Stadt der Verlierer

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 4, Übersetzt: Michael Kessler, Bemerkung: gekürzt
  • München: Goldmann, 2011, Seiten: 336, Übersetzt: Regina Rawlinson

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Jochen König
Ein Depp kommt selten allein

Rezension von Jochen König Nov 2009

Wenn er sich nicht als Feierabend-Cowboy versucht, wovon sein malträtierter Daumen kündet, verdingt sich der ehemalige Stuntman David Spandau als Privatdetektiv in einer Agentur für die Schönen und Reichen. Bevorzugt für die Letzteren; manchmal auch für beides zugleich. Wie das halt so ist in der Stadt der Engel, speziell in Hollywood.

 Ein solcher Fall ist Bobby Dye, aufstrebender Jungstar und gerade im Begriff, jene Blockbuster zu drehen, die ihn  ganz nach oben katapultieren sollen. Eine angebliche Todesdrohung veranlasst ihn, Spandau zu engagieren. Doch der kommt bald dahinter, dass es keineswegs ein geplanter Mordanschlag ist, der Dye ängstigt. Vielmehr ist er in die Fänge des schmierigen Nachtclubbesitzers Richie Stella geraten. Der unbedingt einen Film mit Dye drehen will, was dieser als Fallstrick für seine Karriere betrachtet. Eher, weil er Menschen wie Stella nicht leiden kann, als dem unbedarften und gleichzeitig durchtriebenen Bobby Dye zu helfen, nimmt Spandau den Auftrag an und entwirft einen unausgegorenen Plan, der eine Eigendynamik entwickelt, die am Ende etliche Menschenleben fordert.

 Gestatten meine Name ist Depp, Daniel Depp. Zumindest in Deutschland wäre dem Autoren ein Pseudonym anzuraten. Doch das steht nicht zur Debatte; denn Daniel ist der große (Halb)bruder des Filmstars Johnny Depp, womit der Verlag verständlicherweise frohgemut wirbt: "Was für ein Buch! Ich bin wahnsinnig stolz auf meinen Bruder."

 Sollte es sich bei der Veröffentlichung von Stadt der Verlierer also um einen Akt der gehypten Vetternwirtschaft, bzw. schlichtes Namedropping handeln? Der Verdacht keimt auf, doch der Roman entkräftet jede Skepsis völlig.

 Auf den ersten Blick ein klassischer Hardboiled-Roman, mit einem gebrochenen Helden im Zentrum, der so zynisch wie lakonisch durch die Handlung führt, die einen desillusionierenden Blick auf die Filmwirtschaft lenkt. Nicht umsonst wird Spandau mit Robert Mitchum verglichen, ist sein Habitus ganz der des coolen Einzelgängers mit melancholischer Ader, der sich nach den guten alten Tagen sehnt. Wohl wissend, dass Erinnerung gerne trügt, und die Vergangenheit auch nicht viel besser war. Oder etwa doch?

 Da beginnt es schon zu haken: Spandau ist kein (freiwilliger) Einzelgänger, er arbeitet für eine Agentur, und das sogar gerne, auch wenn er halbherzig in Richtung  eines Lebens als Rancher und Cowboy schielt. Er sehnt sich nach einer Familie; bevorzugt nach seiner Exfrau Dee und deren Eltern, die für eine solidarische und weitgehend selbstbestimmte Haltung stehen, die die Liga der Stuntmen einmal kennzeichnete, und die vom Aussterben bedroht ist. Wobei Dees Vater bereits gestorben ist, und spätestens sein Tod jene Bruchstelle zwischen Zufrieden- und Ungewissheit bedeutet.

 Der Blick hinter Hollywoods Kulissen unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, den Kenneth Anger bereits vor Jahrzehnten in seinem Standardwerk "Hollywood Babylon" getan hat. Der Mensch ist immer noch des Menschen Wolf, in der Welt der hohlen Gesten und des flirrenden Glitters sowieso. Nur überrascht das niemand mehr, und die Spirale hat sich im Lauf der Jahrzehnte immer weiter gedreht. Die Kosten werden höher, die Drehzeiten kürzer und die Menschen am Set austauschbarer. Was in Zeiten der blassgesichtigen Kurzzeit-Berühmtheiten auch vermeintliche "Stars" betrifft.

Und somit steht Hollywood wieder einmal stellvertretend für das gesamte Leben in der Wegwerf-Gesellschaft, in der Werte wie Moral, Solidarität und Integrität nur wenig zählen, und die wahren Machthaber wohlweislich im Hintergrund agieren. Kommen sie doch aus Bereichen, mit denen man sich als mediales Glanzobjekt ungern in Verbindung sieht. Blieben jene Verkettungen, und die damit verbundenen rein geschäftsorientierten Handlungsweisen, früher zumindest auf dem Papier getrennt, so hält jetzt eine skrupellose Vermarktung ungeniert Einzug in den nächsten Bereich der Menschen, die man eigentlich schützen sollte. Da werden die kommenden Stars für ein kleines Medienspektakel bewusst in Gefahr gebracht; gleichzeitig haben sie die Freiheit sich kreuzdämlich zu verhalten und selbst zu gefährden. Solidaritätsbekundungen, genau wie Drohungen an andere Adressen,  halbseidener Produzenten sind reine Lippenbekenntnisse; über das Schicksal eines Stars wacht kein besorgtes Studio mehr. Das schafft eine scheinbare Autarkie, macht aber anfällig in die Hände schmieriger Kleinkrimineller zu geraten. 

 Doch es erwischt auch den integren Detektiven. Spandaus nicht sonderlich ausgetüftelter Plan, seinen Klienten zu schützen, geht gründlich schief; vor allem weil er die Unberechenbarkeit der Dummheit nicht eingeplant hat und Menschen, die eher zufällig ins Kreuzfeuer geraten, sterben. Zynische Konsequenz: genau jenes Scheitern verhilft dem Plan letztlich zum Erfolg. Doch dafür muss der lautere Privatdetektiv seine Seele quasi dem Teufel vermieten. Und zahlt einen hohen Preis dafür. Am Ende gibt es fast nur Verlierer, die "Macher" im Hintergrund reiben sich zufrieden die Hände, haben sie doch ein weiteres Schäfchen ins Trockene geholt.

 Und ein kleiner Blender darf sich im Glanz einer 34,29 Zentimeter großen Statue sonnen. Ein vergoldetes Stück Britanniametall im Sachwert von rund 300 Dollar. Ein ebenso passendes wie trauriges Bild, was Menschenleben und 15 Minuten Ruhm tatsächlich wert sind.

 Mit Stadt der Verlierer ist Daniel Depp ein vorzügliches Debüt gelungen. Es ist ironisch, spannend, melancholisch und mitfühlend, die Protagonisten sind trotz all ihrer Spleens und Verfehlungen glaubwürdig und mit viel Empathie gezeichnet. Depp folgt den Pfaden Raymond Chandlers, um sie an entscheidenden Stellen zu verlassen und den veränderten Zeitläufen anzupassen. Mit David Spandau hat er zudem eine Figur kreiert, die genügend Potenzial besitzt, um in Serie zu gehen. Daniel Depp kann sich sogar den Luxus erlauben, Spandau am Ende bis auf die Haut auszuziehen, ihm freundlicherweise aber eines zu lassen: Seine Würde. 

 PS.: Mal wieder einen kleine Hinweis auf die verlegerische Sorgfaltspflicht: Der Film, für den Daniel Depp als einer von drei Drehbuchautoren 1997 für die goldene Palme in Cannes nominiert wurde, heißt keineswegs "The Brace", wie auf dem Umschlag zu lesen ist. Vielmehr handelt es sich um Johnny Depps erste und bisher einzige Regiearbeit (vom kurzen TV-Film "Stuff" abgesehen) "The Brave".

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