Blut und Knochen

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • London: HarperCollins, 2008, Titel: 'Flesh House', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2009, Seiten: 544, Übersetzt: Andreas Jäger

Couch-Wertung:

85°
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Lars Schafft
Ein überschwängliches, maßloses Schlacht-Spektakel mit Hintertür

Buch-Rezension von Lars Schafft Mai 2009

Wer diesen Schotten schon einmal live erlebt hat, weiß: Stuart MacBride ist ein Schelm. Sein Humor ist trocken, manchmal derb, oft clever und häufig brachial. Seine Komik ist zudem auch die seiner Krimis. Und das sollte man bei Blut und Knochen (im Original Flesh House) immer im Hinterkopf behalten. Denn so ekelerregend, abstoßend, bluttriefend und schlicht shocking MacBrides vierter Logan-McRae-Fall auch wirken mag - man darf ihn nicht bierernst nehmen. Nie und nimmer.

Blut und Knochen ist auf den ersten Blick nämlich ein ganz gewöhnlicher (nicht harmloser!) Serienmörder-Thriller, wie er heutzutage en masse auf dem Buchmarkt vorkommt. Von der Grundidee ist er so nichtmals originell: 1987 trieb im schottischen Aberdeen "Der Fleischer" sein Unwesen. Diesen Spitznamen hatte er von der Presse schnell, weil er seine Opfer durch die (Schlacht-)Bank weg ausnahm und deren Fleisch in mundgerechte Portionen aufteilte und am Tatort hinterließ. Fiese, ganz, ganz fiese Geschichte, sicherlich. Auf eine lange Karriere konnte "Der Fleischer" glücklicherweise nicht zurückblicken, Ken Wiseman wurde geschnappt und verurteilt - befindet sich jetzt aber wieder auf freiem Fuß. Und es soll nicht lange dauern, bis im Industriehafen Aberdeens das erste menschliche Fleisch auftaucht und für DS Logan McRae und & Co. schlaflose Zeiten anbrechen.

Die nächsten dreihundert Seiten kommen dann erstaunlich bekannt vor und Überraschungen bleiben, zumindest was den Plot angeht, aus - der Modus operandi ist Usus: Ach, in einem Verlies mit Stahlwänden wird munter geschlachtet und zubereitet? Familienangehörige müssen dabei zusehen? Deswegen muss Stuart MacBride so tief in die Effektekiste greifen, dass das Blut förmlich von den Seiten tropft. Allein weil er dies extensiv tut - ja, durchaus bis zum Brechreiz! - verbietet sich ein Vergleich MacBrides mit Ian Rankin, wie ihn wenig einfallsreiche Kritiker schon seit einiger Zeit anstellen.

So weit, so unspektakulär das Schlacht-Spektakel. Aber erinnern wir uns, dass MacBride ein Schelm ist. Natürlich ist ihm bewusst, dass seine Zoten, Pointen und Sprüche umso besser funktionieren, je mehr er dazwischen schockt und Gefühlsextreme auslotet. Letzteres macht der Schotte so überschwänglich und vergnüglich, er überzeichnet das Brutale so enorm, er übertreibt so maßlos, dass man Blut und Knochen als Persiflage auf den Serialkiller-Roman lesen muss.

Denn: Das, was MacBride an bizarren Szenen entwirft, was er für herrlich verschrobene Charaktere zeichnet, ist nicht nur streckenweise zum Schreien komisch (eine ganz besondere Art des britischen Humors vorausgesetzt), sondern dazu auch noch äußerst intelligent. Beispielsweise, wenn Schriftstellerkollege Mark Billingham in Form des Chief Constable Mark Faulds auftaucht. Oder wenn DI Steel, lesbische Vorgesetzte mit dem Charme eines erbrochenen Yorkshire-Puddings, McRae dazu nötigt, am vermeintlichen Tatort einen Maden-befallenen Schafskadaver aus dem Weg zu räumen, weil sich hinter der offensichtlichen Leiche die wahre verbergen müsse - frei nach Reginald Hill und seinem Ermittlerduo Dalziel und Pascoe, die Steel munter-quarzend zitiert. Klare Sache, dass der Kadaver dieses Vorhaben mit einem glatten Kantersieg für sich entscheidet.

Noch abstruser und unpassender für einen Serienmörder-Thriller als Situationskomik wie diese wird es, wenn ein Reporter der BBC McRae und seine Kollegen auf Schritt und Tritt mit seiner Kamera verfolgen darf, die Cops sogar wie Laien-Schauspieler mittendrin ihre Auftritte einüben (wo MacBride die Textform gar Richtung Drehbuch abändert) und sich die Jungs der Grampian Police eine eigene Verfolgungsjagd hinterher gemütlich und mit Schenkelklopfen auf DVD anschauen - eine Verfolgsjagd mit immerhin einem Todesopfer. Nein, das kann nicht für bare Münze gelesen werden und wenn es dies nicht kann, sollte man es auch tunlichst bei der reinen Mörderjagd vermeiden.

Wer Blut und Knochen als Thriller à la Karin Slaughter lesen möchte, kann dies wohlbemerkt tun. Dass mehr als fünfhundert Seiten wie im Nu vergehen, dass sich Nackenhaare sträuben, dass man das Licht beim Lesen möglichst hell einstellt - das sind Ergebnisse davon, dass Stuart MacBride sein Handwerk perfekt beherrscht. Für diejenigen, die seinen vierten McRae-Krimi mit ordentlichem Abstand angehen, bietet Blut und Knochen neben einem makaber-morbiden Nervenkitzel Slapstick der Premier League. Und ganz nebenbei genügend Anreiz dazu, beim nächsten Wochenendeinkauf einen großen Bogen um den Metzger zu machen und dem Gemüsehändler um die Ecke den Vorrang zu geben.

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