Das Kartell

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Heineman, 2015, Titel: 'The Cartel', Originalsprache

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Jürgen Priester
Harter Stoff – ein Abbild der Realität

Buch-Rezension von Jürgen Priester Mär 2015

Über die Jahre hat Don Winslow es geschafft, sich in die Spitze der Spannungsliteraten hochzuschreiben. Sein Gesamtwerk umfasst, beginnend mit "A Cool Breeze on the Underground" aus 1991, bis dato 18 Romane, die alle bei verschiedenen deutschen Verlagen (Piper, Heyne, Suhrkamp, Droemer Knaur) in Übersetzung erschienen sind. In ihnen zeigt Winslow eine ungewöhnliche, sowohl inhaltliche, als auch stilistische Bandbreite – als seien sie nicht von einem, sondern von mehreren Schriftstellern verfasst, wie eine KC-Kollegin einmal anmerkte. Winslows Haupt- und Meisterwerk, da sind sich Kritiker und Leser einig, ist das 2005 erschienene "The Power of the Dog" (Tage der Toten, Suhrkamp 2010, übersetzt von Chris Hirte).

In Tage der Toten beschreibt Winslow den Aufstieg und Niedergang eines mexikanischen Drogenclans über den Zeitraum von einem Viertel Jahrhundert (1975 – 1999). Der großflächige Anbau von Mohn in der mexikanischen Provinz Sinaloa in den 1970er Jahren war die Grundlage des unermesslichen Reichtums und den scheinbar grenzenlosen Einfluss der Familie Barrera.
Art Keller, noch jung an Jahren, ein ehemaliger CIA-Agent, der schon im ausgehenden Vietnamkrieg im Einsatz gewesen war, ist Special Agent bei der DEA (Drug Enforcement Administration). Er soll die strategische Vernichtung der Drogenkaskade (Anbau, Weiterverarbeitung, Transport) für die US-amerikanischen Behörden koordinieren. Keller dringt in die Strukturen der mexikanischen Drogenkartelle ein und freundet sich mit dem Sohn (Adán Barrera) eines Drogenbarons an; wohlwissend, dass sie bald zu gegnerischen Seiten gehören werden. Kellers persönlicher Einsatz im Krieg gegen die Drogen, aber auch der mit aller Brutalität ausgefochtene Kampf der Clans untereinander und der der US-amerikanischen Behörden sind die wesentlichen Erzählstränge des Romans. Tage der Toten endet mit der Verhaftung Adán Barreras und Art Kellers Rückzug aus dem mörderischen Geschäft.

 

Keller: "Ein Krieg gegen den Terror, ein Krieg dem Kommunismus,
ein Krieg gegen die Drogen. Irgendein Krieg ist immer."
"Das ist der Lauf der Welt, fürchte ich."
"Ohne mich," sagt Keller. "Ich mach da nicht mehr mit." (Tage der Toten, S. 673)

 

Das Kartell, die Fortsetzung von Tage der Toten, setzt fünf Jahre später in 2004 ein. Keller hatte seinen Dienst bei der DEA quittiert, sich von seiner Familie getrennt, lebt jetzt friedlich und zurückgezogen als "Bienenvater" (Imker) in einem Kloster in New Mexico. Als ihm von einem Ex-Kollegen mitgeteilt wird, dass der inhaftierte Adán Barrera ein Kopfgeld von zwei Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt hat, verlässt Keller die Klostergemeinschaft, um diese nicht zu gefährden. Ruhelos und in ständiger Angst, dass ein Kopfgeldjäger hinter der nächsten Ecke lauert, zieht Keller quer durch die US-Bundesstaaten.
Währenddessen gelingt Adán Barrera ein Deal mit den US-Behörden. Gegen Preisgabe von Insiderinformationen wird seinem Wunsch, in ein mexikanisches Gefängnis verlegt zu werden, stattgegeben. Von dort aus, da ist er sicher, wird seine endgültige Befreiung ein leichtes Unterfangen und die Tat wird spektakulär umgesetzt. Barreras Flucht löst selbstredend eine Menge Aktivitäten der Gegenseite aus. Keller wird rekrutiert und mit seiner Unterstützung wird in Mexico City eine Sonderkommission "Adán Barrera" eingerichtet. Ein weiteres mörderisches Katz- und Mausspiel beginnt, wobei Keller und Barrera wiederum Jäger und Gejagte zugleich sind.

Tage der Toten und Das Kartell, zwei Mammutwerke, zusammengesehen wie aus einem Guss: ein Schwarzbuch über 40 Jahre mexikanischen Drogenkrieges. Wir wissen, dass Don Winslow dazu über Jahre recherchiert hat und können davon ausgehen, dass die Rahmenhandlung auf Tatsachen beruht und einige seiner Figuren von Schicksalen lebender oder verstorbener Menschen inspiriert sind. Im Vorspann des Buches befindet sich eine unvollständige Liste von in jenen Jahren ermordeter oder "verschwundener" mexikanischer Journalisten. Ihnen hat Winslow seinen Roman gewidmet. Stellvertretend für sie hat er die Romanfigur des Lokalreporters Pablo Mora entwickelt, dessen Lebens(Leidens)weg wirklich unter die Haut geht.

Man muss Don Winslow hohe Anerkennung zollen, dass er es als gebürtiger US- Amerikaner gewagt hat, die katastrophalen Zustände im Nachbarland Mexiko in Romanform einer breiten internationalen Öffentlichkeit anzubieten. Damit macht sich nicht nur Freunde. Mal ehrlich geantwortet auf die Frage: Wer würde schon ohne besonderen Anlass ein Sachbuch über den mexikanischen Drogenkrieg lesen?

Winslow scheut sich nicht, die Mitverantwortung der US-Administrationen deutlich zu benennen. Das Drogengeschäft auf dem amerikanischen Kontinent ist ja kein spezifisch mexikanisches Problem, denn es betrifft die ganze Region – die Anbau- und Transitländer, wie auch die USA, das Land mit den meisten Konsumenten. Die Milliarden, die jährlich im Drogenhandel generiert werden, sind für die meisten Länder ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. Die Clan-Chefs horten ja die Gewinne nicht irgendwo, sondern investieren in Land, Aktien und Projekte, und erkaufen sich damit Einfluss auf Polizeikräfte, Behörden, Geschäftsleute und Politiker. Wer am besten vernetzt ist, genießt auch die Protektion der USA. Sie betrachten den Drogenhandel als ganz normalen Wirtschaftszweig. Warum sollten sie ihn unterbinden, wenn sie davon profitieren.

So führt Art Keller, das kleine Rädchen im großen Drogen-Karussell, einen schier aussichtslosen Kampf. Seine Gegner sind übermächtig und er kann sie nicht immer ausmachen. Er kann nicht sicher sein, ob der Kollege nebenan, auch die gleichen Ziele verfolgt wie er. Drogenhandel und Korruption arbeiten Hand in Hand.

Das Kartell ist wie sein Vorgänger ziemlich harter Stoff – ein Abbild der Realität, halt. Ein monumentales Werk nicht nur über 40 Jahre Drogen-Geschichte, sondern auch über die Machtpolitik des neuzeitlichen Hegemons, der die süd- und mittelamerikanischen Staaten als legitimen Teil seiner Einflusssphäre sieht. Winslow beleuchtet dieses System aus Macht, Gier und Gewalt aus dem Blickwinkel der "kleinen Leute" wie der angesprochene Journalist Pablo Mora oder die Ärztin Marisol Cisneros, zu der Art Keller ein ganz besonderes Band gesponnen hat. Natürlich gehört auch Art Keller zum Fußvolk; selbst sein ach so mächtiger Gegenspieler Adán Barrera ist nur eine Marionette, die man leicht fallen lassen kann. Die Schicksale dieser Menschen machen Das Kartell zu einem intensiven Erlebnis und trösten über einige Längen in der Rahmenhandlung hinweg.

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