege des letzten Jahrzehnts, folgt nun 'Das Kartell', die Fortsezung des internationalen Bestsellers 'Tage der Toten'.

Sie waren mal beste Freunde. Aber das ist viele Jahre und unzählige Tote her. Der Drogenfahnder Art Keller tritt nun an, um Adán Barrera, dem mächtigen Drogenboss, für immer das Handwerk zu legen. Er begibt sich auf atemlose Jagd und in einen entfesselten Krieg, in dem die Grenzen zwischen Gut und Böse schon längst verschwunden sind: ein Krieg mit epischem Ausmaß, ein Krieg gegen die Gesetzlosen. Eine wahrhaft erschütternde, genau recherchierte Geschichte über die mexikanisch-amerikanischen Drogenkriege, über Gier und Korruption, Rache und Gerechtigkeit, Heldenmit und Hinterhältigkeit.

Und mit diesem Text ist schon vieles beschrieben, was in diesem Thriller passiert.
Es beginnt damit, dass Art Keller (Killer-Keller) in einem Kloster Zuflucht genommen hat und dort als Bienenvater bekannt ist.
Der Drogenboss Adán Barrera wurde mit Hilfe seines füheren Freundes Art Keller inhaftiert und später in ein mex. Gefängnis überstellt. Dort gelingt ihm die Flucht und er setzt ein 2 Mio. Kopfgeld auf seinen Verräter aus.
Dieser muß daraufhin seine Zufluchtsstelle verlassen und begibt sich auf die Flucht und gleichzeitig auf die Jagd nach seinem Widersacher.
Wenn es in diesem Stil als Roman weiter gegangen wäre, wäre es ein Thriller in meinem Sinne gewesen.
Leider zieht sich das Buch über seine 830 Seiten oft sehr schleppend dahin. Da es hauptsächlich darum geht, wie sich mehrere Kartelle in Mexiko und Guatemala bekämpfen, war ich froh, dass vorne und hinten im inneren Umschlag, die dazu gehörigen Karten und Erklärungen der einzelnen Kartelle zu finden waren. Trotzdem fand ich das Buch oft sehr langatmig und langweilig. Aber das ist mein pers. Empfinden.
Denn der Autor hat wohl alles sehr gut recherchiert und wie die Zeitung vorige Tage von einem Ausbruch eines Kartellbosses in Mexiko berichtete, klang es schon genau wie in diesem Buch.

Mein Fazit: Ich habe das Buch komplett durchgelesen, hatte mir aber wohl etwas anderes darunter vorgestellt.

15.09.2015 16:32:18
Andrea Gaida

Hätte nicht gedacht, dass mich auf meine alten Tage ein Buch noch so schocken würde-hier wäre es wirklich sinnvoll, de Leser darauf hinzuweisen, dass das Buch nur etwas für Erwachsene ist. Es ist schwere Kost und derartig brutal, dass man auch nach dem Lesen des Buches nicht mehr abschalten kann. Als empathischer Mensch sollte man sich gut überlegen, ob man sich das wirklich antun möchte. Ich konnte zwar nicht mehr aufhören zu lesen, aber es ging mir danach richtig schlecht. Unsagbar grausam und das schlimmste ist wohl, dass es eben keine Fiktion ist. Ich war der Meinung, dass wir durch die Berichterstattung des IS schon alles gesehen und gehört haben, aber das hier hat das alles noch getoppt. Grauenhaft!

06.09.2015 09:35:56
Anja S.

"Das Kartell" hat nach der "Flucht" von Drogenboss" El Chapo" Guzman vor einigen Wochen aus einem mexikanischen Gefängnis noch einmal eine ganz andere Dimension gewonnen. Man könnte sich fast fragen, ob "Das Kartell" dazu die Vorlage oder zumindest Anregung gegeben hat, so ähnlich ist "El Chapo" - durch einen gebuddelten Gang" entkommen. Leider wird es wohl eher andersherum sein, Herr Winslow kennt die mexikanischen Verhältnisse einfach zu gut, daher sein exakter Vorausgriff der Realität.
mir hat "Tage der Toten" wie vielen anderen Lesern hier ebenfalls besser gefallen, dennoch ist auch "Das Kartell" weit überdurchschnittlicher Lesestoff, der einen ob seinem Realitätbezug schaudern läßt.

02.09.2015 21:15:44
CC

In Anbetracht der ausführlichen Kommentare nur kurze Anmerkungen:

"Das Kartell" ist etwas schwächerer Nachfolger von "Tage der Toten", jedoch gelingt es Winslow wieder, die Ambivalenz der Hauptfiguren herauszuarbeiten, zu zeigen, daß es keines plumpen Gut-Böse-Schematas bedarf.

Ein guter Kriminalroman (im weitesten Sinne), wie dieser, involviert Leser emotional, OHNE ein plumpes Gut-Böse-Schema zu bemühen.Leider wirken die letzten 200 Seiten , als wären sie unter Zeitdruck geschrieben, oder vom Lektorat runtergekürzt.

Was noch zu erwähnen ist:
Grundgerüst der Geschehnisse in "Das Kartell",
wie auch in "Tage der Toten", sind die realen Ereignisse im mexikanischen Drogenkrieg der letzten bzw. vorletzten zehn Jahre, alle wichtigen Figuren (umbenannt), Parteien und Ereignisse findet man in der entsprechenden Berichterstattung oder in der Wikipedia.

21.08.2015 21:22:06
mikes

Wenn es noch eines Beweises bedurfte, das die menschliche Rasse eine Fehlentwicklung der Natur ist, dieses Buch liefert ihn, sofern man nicht den fiktionalen Inhalt, sondern die Beschreibung der bestialischen Praktiken in diesem Drogenkrieg für bare Münze nimmt. Und das kann man wohl. Verfolgt man nur ein wenig die - in Europa ja sehr sporadische - Berichterstattung über die Situation in Mexiko, so wird die Fiktion nur allzu schnell von der Realität überholt: Adan Barerra flieht mit dem Helikopter aus dem vermeintlichen Hochsicherheitsgefängnis, dem realen Drogenboss baute man einen kilometerlangen Tunnel. Mexiko steht Syrien und Afghanistan in nichts nach.
Ich will mir hier eine Inhaltsangabe des Buches schenken - denn das haben meine "Vorschreiber" schon hervorragend erledigt - mich aber der Kritik anschließen, dass dieses Buch hier bisher noch keine offizielle Rezension erhalten hat. Es hätte eine verdient. Auch will ich keine Vergleiche anstellen zu dem Vorgängerroman "The Power of the Dog" (Tage der Toten). Es ist schon einige Zeit her, das ich den gelesen habe, und so verbieten sich Vergleiche aus einer möglicherweise verzerrten Erinnerung.
Dieses Buch - ich habe es im englischen Original gelesen - jedenfalls hat mir hervorragend gefallen, nicht nur weil es exzellent recherchiert, unglaublich spannend und wahrscheinlich extrem nah an der Realität erzählt ist, sondern weil Winslow in dem Buch ein paar ebenso unbequeme wie deprimierende Wahrheiten ausspricht, deren Wahrheitsgehalt man sich bei näherer Betrachtung nur schwer entziehen kann:
1. Der Drogenkrieg steht dem Krieg gegen den Islamismus und Terrorismus in nichts nach, schon gar nicht in der Brutalität, mit der er geführt wird. Zudem hat sich die Kriegführung der Amerikaner in diesen Auseinandersetzungen in den letzten Jahren stark gewandelt, wie Winslow eindrucksvoll vorführt. Ging es noch vor einem Jahrzehnt vor allem darum, die "großen Bosse" zu fassen, sie hinter Gitter zu bringen und so ihre Aktivitäten zu unterbinden, geht es heute bei der Terrorismusbekämpfung schlicht darum, diese Personen zu töten und damit potentielle Nachfolger abzuschrecken. "Go on, make your billions, but you won´t live to enjoy them" lässt Winslow seinen Protagonisten Art Keller dazu sagen. Rechtstaatliche Methoden: Fehlanzeige, da nutzlos, also "who gives a fuck". Die Methoden der Kriegführung gleichen sich auf beiden Seiten mehr und mehr an und schaukeln sich gegenseitig hoch, und wir können nur beten, das nicht irgendwann auch "die Bösen" über Drohnen verfügen ...
2. Jeder Krieg ist heute mehr denn je auch ein Krieg der Medien. Im Buch wie in der Realität kaufen sich die Drogenbarone die Loyalität ganzer Bevölkerungen mit Wohltaten, vor allem dort, wo der Staat versagt. Und andererseits:"What good is an atrocity, if nobody gets to know you committed one." lässt Winslow einen seiner Drogenbosse sagen. Es gibt eben so etwas wie schlechte Publicity nicht, und in dieser Erkenntnis stehen die Drug Lords dem IS ebensowenig nach wie in ihrer konsequenten Umsetzung. Jede Bestialität wird am besten mit einer noch größeren Abartigkeit beantwortet, man will ja schließlich nicht das Gesicht verlieren.
3. Jeder ist käuflich, die Welt ist käuflich, Geld entscheidet. Deshalb gibt es in Wahrheit auch kein Interesse, den Drogenhandel zu unterbinden. Allenfalls noch die Akteure der mittleren Hierarchieebene (wie Art Keller), wollen das. Adan Barerra sagt im Buch zu dem Vorgesetzten von Keller sinngemäß: "Was glaubt Ihr denn, wer während der letzten großen Krise mit Bargeld zur Stelle war, als Eure Industrie keins mehr hatte? Ohne unser Geld währt Ihr doch vollends abgesoffen."
4. Und damit sind wir bei der Kernaussage des Buches, so wie ich sie sehe: Wir alle sind das Kartell, heißt es da an einer Stelle. Nicht nur die Drogenbosse, die Dealer und ihre nur allzu willigen Abnehmer, sondern auch die großen Industriekonzerne und Banken, die das gewaschene Drogengeld nur zu gerne nehmen, ohne zu fragen, woher es kommt, die korrupten Politiker und Polizisten, die gleiches tun, sondern am Ende wir alle, die wir lieber weg- als hinschauen, solange wir nur auf unserer Insel der Seeligen unbehelligt so weitermachen können wie bisher. Uns reicht - wie den Amerikanern gegen Ende des Buches - ein Waffenstillstand, der uns wieder Ruhe bringt, und sei es auch die Ruhe der Toten. Wie lange, glauben wir eigentlich, wird das wohl noch gutgehen?
Und aus diesem Grunde ist dieses Buch in höchstem Maße lesenswert: Selten wurde mir die Welt oder doch mindestens ein Teil davon so glaubwürdig und realitätsnah und zugleich so spannend und unterhaltsam erklärt, auch wenn mich das Ergebnis nur ratlos und deprimiert zurücklässt. Für mich: 95"

11.08.2015 16:03:32
manni

Ich habe den Schinken nach Teil l verschenkt. Den vorherigen Kritiken schließe ich mich an, aber literarisch kommt "Das Kartell" nicht an seinen Vorgänger heran. Hier wird ein Script abgewickelt, eine persönliche Reflektion, eine empathische Auseinandersetzung Winslows mit seinem Stoff und seinen Protagonisten findet nicht mehr statt, da fehlen die Zwischentöne, schade.
Übrigens: Eine Journalistin mit aktuellen Recherche-Erfahrungen vor Ort, die auch gerade das Buch gelesen hatte, meinte zu mir nur lakonisch: Was Winslow brutalst schreibt ist in Natura vor Ort noch viel schlimmer. Wir könnten uns hier überhaupt nicht vorstellen was da wirklich abgeht. "Tage der Toten" war ein Ausnahmeroman, Winslow wird schlicht überschätzt.

05.08.2015 12:17:46
Oldman

Oh Mann, was für ein Brett von einem Buch. Der Vorgänger, Tage der Toten, ist natürlich dermaßen gut, daß es nun, 6 Jahre später, wirklich mutig von Winslow war, einen Folgeroman zu schreiben, zumal seine letzten Bücher nur Durchschnitt waren. Aber er hat bewiesen, daß er es noch kann. Die unendliche Drogenproblematik in Mittelamerika und den USA wird mit einer Eindringlichkeit dargestellt, die wirklich ihresgleichen sucht. Und dabei spielen 2 Aspekte die Hauptrollen: die unerschöpfliche Bereitschaft der reichen Amerikaner für den Drogenkonsum und die nur daraus resultierende Möglichkeit der südamerikanischen Produzenten - und Vertriebsstaaten, diesen Markt zu bedienen, was mit riesigen Profiten und für uns Mitteleuropäer unfassbaren Gewaltexessen verbunden ist. Das alles stellt Winslow in diesem fiktionalen Werk dar, wobei speziell die Gewaltdarstellungen nichts für Leser sind, die ansonsten feine Psychologisierungen bevorzugen. Die Kartelle machen keine Gefangenen, und Winslow bei der Beschreibung von Gewalt auch nicht. Hier benutzt er, wie üblich, keine feine Klinge, sondern mindestens den Säbel. Alles in allem ein würdiger Nachfolger, der die Qualität des ersten Buches fast erreicht und auch für sich steht. Winslow und sein lakonischer Schreibstil sind wieder da und wie ! Kleine Kritik am Rande: obwohl das Buch nun doch einige Monate auf dem deutschen Markt ist gibt es keine offizielle Rezension auf dieser unserer Seite.

04.07.2015 12:09:40
Cronopio

O, mein Gott! Als ebenso vom rechten Weg abgekommener Glaubensbruder Art Kellers kann ich unmittelbar nach Abschluss der Lektüre nur sagen, dass es mir sehr schwer fällt, dem Gebot "Liebe deinen Autor wie dich selbst!" weiter zu folgen. Die Anerkennnung seines monströsen Rechercheaufwands sei Winslow unbenommen, allerdings bleibt das Ergebnis weit hinter "Tage der Toten" zurück. Selbstverständlich kann das Verstörend-Quecksilbrige des Meisterwerks nicht mal eben so wieder hergestellt werden. Schließich kennt der Leser die Lage. Allerdings ist hier auch spürbar die Verstörung des Autors einer die Effekte berechnenden Schreibhaltung gewichen, deren Genuss Zweifel daran aufkommen lassen, welcher literarischen Gattung das Ergebnis zuzuordnen wäre. Die Frage, ob hier die Handelnden in Gewaltspiralen gefangen sind oder ob nicht vielmehr Winslow sich in der Beschreibung der Erniedrigung seiner Figuren fast schon obsessiv suhlt, begleitet die ganze Lektüre und erzeugt mit wachsendem Abstand größer werdende Ablehnung.

30.06.2015 15:50:17
Amica65

6 Jahre hat sich Don Winslow Zeit genommen und für seine Fortsetzung von 'Tage der Toten' akribisch recherchiert und rausgekommen ist eine wuchtige Fortsetzung seines Meisterwerkes.

Die Geschichte beginnt im Jahr 2004, Art Keller, US-Drogenfahnder und der Held aus 'Tage der Toten' hat sich in ein Kloster zurückgezogen. Als sein Todfeind, der von ihm ins Gefängnis gebrachte mexikanische Drogenbaron Adán Barrera, einst sein bester Freund allerdings ausbricht und eine Belohnung auf seinen Kopf aussetzt, ist es mit der Ruhe vorbei.

Der Autor schildert den gnadenlosen Kampf der Drogenkartelle über einen Zeitraum von 10 Jahren in seiner bekannten schnörkellosen Art. Hier ist kein Wort zu viel, alles wird genau auf den Punkt gebracht.

Zitat:

"Al-Qaida hat dreitausend Amerikaner umgebracht. Es mag herzlos klingen, aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir (die USA) an Drogenopfern haben, Jahr für Jahr."

Durch häufige Perspektivwechsel und eine bildhafte Sprache entwickelt der Roman von Anfang an einen Sog, der einen nicht mehr loslässt. Im Präsens geschrieben fühlt man sich als Leser mitten im Geschehen.

Winslow zeigt auf, mit welcher Macht die unterschiedlichen Drogenkartelle agieren, wie sie staatliche Strukturen durch Korruption unterwandern. Besonders schockierend wird hier beschrieben, wie Tausende Menschen auf brutalste Weise getötet oder vertrieben werden und wie wehrlos der mexikanische Staat dagegen ist. Es lässt einen fassungslos zurück, dass der Kampf gegen die Drogen praktisch nicht zu gewinnen ist und dass das auch gar nicht gewünscht wird, weil zu viele davon profitieren. Der Drogenhandel zwischen den USA und Mexiko ist ein Milliardengeschäft.

Man fragt sich während des Lesens mit einem Kloß im Hals, wie weit das alles der Realität entspricht und viele Szenen, ob ihrer Brutalität sind mir noch lange in Erinnerung geblieben.

Beispiel Seite 244:

"Chuy drückt ab. Knipst dem Mann das Lebenslicht aus. Es fühlt sich gut an. Chuy Jesús Barajos ist gerade zwölf geworden."

Der komplexe Roman verlangt einem, nicht nur wegen der Grausamkeiten alles ab. Die Charakterisierungen der zahlreichen Figuren ist Winslow sehr gut gelungen und man fiebert und bangt mit ihnen mit. Hier verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse und die einzelnen Protagonisten wirken dadurch sehr authentisch und menschlich, da man teilweise sogar Verständnis für die Beweggründe entwickelt, nicht nur für den korrupten Journalisten.

Winslow widmet seinen Roman den ermordeten oder 'verschwundenen' Journalisten, gleich am Anfang des Buches in einer 2seitigen Aufzählung von Namen. Und nicht nur hierbei spürt man seine Wut und das Herzblut, mit dem er die Hintergründe beleuchtet und den Leser schonungslos teilhaben lässt am 'War on Drugs.'

Zitat:

"Dies ist kein Krieg gegen die Drogen. Dies ist ein Krieg gegen die Armen und die Ohnmächtigen, Unhörbaren und Unsichtbaren, die ihr von der Straße fegen wollt wie den Dreck, der euch um die Beine weht und eure Stiefel beschmutzt."



Am Ende des Romans findet sich zur Orientierung eine Landkarte von Mexiko, auf der die 4 wichtigen Drogenkartelle eingezeichnet und beschrieben sind: Das Tijuana-Kartell, das Juárez-Kartell, das Sinaloa-Kartell und das Golf-Kartell.

Mein Fazit: Don Winslow ist mit seinem Epos ein sprachlich exzellenter, packender Thriller gelungen, der über 800 Seiten den Spannungsbogen hochhält.

Chapeau Mr. Winslow

24.06.2015 08:19:30
leseratte1310

Art Keller, ein ehemaliger Polizist, hatte sich in ein Kloster zurückgezogen und Bienen gezüchtet. Adan Barrera, der dank Keller in einem amerikanischen Hochsicherheitsgefängnis einsitzt, will den Drogenhandel wieder unter seine Kontrolle bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ihm jeder Weg recht, Gegner werden beseitigt, Schmiergelder gezahlt und Bündnisse eingegangen. Sogar in der Regierung hat Barrera seine Handlanger. In früheren Zeiten waren Art und Adan mal Freunde, inzwischen sind sie erbitterte Feinde. Als Barrera die Flucht gelingt, muss Keller um sein Leben fürchten und macht sich auf der Jagd nach Adan, um ihn seiner Strafe zuzuführen. Es entwickelt sich ein grauenhafter und gnadenloser Drogenkrieg
Die Story besticht durch raschen Szenenwechsel, was einen am Anfang etwas verwirrt, aber die Geschichte sehr spannend und actionreich macht. Da uns das Geschehen aus wechselnden Perspektiven erzählt wird, ergibt sich ein Überblick über die sehr komplexen Verflechtungen, die sogar vor Politikern und Polizisten nicht Halt machen.
Obwohl ich den Vorgängerband "Tage der Toten" nicht kenne, konnte ich mich in die Geschichte problemlos hineinfinden, denn alles ist sehr detailliert erzählt.
Die Strukturen und Verflechtungen der Kartelle sind sehr undurchschaubar, so dass es der Polizei fast unmöglich ist, mit legalen Mitteln diesem Sumpf beizukommen. Sowohl Art als auch Adan wollen ihr Ziel erreichen und gehen dabei über Leichen. Die Grenzen zwischen Gut und Böse werden merklich unscharf. Dabei werden die Protagonisten sehr vielschichtig geschildert. Winslow versteht es, einerseits die rücksichtslose und schreckliche Seite, andererseits aber die die zutiefst menschliche Seite der Protagonisten zu zeigen.
Detailgetreu werden in diesem Buch sogar die Brutalitäten geschildert und man muss schon starke Nerven haben, um das über 800 Seiten lang wegzustecken. Dieser Thriller ist düster, brutal und sehr realistisch und stimmt nachdenklich.
Spannend und fesselnd bis zum Schluss!

14.06.2015 13:40:31
Janosch79

Bislang bin ich von den Büchern von Don Winslow überhaupt nicht angetan gewesen. "Das Kartell" hat aber das genaue Gegenteil erreicht: Ich bin begeistert!

Inhalt: US-Drogenfahnder Art Keller geht nach dem Vorgänger "Tage der Toten" erneut auf Spurensuche, nachdem er in die komplexen Strukturen der mexikanischen Drogenmafia vordringen konnte. Die Drogendepots sind aufgeflogen, sodass die Jagd auf Keller eröffnet ist. Das Drogen- und Waffengeschäft hat nun solche Ausmaße angenommen, dass der Feind nun aus einer ganz anderen Richtung kommt.

Die monumentale Fortsetzung von "Tage der Toten", die ich selbst noch gar nicht gelesen habe, erfasst den Leser bereits mit den ersten Zeilen. Es entwickelt sich ein regelrechter Sog, dem man nicht mehr entkommen kann. Eine äußerst lebendige Sprache gepaart mit unbändigem Wissen rund um den Drogenkrieg in Mexiko machen diesen Thriller zu einem echten Vergnügen. Man merkt Don Winslow die umfangreiche Recherche in diesem Buch an. Dabei fühlt man sich von der Recherche ein wenig an "Homicide" von David Simon erinnert, der eine Reportage in Buchform über den Polizeialltag in Baltimore verfasst hat. Die 830 Seiten von "Das Kartell" mögen vielleicht zunächst abschrecken, doch der Leser wird mit einer wirklichen packenden Geschichte verwöhnt.

Hauptschauplatz des Buches ist Mexiko. Dabei treffen mit Adan Barrera, der Chef eines mächtigen Drogenkartells und US-Drogenfahnder Art Keller zwei erbitterte Feinde aufeinander, die sich gegenseitig ausschalten wollen. Winslow verdeutlicht in seinem Werk die Abläufe in den Kartellen. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, die brutalen Handlungsweisen detailliert zu beschreiben. Beispielsweise werden einem Informanten Drogen verabreicht, damit er entsprechende Namen preisgibt. Es gibt die Zwangsheirat, um Nachwuchs für das Kartell heranzuziehen. Der Autor wechselt sehr oft die Perspektiven, um dem Leser einen entsprechenden Einblick in die verschiedenen Verknüpfungen zwischen Verbrechen und Politik zu geben. Auch blickt er auf die Schicksale der Menschen, die unter diesem Drogenkrieg leiden müssen.

Insgesamt fühlte ich mich mit diesem Buch bestens unterhalten und gleichzeitig sehr gut informiert. So sieht für mich ein hervorragend recherchiertes Buch aus. Eine absolute Empfehlung!

06.06.2015 23:06:32
subechto

Kaputt in Juarez

„Das Kartell“ ist die Geschichte zweier Männer, einst Freunde, jetzt Todfeinde: Arthur Keller ist US-Drogenfahnder, Adán Barrera ein mexikanischer Drogenbaron. Sie beginnt im Jahr 2004 genau dort, wo „Tage der Toten“ aufgehört hatte - Adán sitzt im Knast, Art Keller lebt als Bienenvater in einem Kloster in New Mexico - und endet, nach dem blutigen Einsatz eines US-Tötungskommandos in Guatemala im Jahr 2012, zwei Jahre später in Juarez.
Was dazwischen geschah, von der Eskalation des „War on Drugs“, Terror und Tod, das erzählt Don Winslow in seinem neuen hochspannenden Roman. Zitat: „Al-Qaida hat dreitausend Amerikaner umgebracht. Es mag herzlos klingen, aber das ist nur ein Bruchteil dessen, was wir (die USA) an Drogenopfern haben, Jahr für Jahr.“ Dabei geht es um die Hintergründe der Drogenkriege in Mexiko und den Zweikampf der beiden Protagonisten.
Adán Barrera soll vom Bundesgefängnis in San Diego, Kalifornien, nach Mexiko verlegt werden. Um an der Beerdigung seiner Tochter teilnehmen zu können, wurde er zum Verräter. Den Rest seiner Strafe will er nun in seiner Heimat absitzen. Im CEFERESO II, einem Luxus-Gefängnis, wird er von einem Cousin freudig begrüßt.
Minutiös schildert der Autor den brutalen Krieg der Kartelle untereinander, um Macht, Moral und Mord. Denn der Drogenhandel zwischen Mexiko und den USA ist ein Milliardengeschäft. Zum besseren Verständnis sind dem Buch eine Landkarte mit den Schauplätzen des Romans sowie eine Aufstellung der vier wichtigsten Player beigefügt: Das Juarez-Kartell, das Golf-Kartell, das Tijuana-Kartell und das Sinaloa-Kartell.
Nach seinem spektakulären Ausbruch aus dem Gefängnis will Adán Barrera, dem Teile des Sinaloa und des Tijuana-Kartells gehören, zurück auf den Thron. Zunächst zettelt er daher einen Krieg mit dem Golf-Kartell an. Aber das Golf-Kartell rüstet auf und stellt eine eigene Privatarmee zusammen, die sogenannten Zetas. Zitat: „Vielleicht weil ihr brutale Schlächter seid, Soziopathen und Sadisten. Vielleicht weil ihr alles foltert und tötet, was euch in die Hände fällt. Vielleicht weil ihr mein ungeborenes Kind ermordet habt.“
In einer Nebenhandlung geht es aber auch um das traurige Schicksal des zwölfjährigen Chuy, der durch einen dummen Zufall zum psychopathischen Killer wird und seinen Opfern, quasi als Markenzeichen, die Köpfe abschneidet.
Last but not least geht es um ein tödliches Netz aus Gewalt und Korruption, in das auch der Journalist Pablo Mora verstrickt zu sein scheint. Zitat: „Dies ist kein Krieg gegen die Drogen. Dies ist ein Krieg gegen die Armen und die Ohnmächtigen, Unhörbaren und Unsichtbaren, die ihr von der Straße fegen wollt wie den Dreck, der euch um die Beine weht und eure Stiefel beschmutzt.“
Und so wundert es nicht, dass Don Winslow seinen Roman all jenen Journalisten gewidmet hat, die in den vergangenen zehn Jahren in Mexiko getötet wurden oder „verschwanden“: eine lange, zwei Seiten umfassende Auflistung von Namen.
Wer ist gut, wer ist böse? Don Winslow lässt die Grenzen verschwimmen. Und so hat der Leser Verständnis für Killer Chuy, den korrupten Journalisten oder auch Art Keller, der das Töten zur Notwendigkeit macht, in seinem Streben nach Rache und Gerechtigkeit.
Ein äußerst erschreckendes, doch realistisches Szenario, das der Autor sich ausgedacht hat und er ist wütend auf die Regierungen, die Geheimdienste, die Armeen, die Polizei und die Politiker. Das große Geschäft mit der Sucht, der Krieg gegen die Drogen, der jeden von ihnen reich macht, sowohl in Mexiko als auch in den USA - und sogar in Europa.
Eine gelungene Mischung aus Fiktion und Fakten. Bestens recherchiert, sprachlich exzellent, packend und gekonnt in Szene gesetzt. Insgesamt ein Buch mit Herzblut, das lange nachhallt.

Fazit: Hart, brutal, real. Ein Jahrhundertwerk!

27.05.2015 19:56:13
SusanneL.

Inhaltsangabe:

Der Chef eines mexikanischen Drogenkartells, Adan Barrera, sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA. Durch einen geschickten Deal mit den Behörden schafft er es, in ein Gefängnis nach Mexiko verlegt zu werden – ein Gefängnis, das er praktisch in der Hand hat. Von dort aus kann er sich ungestört seinen Geschäften widmen, sein Kartell wieder fest in die Hand nehmen und auf den Mann ein Kopfgeld aussetzen, der ihn gefasst hat. Dies ist Agent Art Keller, ehemaliger Freund von Adan Barrera und nun sein Todfeind. Doch Art Keller ist nicht so leicht zu fassen und es entbrennt ein Duell, bei der sich beide Seiten gegenseitig ohne Gnade jagen ...

Zu dem Buch gibt es einen Vorgänger: „Tage der Toten“

Meine Meinung zum Buch:

Ich habe „Tage der Toten“ nicht gelesen, kam aber trotzdem sofort in die Geschichte hinein. Es ist also nicht Voraussetzung, den Vorgängerroman zu kennen.

Die Jagd oder besser gesagt: der Krieg zwischen den beiden Kontrahenten Barrera und Keller zieht sich über mehrere Jahre hin. Aber zu keiner Sekunde verliert das Buch an Spannung, immer wieder müssen sich beide auf neue Gegebenheiten einstellen und ich habe atemlos verfolgt, wie sich die beiden absolut ebenbürtigen Gegner in die Zange nehmen. Der Showdown ist dann ein echter Kracher, der kaum Zeit zum Luft holen lässt.

Bedrückend wirkte auf mich, wie das Funktionieren des mächtigen Drogenkartells beschrieben wird. Korruption macht fast alles möglich, und das reicht bis in höchste Kreise hinein. Für die Macht wird alles geopfert, auch persönliche Werte (falls die jemals vorhanden waren). Das hat mich schon sehr frustriert und ich fürchte, das ist nicht nur Fiktion sondern sehr, sehr nah an der Wahrheit. Schon die Namensliste am Anfang des Buches lässt einen Böses ahnen: der Autor widmet das Buch den Journalisten, die im Kampf gegen die Drogenmafia ihr Leben verloren haben. Und die Namensliste ist sehr lang. Ich habe gelesen, dass der Autor für diesen Roman viele Jahre recherchiert hat, daher liegt der Gedanke nahe, dass die beschriebenen Zustände tatsächlich so vorzufinden sind.

Der Autor schon den Leser auch nicht bei der Beschreibung, wie brutal und menschenverachtend dieser Krieg gegen die Drogen geführt wird. Es gibt viele Tote und das Sterben wird nicht geschönt. Man lässt sich bestechen oder man stirbt. Da musste ich schon manchmal schlucken, denn natürlich möchte ich als Leserin, dass es wenigstens noch ein paar anständige Menschen schaffen, die Oberhand über die Drogenkartelle zu behalten. Doch der Autor schont auch seine Leser nicht. Das hinterlässt natürlich bei aller Spannung auch einen bitteren Nachgeschmack beim Lesen.

Die Personen auf beiden Seiten, insbesondere natürlich Barrera und Keller, sind sehr gut beschrieben. Auch wenn man es nicht möchte, man kann sogar Barreras Motive nachvollziehen, auch wenn man sie natürlich nicht gut heißen kann. Der Autor bleibt seinen Figuren gegenüber neutral, es ist dem Leser überlassen, welche Meinung er sich bilden möchte und inwieweit er sich in die Geschichte hineinziehen lassen möchte. Das gefällt mir sehr gut, denn es regt mehr zum Nachdenken über Mittel und Motive an, als wenn die Welt einfach schwarz-weiß gezeichnet wird.

Ich kann das Buch sehr empfehlen, allerdings ist es keine locker-leichte Sommerlektüre, sondern ein knallharter und brutaler Drogenthriller, der das Vertrauen in die Menschheit schwer erschüttert.