Tod auf der Northumberland

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 346, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Wohl dem, der den Überblick behält!

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2009

Verlässt man sich auf die Darstellung der Buchrückseite oder den Waschzettel, so ist der Inhalt des Romans recht überschaubar. John Gowers arbeitet als Detektiv in New York und sucht im Auftrag von Senator Blandon dessen verschwundene Tochter. Doch diese ist keineswegs verschwunden, sie arbeitet vielmehr als Prostituierte. Der Senator weigert sich trotz eines Beweisfotos dies anzuerkennen, geschweige denn Gowers für seine Arbeit zu entlohnen. Als wenig später Gowers Fotograf zusammengeschlagen wird, entschließt sich Gowers, ein Foto an die Zeitung zu verkaufen. Gleichwohl ist klar, dass er New York schnellstens verlassen muss, bevor ihm die Schergen des Senators übel mitspielen.

Da kommt Gowers ein neuer Auftrag von Emmeline Thompson sehr entgegen. Diese fuhr mit ihrem Vater Samuel auf der Northumberland nach St. Helena, wo Samuel der neue Gouverneur werden sollte. Doch kurz vor Erreichen des New Yorker Hafens soll sich ihr Vater angeblich erhängt haben. Gowers geht als Emmelines Bruder Daniel an Bord des Schiffes und versucht herauszufinden, ob womöglich mehr dahinter steckt. Kaum beginnt er mit seinen Ermittlungen, stirbt der französische Schiffskoch Louis Vivés durch eine Arsenvergiftung. Samuel war einer der wenigen Schiffspassagiere, die Kontakt zu dem Koch hatten....

So kann man sich mit dem Inhalt täuschen

Bei dieser Inhaltsangabe ist ja eigentlich alles klar. Ein Mord (oder mehrere?) auf einem Schiff und die Suche nach dem Täter kann beginnen. Dies ist nicht neu und so kam Daniel Twardowski auf die Idee, die Geschichte ein wenig zu variieren. Die oben angerissene Schifffahrt findet im Jahr 1865 statt, doch plötzlich steht auf einmal kein Geringerer als der französische Kaiser Napoleon im Mittelpunkt. Er befindet sich an Bord eben jener Northumberland, die ihn geradewegs nach St. Helena bringt. Damit verbunden ist natürlich ein Zeitsprung zurück in das Jahr 1815, in dem Napoleon nach seiner Niederlage bei Waterloo ins Exil verbannt wurde. Und schon der nächste Sprung: Die junge Pfarrerstochter Jane Williams wird in dem beschaulichen englischen Dorf Benwell am Tyne von einem schottischen Bergarbeiter geschwängert, der kurz nach der Geburt ihres Sohnes Ben bei einem Grubenunglück stirbt. Notgedrungen nimmt Jane selber einen Job unter Tage an und erlebt dort unsägliche Arbeitsbedingungen.

Kein Buch für unterwegs

Zugegeben, die Überraschung ist dem Autor gelungen. Denn dass es von einem vermeintlichen Mord auf einem Schiff direkt über Napoleon in ein englisches Kohlenbergwerk geht, konnte wahrlich keiner ahnen. Die Geschichte springt ständig hin und her, sowohl in den drei Erzählsträngen wie auch - zwangsläufig - in den unterschiedlichen Jahrzehnten. Wer also leicht verdauliche Kost für unterwegs sucht, liegt hier völlig falsch. Dieses Buch auf der täglichen Fahrt zur Arbeit zu lesen geht gar nicht.

Eines vorweg! Die Geschichte von Jane und ihrem Sohn Ben ist das Highlight des Buches, da die Geschehnisse rund um die Arbeit im Bergbau höchst intensiv beschrieben werden. Unglaublich, unter welch unwürdigen Bedingungen die Menschen zu jener Zeit (1830er/1840er-Jahre) arbeiten mussten. Man leidet förmlich in jeder Zeile mit. Aber braucht man diese Geschichte, die gefühlt locker ein Drittel des Romans einnimmt, zum Verständnis der aktuellen Geschehnisse? Nein und so ist dieser grandios erzählte Teil des Romans (es wird übrigens vorweggenommen, dass es sich um die Kinder-/Jugendjahre des Protagonisten handelt, wenngleich seine Mutter hier im Fokus steht) letztlich nur Füllwerk, dass von der Schwäche des Krimiplots ablenken soll.

Ermittlungsmethoden und Schreibstil sind mehr als gewöhnungsbedürftig

Wiederholt erwähnt der Autor, dass ein Detektiv in Amerika Investigator heißt, als hätte erst er selbst dies jüngst herausgefunden. Dabei wissen Krimifans sehr wohl, wofür der Buchstabe I bei der Abkürzung des FBI steht. Jedenfalls besteht die Gefahr, dass die inflationäre Erwähnung des Wortes Investigator einem womöglich auf den Keks geht, zumal dieser eine recht seltsame Ermittlungsmethode anwendet. Gowers bedient sich nämlich der Ars Combinatoria, den lullschen Drehscheiben, was womöglich erklärt, warum er in seinen Ermittlungen nicht vorankommt. Und wenn Gowers dann doch mal Erkenntnisse gewinnt, kann der Leser dies nur selten nachvollziehen. Agatha Christie kannte die Faustregel, wonach der Detektiv (hier der Investigator) nicht mehr wissen darf als der Leser.

Stupor bis somnambul. Zustände sind das!

Ebenso wenig verständlich ist teilweise das Vokabular des Autors. So ist der Schiffsarzt durch den "Stupor" seines Gesprächspartners verunsichert, an anderer Stelle sitzt dem Protagonisten eine junge Frau "somnambul" gegenüber. Na bravo!

Bleibt abschließend zu erwähnen, dass die Verkettung der Erzählstränge (Gowers / Napoleon) ganz nett ist und diese der eigentlichen Geschichte eine überraschende Wende zuführt, allerdings setzt das Finale zwischen Gowers und dem mordenden Mister X einen traurigen Schlusspunkt. So einfach darf man es sich nicht machen.

Tod auf der Northumberland

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