Jahre des Jägers

Erschienen: Februar 2019

Bibliographische Angaben

  • München: Droemer, 2019, Seiten: 1040, Übersetzt: Conny Lösch

Couch-Wertung:

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Sabine Bongenberg
Nichts für Feiglinge

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Apr 2019

Schon wer Don Winslows drittes Werk zu seiner Saga zum mexikanischen/amerikanischen Drogenkartell in der Hand hält, kann sich eine gewisse Ehrfurcht nicht verkneifen. Mit rund 992 Seiten und dem Gewicht von mehr als einem Kilogramm sieht der Leser schon eine Menge Arbeit vor sich - und eine Rezensentin fragt sich mit banger Sorge, wie sie dieses Buch gelesen bekommen will – sollte es denn langweilig sein. Diese Sorge erweist sich aber immerhin alsbald als unnötig.

Drogenfahnder Arturo „Art“ Keller könnte sich eigentlich mittlerweile entspannt zurücklehnen. Mit der Ermordung des mexikanischen Kartell-Bosses Adán Barrera ist die Folter und Ermordung seines besten Freundes gerächt und endlich dürfte im mexikanischen/amerikanischen Drogenkrieg zumindest ein gewisser Frieden einziehen. Unglücklicherweise muss Keller alsbald erfahren, dass der Konjunktiv des Wortes „dürfte“ tatsächlich nicht dazu geeignet ist, eine reale Lage zu beschreiben.

Die „Hijos“ – die Söhne verschiedener hochrangiger Kartell-Bosse - scharren schon mit den Hufen und warten darauf, neue Transportwege für ihre todbringende und lukrative Ware zu eröffnen, und sich ihren Weg an die Spitze zu bahnen. Wer ist Freund, wer ist Feind – eine Frage die im multiplen Drogengeflecht alsbald unlösbar erscheint. Aber es kommt noch schlimmer – nicht nur, dass die Drogenflut durch die südamerikanischen Kartelle gesteuert wird – nun offenbaren sich Entwicklungen, die der todbringenden Ware nicht mehr nur den Weg über die düstere Hintertüre eröffnen. Offensichtlich soll jetzt die Haustüre weit aufgerissen werden – und das vom ersten Mann des Landes und seiner Familie.

Winslow schildert ein breites Panorama

Don Winslow setzt den dritten Teil seiner Kartell-Saga – konsequent im gewöhnungsbedürftigen Präsens - aus verschiedenen Erzählsträngen zusammen. Auf der einen Seite werden die Aktivitäten und die Verstrickungen der Drogenmafia und die interstrukturellen Machtkämpfe geschildert, im Gegenpol die Arbeit der Ermittlungsbehörden, um eben diesen Akteuren das Handwerk zu legen. Dazwischen eröffnen sich die Schauplätze der Konsumenten, der kleinen Dealer und auch der ermittelnden Polizisten.

Durch dieses Stilmittel bekommt das Buch eine besondere Lebendigkeit. Der Leser kann sich nicht nur in die Geschichte einer Person „verbeißen“, sondern wird zu diversen Perspektivwechseln gezwungen. Winslow wählt grundsätzlich die Position des neutralen Erzählers. Dadurch ertappt sich der Leser gelegentlich sogar dabei, dass er Mitleid mit den Drogenbossen empfindet, die gerade von einer konkurrierenden Seite eine üble Breitseite verpasst bekommen. In den Hintergrund gerückt ist dagegen die eigentliche Hauptperson – der „Jäger“ Art Keller – der mittlerweile zum Leiter der Drug Enforcement Agency (DEA) aufgestiegen ist und daher den Revolver mit dem Diktiergerät tauschte.

Wenn überhaupt können hier die Schwächen des Buches ausgemacht werden. Art Keller ist nicht mehr Jäger, der leibhaftig den Dschungel durchstreift, um dem Tiger den Garaus zu machen. Diese Position überlässt er mittlerweile anderen. Wer dem Ermittler bisher durch zwei Bände gefolgt ist, der vermisst diese aktive Jagd. Dennoch muss hier als erfreulich genannt werden, dass die reißerischen Angaben des Klappentextes, die das Buch als „Unfassbar.Grausam.Real“ bezeichnen, wenn auch die Ausrufezeichen fehlen, meiner Einschätzung nach so nicht zutreffen. Mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, dass der mexikanische Drogenkrieg alles andere als ein Kindergeburtstag ist und wer sich allein schon ein wenig – und sei es aus dem Film – mit der Geschichte Pablo Escobars beschäftigte, weiß mit welchen Bandagen hier gekämpft wird. Winslow hält aber erfreulicherweise nicht viel von minutiös geschilderten Folterszenen. Dennoch wird die Brutalität der Handlungen damit nicht verharmlost, sondern erhält vielmehr eine grausige Alltäglichkeit.

Zwischen den beiden absoluten Kontrasten der Gesetzeshüter und –brecher richtet Winslow weiteren Gruppen eine teilweise sehr große Plattform ein. So werden Handlungsstränge über die verzweifelte Situation Drogenabhängiger eingebaut, in anderer Richtung verzweifelt dagegen ein Undercover-Cop. Ein zusätzlicher – und nicht unmittelbar eingebundener Strang - widmet sich aber auch der Situation der südamerikanischen Flüchtlinge, die auf abenteuerlichen Wegen in die USA drängen. Hier stellt sich gelegentlich die Frage, ob sich Winslow – bei aller gut gemeinter Kritik an der amerikanischen Migrationspolitik – nicht zu sehr verzettelt.

Ob tatsächlich die kuriosen und oftmals der Langeweile geschuldeten eigenartigen Wettbewerbe von Jugendlichen – auch wenn sie in der ganzen anstrengenden und aggressiven Handlung einen gewissen heiteren Kontrast bilden – in epischer Länge geschildert werden müssen, sei dahingestellt. Fast bedenklich ist generell das Schicksal des beispielhaft geschilderten Flüchtlinkskindes Nico. Ihm gelingt es, allen Widerständen zum Trotz, in die USA zu gelangen, nur um hier dann halb gezwungen aber zunehmend freiwillig und begierig dem Ruf der Banden zu folgen und genau der Tunichtgut zu werden, vor dem die Trump-Politik warnt.

Generell lässt Winslow in Art Kellers Abgesang eine Vielzahl von Personen auftreten, die gelegentlich dazu neigen, den Leser zu verwirren. Immerhin lässt sich generell sagen, wer einen spanisch klingenden Namen trägt, gehört fast immer zur Gruppe der „Drupec“ (Drugs producing and exporting countries – eine Wortschöpfung der Rezensentin), die amerikanisch klingenden Namen gehören dagegen mehrheitlich zu den Ordnungshütern – oder alternativ zu korrupten Politikern. Bedauerlich ist, dass eine der interessantesten Personen der Trilogie, der ehemalige Auftragskiller Sean Callan zwar aus der Pension geholt, aber nur eine Nebenrolle erhält, um dann kurz und knapp wieder im literarischen Dunkel zu verschwinden.

Fazit:

Winslow macht kein Hehl daraus, was er von der Politik des derzeitigen Präsidenten und generell seiner Familie hält. Er räumt der Kritik an der amerikanischen Drogenpolitik und an der Person des amerikanischen Präsidenten Donald Trump an sich einen großen Raum ein. Die Figur des Immobilien-Tycoons John Dennison ist so nahe an die leibhaftige Figur angelegt, dass es hier keinerlei Phantasie bedarf, um Winslows eigentliches Feindbild auszumachen. Inwieweit die Vorwürfe des Autors über die Verstrickungen des literarischen Präsidenten und seiner Familie dem realen Bild der Personen entsprechen, kann nur der Gegenstand weiterer Nachforschungen sein, hier bin ich als Rezensentin überfordert. Tragisch genug ist hier aber schon, dass es niemanden groß überraschen würde, wenn diese literarischen Wendungen der Wahrheit entsprechen.

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