Die dunklen Wasser von Aberdeen

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • London: HarperCollins, 2005, Titel: 'Cold Granite', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2006, Seiten: 544, Übersetzt: Andreas Jäger
  • München: Goldmann, 2007

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Michael Drewniok
Alles schon dagewesen - allerdings nicht so scheußlich

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2006

Nach langer, krankheitsbedingter Arbeitspause kehrt Detective Sergeant Logan McRae in den Dienst der Grampian Police im ostschottischen Aberdeen zurück. Bereits am ersten Tag muss er einen grausigen Mordfall übernehmen: In einem Graben fand man den Körper des erst dreijährigen David Reid. Seit drei Monaten wurde das Kind vermisst. Sein Mörder hat ihn erdrosselt. Schlimmer noch: Er ist offensichtlich zur Leiche zurückgekehrt und hat sich "Souvenirs" abgeschnitten.

Wie sein Chef, der aufbrausende Detective Inspector Insch, schließt McRae aus dem planvollen Vorgehen des Mörders, dass David womöglich nicht dessen erstes Opfer ist. Außerdem ist davon auszugehen, dass er seine kranke Fantasie an einem weiteren Kind ausleben wird. Und tatsächlich verschwindet kurz darauf der fünfjährige Richard Erskine. Die schlimmsten Befürchtungen scheinen sich zu bewahrheiten, als auf einer Müllhalde eine Kinderleiche gefunden wird. Allerdings handelt es sich um den Körper eines drei- oder vierjährigen Mädchens, das niemand als vermisst gemeldet hat.

Als ob dies nicht längst genug ist, verschwindet noch ein Kind. Alle Beamten der Grampian Police ermitteln intensiv in diesen Fällen von Mord und Entführung. Die Öffentlichkeit ist aufgestört, die Medien fachen den die Auflage stärkenden Volkszorn gezielt an. Auch die Politik wird aufmerksam und setzt Insch und seine Leute publicitywirksam unter Druck. McRae muss sich nicht nur um die unbekannte Kinderleiche kümmern. Man überträgt ihm auch einen Mordfall, dessen Opfer man ohne Kniescheiben aus dem Hafenbecken gezogen hat. Es handelt sich um einen engen "Mitarbeiter" des Gangsters Malcolm McLennan, genannt "Malk the Knife", der aus Edinburgh in die Unterwelt von Aberdeen drängt.

Die nächsten Tage werden hart für die Polizei. Immer neue Verdächtige tauchen auf und entpuppen sich als unschuldig - oder etwa nicht? Weiter Spuren führen nur zu neuen Fragen, menschliche Abgründe tun sich gleich in Serie auf. Nur langsam klärt sich das Durcheinander - Zeit genug für den wahren Täter, sich ein neues Kind zu schnappen...

Kopie mit hohem Unterhaltungswert

Breit ist der Schatten, den Ian Rankin als Krimiautor über Schottland wirft; seit er den unvergleichlichen Inspektor John Rebus in ebenso tragische wie-bizarre Fälle verwickelt, hat sich für diese nordenglischebritische Variante des Thrillers sogar ein eigener Genrebegriff namens "Tartan Noir" eingebürgert. Er beschreibt sehr gut ein bestimmtes literarisches Webmuster, das Rankin vorbildhaft durchexerziert: Düstere Mordfälle geschehen in einer rauen (Stadt-) Landschaft, die von ebensolchen Bewohnern bevölkert wird. Der Tonfall ist (wie das Wetter) Moll, wobei freilich die "skandinavische Tristesse", die spätestens seit den auflagenstarken Wallander-Romanen des Henning Mankell als Markenzeichen für den sozialkritischen europäischen Krimi der Gegenwart gilt, durch einen ruppigen, trockenen Humor sehr angenehm gebrochen wird: Die Welt ist schlecht, aber das muss uns nicht auch noch den Leseabend verderben!

Nun tritt Stuart MacBride in Rankins Fußstapfen - die Parallelen sind jedenfalls unübersehbar. (Sie werden vom Verfasser auch gar nicht geleugnet, sondern in einem hübschen In-Joke auf S. 421 angesprochen.) "Die dunklen Wasser von Aberdeen" liest sich wie ein Rebus-Roman, was zunächst einmal durchaus als Lob zu verstehen ist. Der Plot ist angenehm vertrackt und wird sauber entwickelt, die Ermittlungen sind spannend geschildert, die Schauplätze plastisch beschrieben, die Figuren wirken lebendig.

Und doch ist da zweierlei, das irritiert. Die Übereinstimmung zwischen Rankin und MacBride ist manchmal zu auffällig; man spricht nicht nur dieselbe Sprache, sondern auch mit derselben Zunge, wobei Rankin natürlich "unverdächtig" dasteht - John Rebus ermittelt schon seit den 1990er Jahren. (Der Goldmann Verlag unterstreicht die "Verwandtschaft" übrigens durch eine Buchgestaltung, die sich eng an die der Rankin-Bestseller anlehnt - hier sollen Leser "umgeleitet" werden.)

Zweitens missvergnügt MacBrides Versuch, sich durch noch größere Originalität in der Schilderung perverser Gewaltverbrechen zu etablieren. Der Autor setzt hier auf ein Mehr an Blut, Verwesung und Pathologengemetzel. Gleichzeitig nagt er wie ein politisch unkorrekter Biber am ohnehin morschen Stamm eines Tabus: Er lässt seinen Serienmörder auf kleine Kinder los, die er als Opfer unter getreuer Schilderung aller grässlichen Details quasi benutzt. Dies wäre nicht nötig; ein Irrer, der sich an Erwachsenen vergreift, hätte es genauso getan. MacBride setzt hier unverhohlen auf den unvergleichlichen Schrecken, den das Kapitalverbrechen am "unschuldigen" Kind auslöst; ein billiger Trick, den man ihm übel nimmt - dies nicht nur, weil einem bei der Lektüre übel wird, sondern weil es kalkuliert wirkt.

Alte Bekannte unter neuen Namen

Ist Logan McRae ein bisher unbekannt gebliebener Bruder von John Rebus? Auch hier sind die Ähnlichkeiten frappant, nur dass das Geschick dem Kollegen aus Aberdeen deutlich heftiger mitgespielt hat - ein weiteres "Mehr", aber nicht unbedingt "Besser", das MacBride seinem Helden angedeihen lässt. McRae ist - ganz genretypisch - ein guter Polizist, was von den bornierten Vorgesetzten natürlich nicht zur Kenntnis genommen wird. Er ist ein sperriger Charakter, von Natur aus sogar für einen Schotten ein wenig eigenbrötlerisch, und die Kollegen meiden ihn fast abergläubisch, seit ihn - jetzt dreht MacBride mächtig an der Schicksalsschraube - vor mehr als einem Jahr ein 15-facher Frauenmörder bei einem Kampf auf Leben & Tod mit dem Messer beinahe ausweidete. "Lazarus" nennen nennt man ihn nun im Revier, ist er doch dem Sensenmann nur knapp entronnen und muss für den Rest seines Lebens mit Narben und Schmerzen leben.

Privat sieht es auch nicht rosig aus. Natürlich - auch hier regiert das Klischee - hat ihn die Freundin verlassen, die ihm indes - Stoff für allerhand zukünftige Verwicklungen ist garantiert- als Arbeitskollegin verbunden bleibt. McRae bläst nach Feierabend ordentlich Trübsal, schaut zu tief in die Flasche, verstrickt sich ungeschickt in perspektivenlose Liebeshändel. Glücklicherweise ist Constable Watson, McRaes Partnerin, recht bodenständig. Sie erdet den manchmal allzu sehr von seiner Inspiration mitgerissenen McRae und vermittelt darüber hinaus dem Leser pflichtschuldig die übliche Palette chauvinistischer Ungerechtigkeiten, denen auch die Polizeibeamtin von Heute ausgesetzt ist.

McRaes Vorgesetzter bleibt eine prägnante Nebenrolle als großer Exzentriker. Detective Inspector Insch ist ein poltriger Dickwanst, der pausenlos Gummibärchen, Lakritz und anderen Geleekram mampft. Selbstverständlich verbirgt sich hinter dieser Fassade nicht nur ein wacher Verstand, sondern auch ein mitfühlendes Herz, so dass McRae und Insch sich in jenen Ritualen ergehen können, die in einer wahren Männerfreundschaft sentimentale Sympathiebekundungen ersetzen... - eine Spiegelung von Andy Dalziel & Peter Pascoe aus Reginald Hills wunderbarer Krimi-Serie.

MacBride besetzt viele Rollen seines Krimis geschickt mit leicht überzeichneten Figuren. Hart an der Grenze zum Klischee agieren abgebrühte Polizisten, wüste Ganoven, dreiste Reporter. In der doch sehr düsteren Geschichte sorgen trockene Wortwitze für notwendige humoristische Momente, ohne dadurch den Plot zu unterminieren. In diesem Punkt kann MacBride Ian Rankin übrigens mühelos das Wasser reichen, so dass der Kreis sich schließt: Dieser "Tartan Noir" kann empfohlen werden, auch wenn er direkt am Webstuhl neben dem Original entstanden ist...

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