Der Tourist

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • New York: St. Martin’s Minotaur, 2009, Titel: 'The Tourist', Seiten: 408, Originalsprache
  • München: Heyne, 2010, Seiten: 543, Übersetzt: Friedrich Mader

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Michael Drewniok
Die Welt ist nicht genug für manches Machtspiel

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2010

Noch vor sechs Jahren galt Milo Weaver als einer der besten "Touristen" im Dienst des US-Geheimdienstes CIA: ein Troubleshooter, der um die ganze Welt reiste und Terroristen, Verräter und andere Feinde des "Imperiums" (wie patriotische Spitzel die USA gern nennen) entlarvte und eliminierte. Ausgebrannt und bei einem fehlgeschlagenen Einsatz schwer verletzt, gab Weaver die Arbeit an der Agentenfront auf, übernahm einen Schreibtischposten, heiratete und wurde der mit in die Ehe gebrachten Tochter ein guter Vater. Nur noch selten wird Weaver von seinem Chef Tom Grainger eine heikle Mission anvertraut.

 Das ändert sich, als ein alter Feind den Kontakt zu Weaver sucht. Der "Tiger" ist ein international aktiver Killer, mit dem der CIA-Agent mehrfach die Klingen kreuzte. Erwischen konnte Weaver ihn nie, weshalb er darauf brennt, den "Tiger" zu verhören, als der endlich gefasst wird. Er findet einen todkranken Mann vor, der vor seinem Tod ein monströses Komplott zwischen Terroristen aus dem Nahen Osten und chinesischen Regierungsmitgliedern skizziert.

 Bevor er dem nachgehen kann, übernimmt Weaver einen Freundschaftsdienst. In Paris wird Angela Yates, eine ihm gut bekannte Agentin, des Verrats verdächtigt. Weaver glaubt nicht an diese Anschuldigung. Zu seiner Überraschung erfährt er von Yates, dass auch sie gegen den "Tiger" und seine Hintermänner ermittelt. Kurz darauf ist sie tot – und Weaver muss erkennen, dass sich nicht Burnus-Träger und Diktatoren-Knechte, sondern hochrangige CIA-Angehörige und US-Politiker verschworen haben. Als offenbar wird, dass Weaver im Bilde ist, beginnt eine weltweite Jagd auf den allzu informierten Agenten, der im Kampf um sein Leben noch einmal zur Höchstform aufläuft …

 Das Spiel wird höchstens schmutziger

 Einige Zeit sah es so aus, als habe der Agententhriller sich mit dem Ende der Sowjetunion überlebt. Zu fest schien die Ordnung dieser Welt – hier die USA und ihre Verbündeten, dort die Sowjets und ihre Trabanten – zementiert zu sein, auf deren Fundament auch die Geheimdienste der beiden Supermächte beschäftigungssicher ruhten.

 Natürlich war dies ein Trugschluss. Die Welt des 21. Jahrhunderts bietet dem Agententhriller sogar eine noch weit bessere Basis. Als die alten Strukturen in den 1990er Jahren zerfielen, hinterließen sie ein Vakuum, in das neue Kräfte vorstießen. Dahin war damit jegliche Stabilität. Machtverhältnisse wechseln heute oft rasant, weniger denn je wissen die weiterhin aktiven Geheimdienste, wer Freund und wer Feind ist, zumal auch diese Rollen problemlos wechseln können.

 Eines blieb ohnehin unverändert: der Wille besagter Geheimdienste, wie bisher hinter den Kulissen zu schalten, wie sie es für notwendig halten. Zwischen der ´offiziellen´ Politik – hier ist vor allem die eigene Regierung gemeint – und dem Geheimdienst herrscht traditionell keine Liebe. Gesetze und Regeln sind dem Agentengeschäft hinderlich und werden deshalb ignoriert. Leider wollen nicht alle Politiker, die Justiz und die Medien einsehen, dass hässliche Handlungen notwendig sind, um dem Gegner voran zu bleiben. Deshalb agieren Geheimdienste am liebsten isoliert.

 Für die CIA erwies sich der Terroranschlag vom 11. September 2001 als Glücksfall. Bis zu diesem Zeitpunkt sah es düster für den Geheimdienst aus, der vor allem durch Unfähigkeit auffiel und sich harter Kritik und ständigen Budgetkürzungen ausgesetzt sah. Mit dem "patriot act" entfiel die Notwendigkeit, sich an Gesetze und moralische Regeln zu halten: Die Feinde des "Imperiums" mussten in Schach gehalten werden!

 Geheimdienst modern: Niemand ist sicher

 Die Phase der Neuorientierung unter Besinnung auf alte Untugenden bildet die Kulisse für die Abenteuer eines sehr modernen Geheimagenten. Milo Weaver, der sich als leicht in die Jahre gekommener und am Schreibtisch etablierter Beamter betrachtet, gerät in den Sog eines Gewerbes, dessen Führungskräfte sich einerseits politisch nach allen Seiten absichern, während sie andererseits ihre Mitarbeiter wie Büromaterial verbrauchen: Neue Kräfte lassen sich problemlos rekrutieren, und die Nackenschläge einer globalisierten Gegenwart treffen nur jene, die sich nicht dagegen wehren können.

 Patriotismus ist zu einem gern benutzten aber fadenscheinigen Feigenblatt geworden. Die Tom Graingers, die ihre Agenten zum Wohle der USA opferten, wurden ersetzt durch eine CIA-Generation, die vor allem ihre Pfründen und Privilegien sichert. Sie können sich auf ähnlich moralfreie Politiker und Wirtschaftsmagnaten verlassen, denen die Interessen des eigenen Landes sekundär sind. Jenseits einer Welt mit grenzfixierten Staaten haben längst vage konstruierte, sehr flexibel reaktionsfähige Interessenskonglomerate das Sagen. In einem nächsten Schritt gehen deren Angehörige selbst in die Politik, wobei sie ganz selbstverständlich die kriminellen Methoden zum Einsatz bringen, derer sie sich immer bedienten. Loyalität, Verrat, Zusammenarbeit, Beruf und Privatleben: Die Grenzen haben sich aufgelöst. Jeder belügt und bespitzelt jeden.

 Vom Auge des Sturms direkt in dessen Wirbel

 Das ist die Lektion, die Milo Weaver in diesem ersten Band einer neuen Thriller-Serie im Schnelldurchlauf lernen muss. In der ´alten´ CIA hat er seinen Job gelernt, dabei fast sein Leben gelassen und sich den Zeitläuften angepasst – so meinte er, denn tatsächlich ist ihm die Brutalisierung der Agency so lange nicht bewusst geworden, wie er von ihren Folgen unbehelligt blieb. Stattdessen erfreute er sich der zur Selbstverständlichkeit gewordenen Vorteile. Der Glamour der James-Bond-Filme ist zwar fern, aber Agenten verfügen im Einsatz ein beachtliches Spesenkonto. Sie reisen um die Welt und steigen in feinen Hotels ab. Anders ausgedrückt: Sie sind den Beschränkungen des normalen Arbeitnehmers enthoben. Dieser Aspekt ist es, auf den Weaver nicht verzichten möchte.

 Dennoch hat er sich seine als allein agierenden "Tourist" erworbene Unabhängigkeit bewahrt. Weaver ist kein Soldat, der sich verheizen ließe. Als er es notwendig findet, bietet er dem Apparat die Stirn. Das ist sicherlich kein innovatives Spannungskonzept, aber es funktioniert, weil Olen Steinhauer die Grundprinzipien beachtet: Auf der einen Seite steht der übermächtige Gegner, der als solcher geschickt aufgebaut wurde, auf der anderen das einsame, verloren scheinende Individuum, das dennoch den Kampf aufnimmt. Selten bestimmt offene Gewalt das Geschehen, sondern ein Spiel der Tricks und Täuschungen. Weaver ist schlau – so schlau, dass er sich schließlich in die Höhle des Löwen wagt und darin umzukommen scheint.

 Welches Spiel treibt Weaver? Steinhauer lässt uns im Dunkeln tappen. Milo ist Opfer und Täter; die Rolle wechselt rasend schnell und mehrfach. Vor allem in der zweiten Hälfte löst sich Steinhauer zeitweise von seiner Figur, deren Beweggründe dadurch verschwommen bleiben. Die daraus resultierende Unsicherheit schürt die Spannung, zumal der Autor das Heft fest in der Hand hält und seine Leser geschickt an den Nasen herumführt. Dass der Faktor Zufall zusätzlich mitspielt, lässt die Ratlosigkeit noch wachsen.

 Startschuss ohne Schalldämpfer

 Im Finale von Der Tourist hat Weaver gleichzeitig gewonnen und alles verloren. Damit wird er zur idealen Figur für eine Serie, die ihn in weitere Agenten-Intrigen verwickeln wird. (Hoffentlich) wohl dosierte Einschübe eines desolaten Privatlebens werden ihr jene Tiefe verleihen, die Literaturkritiker und seifenopergestählte Leser/innen neben temporeicher Action gleichermaßen verlangen. Im Verlauf dieses Debüt-Abenteurers hat sich Steinhauer trotz der rasanten Handlung die Zeit genommen, entsprechende Bolzen einzuschlagen, an denen sich solche Verwicklungen verankern lassen. Weavers Gattin ist kein Anhängsel, das von Zeit zu Zeit gerettet werden muss, sondern recht selbstbewusst. Darüber hinaus deutet Steinhauer an, dass die gute Tina nicht zufällig dort war, wo Milo sie unter turbulenten Umständen kennenlernte. Die Erwartungen sind hoch, wenn es mit The Nearest Exit weitergeht!

Der Tourist

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Letzte Kommentare:
12.01.2012 01:53:56
Nadir36

The Cover sometimes makes the look, sogar als ich damit durch war, nahm ich den Touristen gern in die Hand und warf einen wohlgefälligen Blick auf dem Umschlag, wiewohl der Roman für mich die Enttäuschung des allerdings noch jungen Jahres war.
Nach gut einem Drittel stimmte ich Anja S. soweit zu, dass es sich um einen „wackeren Agententrhriller“ von einem Autor handelt, der vielleicht schon mal bessere Bücher in einem anderen Genre geschrieben hat.
Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher, insbesondere der gern strapazierte Vergleich mit John Le Carre macht deutlich, wo Steinhauers Schwächen liegen. Es gibt keine Höhepunkt, die etwa dem Anfang von Krieg im Spiegel nahe kommen, noch gelingt ihm breites Geheimdienstpanorama mit einem tragischen Helden wie „Eine Art Held.“
Allenfalls bei der vergleichsweise undramatischen und tempoarmen Erzählweise gibt es Parallelen, aber Steinhauers Stoff geht jegliche Poesie oder Tragik ab, seiner Schreibe fehlt einfach die Magie, die Le Carre zumindest Kapitelweise herauf beschwören kann.
Nun gut, die Zeiten haben sich geändert, aber der Vergleich mit Run von Jeffrey Abbots Run (2009) fällt noch tödlicher aus. Abbots Roman um einen Typen, der von seinem Chef verladen wird, ist ein Hechelbuch ohne Verschnaufpausen.
Trotzdem enthält es plastische und damit auch unvergessliche Charaktere, die einem im Gedächtnis bleiben und deren Tod man noch betrauert, wenn man nicht mehr jede Wendung im Kopf hat. Darunter einen tragischen Helden, von dem ich gern noch ein Buch mehr gelesen hätte. Von MIlo Weaver muss ich nicht unbedingt noch eines lesen, es sei denn der Autor hat an seinen Schwächen gearbeitet. Sehe jedenfalls nicht den geringsten Grund für 90-Grad-Jubel von mir gibt es 57 und eigentlich müsste ich meine Bewertungen der schwächeren Le Carres nachträglich noch oben korrigieren.

17.04.2011 20:51:16
Anja S.

Ich kenne und schätze die leider bisher noch nicht übersetzte Buchreihe von Herrn Steinhauer, die in einem fiktiven sozialistischen Land spielt sehr ("The Bridge of Sighs" ist der erste Band), von daher war ich auf seine neue Agentenreihe, die es nun endlich ins Deutsche geschafft hat, sehr gespannt. Leider hat dieses Buch längst nicht die Originalität der anderen Buchreihe, sondern ist ein "wackerer" Agententhriller, aber auch nicht mehr. Den Nachfolgeband werde ich mir vermutlich schenken.

08.02.2010 19:32:19
Gerhard Zirkel

Ja, der Tourist ist wahrlich ein guter Thriller. Alles da was ein Thriller braucht, einige Morde, Verschwörungen, wilde Jagden, Schiessereien, schöne Frauen - und eine Menge Verzweiflung und Einsamkeit.

Man darf gespannt sein wie es mit dieser Reihe weitergeht - hoffentlich bald ...

Gerhard
der Buchleser