Ein reines Gewissen

  • Random House Audio
  • Erschienen: Januar 2010
  • London: Orion, 2009, Titel: 'The Complaints', Seiten: 381, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Heikko Deutschmann
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 511
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Dez 2009

Schottischen Intriganten beißen auf Polizisten-Granit

Malcolm Fox: geschieden, trockener Alkoholiker und Mitarbeiter der Dienstaufsichtsbehörde der Lothian and Borders Police im schottischen Edinburgh. Weil er den Kollegen auf die Finger schaut, ist er höchst unbeliebt. Gerade hat er den zwar korrupten aber ungemein beliebten Glen Heaton vom Revier Torphichen Place zu Fall gebracht und sich dadurch verhasster denn je gemacht.

Dies nutzt Detective Chief Inspector William "Bad Billy" Giles, Heatons bester Freund, rachsüchtig aus, als Vince Faulkner, der Lebensgefährte von Foxes Schwester Judith, erschlagen aufgefunden wird. Giles nimmt Judith in die Mangel, aber noch stärker würde es ihn freuen, könnte er dem Bruder eine Beteiligung an dem Verbrechen nachweisen: Faulkner hat Judith schwer geschlagen, und der wütende Fox wusste davon.

Zu allem Überfluss überträgt Giles den Mordfall seinem Detective Sergeant Jamie Breck. Genau diesen sollte Fox just für DS Anthea "Annie" Inglis von der Kinderschutz-Abteilung der Polizei überwachen, denn Breck steht im Verdacht, pädophil zu sein und verbotene Sex-Fotos in einschlägigen Internet-Kreisen zu tauschen. Noch fehlen eindeutige Beweise, und diese zu beschaffen, fällt Fox immer schwerer, denn Breck scheint ein ehrlicher Polizist zu sein, den er zunehmend sympathischer findet.

Die Schlinge um den Hals des Beamten zieht sich zu, bis Fox zum Gegenangriff übergeht. Er zieht eine kleine Gruppe von Kollegen und Freunden auf seine Seite und erkennt, dass er als Bauernopfer in einer Intrige dienen soll, in die nicht nur hochrangige Polizisten, sondern auch Stadtpolitiker, Geschäftsleute und Gangster verwickelt sind, die in der aktuellen Wirtschaftskrise gefährdete Investitionen sichern wollen und dabei vor keiner Gewalttat zurückschrecken …

Behutsame Übergabe des Staffelholzes

Eine etablierte, gut laufende und bei den Lesern beliebte Serie abzuschließen, birgt für einen Schriftsteller gleichermaßen Möglichkeiten und Risiken. Nach 17 Romanen um John Rebus war Ian Rankin in eine schöpferische Sackgasse geraten. Aus der Figur hatte er herausgeholt, was sie ihm zu bieten schien. Sich ihrer zu entledigen, gestattete einen Neubeginn ohne eine Rebus-Chronologie, die einen beachtlichen Umfang angenommen hatte und deren Beachtung der kritische Leser forderte.

Aber würden besagte Leser eine gänzliche neue Figur akzeptieren? Die Frage bleibt offen, denn mit "Ein reines Gewissen" hat sie Rankin keineswegs beantwortet: Dieser erste Krimi um Malcolm Fox liest sich wie der 18. Rebus-Roman, denn höchstens der Name und einige wenige Charakterzüge unterscheiden den alten vom neuen ´Helden´.

Nicht einmal den Ort des Geschehens hat Rankin gewechselt. Wieder spielt sich die Geschichte im schottischen Edinburgh ab. Wir lesen vertraute Namen und finden uns in bekannten Polizeirevieren wieder, in denen nur das Personal gewechselt zu haben scheint. Oder werden wir in den nächsten Fox-Folgen auf bekannte Figuren stoßen? Generell herrscht jedenfalls die Rebus-typische Routine, es werden vertraute Polizei-Witze gerissen und Intrigen gesponnen.

Die alten = die neuen Schurken

Auch außerhalb des polizeilichen Umfelds finden wir eine bekannte Welt wieder, in der Politik, Wirtschaft, Gesetz und Verbrechen dicht miteinander verwoben sind. Rankin hat stets tagesaktuelle Ereignisse aufgegriffen und in seine Romane einfließen lassen. Dort dienen sie entweder dem Plot, oder sie stellen Kommentare dar, in denen der Verfasser seine Kritik an bestimmten Missständen mit den Lesern teilen möchte.

Diese Kritik geht meist in dieselbe Richtung: Die Großen bereichern sich, die Kleinen zahlen die Zeche. Durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 hat sich diese Ungerechtigkeit verstärkt. Rankin schildert Spekulanten, die nach dem Zerplatzen der künstlich aufgeblähten Finanzblase panisch versuchen, ihre auf Pump zusammengerafften Vermögen in Sicherheit zu bringen. Dabei lassen sie letzte Reste von Rechtmäßigkeit, Rücksicht und Moral fahren. Der Mord an Vince Faulkner wird zur bitteren Fußnote eines Krisengeschehens, das sich erdrutschartig von ´oben´ nach ´unten´ fortsetzt: Der ahnungslose, dumme Normalbürger taugt immer noch als Kanonenfutter, das der in Geldnot geratene Spekulant den Wölfen vorwerfen kann, während er schwer mit Schätzen beladen die Flucht in die aktuelle Steueroase fortsetzt.

Auf die Solidarität ebenfalls angeschmierter Leidensgenossen sollte der gewöhnliche Steuerzahler dabei nicht rechnen. Malcolm Fox wird Opfer einer Intrige, aber vielleicht sollte man lieber von einem ganzen Bündel intriganter Vorgänge sprechen, die Rankin im Finale (ein wenig locker aber logisch) zu einem Gesamtkomplott bündelt. Dabei enthüllt er besonders infame Mechanismen des Machterhalts, die u. a. Mobbing und die gegenwärtige Angst des Arbeitsnehmers vor dem Jobverlust einschließen: Fox gerät auch deshalb in die Bredouille, weil korrupte Vorgesetzte ehrgeizigen Untergebenen ein paar Brocken hinwerfen: Als Gegenleistung für die Versetzung eines ungeliebten Kollegen wird deshalb ein schuldfreier Polizist angeschwärzt.

Einzelgänger mit großer Freundesschar

In diesem Haifischbecken tummelte sich Malcolm Fox bisher regelkonform. Dass er sich plötzlich vom kleinen Fisch in einen bissigen Flossenbeißer verwandelt und dennoch glaubwürdig bleibt, verdankt Rankin dem Trick, Fox in eine Abteilung zu versetzen, in der Tricks und doppelte Böden zum Arbeitsalltag gehören. Als Mitglied der Dienstaufsicht kennt er die Kniffe verdächtiger Kollegen. Dieses Wissen kann er nutzen, als ihm übel mitgespielt wird.

Die Genese vom Querkopf zum Quertreiber, der sich nicht verheizen lassen will, gelingt auch deshalb so bruchlos, weil Fox als Figur sehr vertraute Züge aufweist. Die Ähnlichkeit zwischen Fox und Rebus wurde schon angesprochen. Womöglich wäre "Deckungsgleiche" der treffendere Ausdruck. Die Parallelen gehen bis in die Details; sie schließen die Wohnkultur, das komplizierte Verhältnis zu Frauen, das Schimpfen über die ewig verstopften Straßen von Edinburgh oder das Wetter ein.

Wie der bärbeißige Rebus kann auch Malcolm Fox auf ein erstaunliches Netzwerk ihm gewogener Kollegen und Freunde zurückgreifen. Eigentlich steht er nie allein gegen alle. Gerät Fox einmal in eine Sackgasse, erreicht ihn garantiert ein Handy-Anruf, der ihn erneut auf eine alternative Spur bringt. Das Tempo ist gewiss nicht das Problem dieses Romans. Schwieriger fällt es, die Details der monströsen Verschwörung im Hinterkopf zu behalten, während die Handlung zügig weiter voranschreitet.

In die Erleichterung darüber, dass Fox den Einstieg in die neue Rankin-Serie so erleichtert, mischt sich dennoch Ärger: Wieso hat der Autor Rebus abgesägt, um ihn quasi umgehend wiederauferstehen zu lassen? Wie wäre es mit einem ECHTEN Neustart? Oder sollte man lieber froh sein, dass Rankin nicht auf Biegen und Brechen versucht, das Rad neu zu erfinden? "Ein reines Gewissen" bietet inhaltlich (oder formal) keine Originalität. Was Rankin beherrscht – es ist bekanntlich eine ganze Menge –, variiert er jedoch so gut, dass einmal mehr ein überdurchschnittliches Lektürevergnügen daraus entspringt.

Ein reines Gewissen

Ian Rankin, Random House Audio

Ein reines Gewissen

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