Blinde Zeugen

  • Manhattan
  • Erschienen: Januar 2010
  • London: HarperCollins, 2009, Titel: 'Blind Eye', Seiten: 517, Originalsprache
  • München: Manhattan, 2010, Seiten: 544, Übersetzt: Andreas Jäger
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Wolfgang Franßen
88°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2010

Fremde Wölfe, die als Hunde durchgehen

Es geht munter zu in DS Logan McRaes Aberdeener Welt. Zusammen mit seiner Vorgesetzten DI Steel bildet er ein amüsantes Ermittlerpaar, bei dem man nie weiß, was sie eigentlich mehr beschäftigt. Ihr Privatleben oder das Verbrechen. Während draußen den Polen die Augen ausgestochen werden und ein anonymer Täter sich in Zeitungsschnipsel gleichermaßen als Bekennerschreiben seiner Verzweiflung brüstet, sind die eigentlichen Themen von DI Steel die anstehende Adoption mitsamt einer Persönlichkeitsüberholung. Sie soll plötzlich auf Geheiß ihrer lesbischen Freundin einen Rock tragen und mit dem Trinken, Rauchen und Fluchen aufhören. DS Logan wiederum bringt eine neue Liebe auf Touren, die in einem Wohnwagenpark wohnt und genüsslich die Narben seiner Stichwunden auf der Brust zählt.

Stuart MacBride, der mit Die dunklen Wasser von Aberdeen den Barry Award gewann, stammt wie Ian Rankin aus Schottland, doch unterschiedlicher können zwei Autoren ihre Plots kaum stricken. Während Rankin die gepflegte Aufklärung mittels seines schillernden Rebus bevorzugt, rast MacBrides Geschichte voran, als gelte es, mit der Schultern Türen einzurammen, um einen letzten Funken Hoffnung zu bewahren.

Eben noch hat sich einer der erblindeten Zeugen zu Tode gesoffen, da wird bereits ein Brandanschlag auf das Wettbüro "Turf’n Track" gemeldet. Wie will da ein Mensch zur Ruhe kommen. Logan MacRae jedenfalls nicht. Nicht nur, dass er zu wenig Schlaf bekommt, er hängt auch zu viel in Pubs herum oder streitet mit Kollegen oder Vorgesetzten wie seinem Chief Inspector Finnie. Dass einem wie ihm keine große Karriere bevorsteht, dürfte klar sein. Logan McRae ist der Master of Chaos. Gibt es irgendwo ein Fettnäpfchen, eine absurde Drehung, DS MacRae zieht es an.

Es sind MacBrides mitunter witzige Dialoge, die den rasanten Spannungsaufbau brechen und dem Leser etwas Luft verschaffen. Er versteht sich auf Beschreibungen von Menschen und nicht auf die coole Ausstattung von Superhirnen. Sein Aberdeen ist nicht noir, ist nicht kafkaesk oder hard-boiled, es ist bunt und schnelllebig, atemlos. Mütter passen auf ihre gewalttätigen Söhne auf, Hunde reißen Polizisten das Hosenbein vom Knöchel, DI’s erleichtern ihren Mageninhalt im eigenen Vorgarten, das pralle Leben halt.

Das erinnert natürlich an Joseph Wambaugh und Ed McBain und sein 87. Polizeirevier, die der Welt der Ermittler eine in sich zerrissene Bodenhaftung schenkten. Angesichts eines Aberdeens, dass sich wie New York zu Zeiten von Ed Koch aufführt, wenn man allein die Schlagzeilen des "Aberdeen Examiners" Glauben schenk darf:

 

"Straßen sind nicht mehr sicher – Polizei verliert die Kontrolle – Serientäter blendet Opfer – Pädophiler vermisst – Drogengewalt schlimmer denn je – Frau in Park vergewaltigt."

 

Da traut sich doch niemand mehr vor die Tür. Erst recht nicht, wenn man Logan McRaes hilfloses Umherrudern zwischen Vorgesetzen und Toten im Angesicht von Lügen, Einschüchterung und hemmungsloser Gewalt verfolgt, einem Mann, der eigentlich nur seinen Job machen will.

Stuart MacBride ist mit Blinde Zeugen ein rasanter Thriller über unerwünschte Einwanderer – in seinem Fall Polen – gelungen, bei dem das Stammtischgeschwätz nicht länger an der Promillegrenze endet, vielmehr zur Selbstjustiz greift. Sie nennen den Serientäter Ödipus. Wegen der ausgestochenen Augen.

Ein Schelm, der dahinter eine Anspielung vermutet. Ödipus tötete im Handgemenge zwar den König von Theben und bekam als Lohn dessen Frau zur Ehefrau. Nur leider war der König sein Vater und die Ehefrau seine Mutter. Mancher gräbt sich halt selber das Grab, in das er unbedingt hinein fallen will. Der Hass, der in Blinde Zeugen - um sich greift, hebt mehr als ein Grab aus.

Kniescheiben werden mit Hämmern zertrümmert, Gesichter von Prostituierten verunstaltet, alles unter Fahne eines guten aufrichtigen, von Fremden gesäuberten Schottlands.

So long, Logan.

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