Tiefe Schatten des Olivenbaums

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Auenstein: Ralf Hochstrasser, 2008, Seiten: 317, Originalsprache

Couch-Wertung:

65°
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Jörg Kijanski
Stimmungsvoller Griechenland-Krimi

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2008

In einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Kalamata im südwestlichen Zipfel Griechenlands findet ein Arbeiter auf der Baustelle eines deutschen Ehepaares die Leiche des Bauführers Philippe. Da es niemanden bei der örtlichen Polizei gibt, der sich mit der Ermittlung von Mordfällen, denn ein solcher scheint vorzuliegen, auskennt, bittet Philippes Bekannter Bernhard die Athener Kommissarin Phani Papadea sich den Fall einmal anzusehen. Papadea kennt Bernhard und Philippe von früher und auch die Stadt Kalamata ist ihr bestens bekannt, da sie dort als Kind aufgewachsen ist. Papadea hat keine aktuellen Fälle zu behandeln und so lässt sie ihr Chef in die Provinz fahren, um die Ermittlungen zu übernehmen.

Als sich Papadea nach ihrer Ankunft den Tatort ansieht stellt sie überrascht fest, dass dort keinerlei Blutspuren zu finden sind, obwohl Philippe vermutlich erschlagen wurde. Am nächsten Tag besucht sie Bernhard, den sie in seiner Wohnung verletzt vorfindet. Kurz vor ihrer Ankunft hatte dieser Besuch und wurde niedergeschlagen. Außerdem musste er seinem Angreifer versprechen, sich nicht weiter zu den Ermittlungen zu äußern.

An Papadeas Seite steht der unerfahrene Unterinspektor Panos Kiriakoulis, der hofft, von der erfahrenen Kollegin aus der Hauptstadt einiges lernen zu können. Lediglich dies hofft auch Polizeidirektor Mavridis, der gegenüber Papadea ebenso unterschwellig wie eindeutig erwähnt, dass er in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes eigentlich gar keine Ergebnisse erwartet. Diese sind allerdings auch nicht zu befürchten, denn der einzige für die Spurensicherung zuständige Kollege ist in Urlaub und selbst die Obduktion des Opfers ergibt keinerlei Neuigkeiten. Vielleicht deswegen, weil der für die Obduktion verantwortliche Arzt angeblich ein Studienkollege von Mavridis ist, denn nicht wenige munkeln, dass der Polizeichef vor seiner Ernennung noch nie eine Wache von innen sah und eigentlich studierter Zahnarzt ist...

Die Ermittlungen der Protagonistin sind gewöhnungsbedürftig

Nicht wenige Menschen behaupten, dass die Geburtsstätte der Mafia nicht in Italien liegt, sondern vielmehr in einem der kargen Winkel Griechenlands zu finden sein muss. Rafael Navarins Debütroman Tief Schatten des Olivenbaums trägt dieser Annahme Rechnung, denn seine Protagonistin, die junge Athener Kommissarin Phani Papadea, trifft im entlegenen Kalamata auf jene berühmte Mauer des Schweigens, die für die vom organisierten Verbrechen kontrollierten Gegenden typisch ist.

So kommt Papadea in ihren Ermittlungen auch kaum voran, was aber mehrere Ursachen hat. Sie selbst beendet nicht selten ihre Befragungen urplötzlich, weil sie glaubt, an einer Stelle angekommen zu sein, wo aus den Leuten nicht mehr herauszuholen ist. Etwas befremdlich, zumal des Öfteren die eigentlich interessanten und nahe liegenden Fragen noch nicht gestellt wurden. Überhaupt wirkt Papadea keineswegs wie eine erfahrene Kommissarin, sondern rennt recht häufig orientierungslos durch die Gegend und übersieht nahe liegende Dinge beziehungsweise vergisst auf der Hand liegende Recherchen. Ein Bauleiter verschwindet, doch einen Zusammenhang zu dem aktuellen Todesfall vermag Papadea lange Zeit nicht zu erkennen. Auch interessiert sie sich nicht für die Vergangenheit von Philippes Partnerin, die spätestens nach ihrem Verschwinden zur zwischenzeitlichen Hauptverdächtigen mutiert.

Eine sympathische Liebeserklärung an die südländische Mentalität, die einen schwach umgesetzten Krimiplot rettet

Der Autor glänzt nicht beim eigentlichen Krimiplot oder vielmehr bei dessen Umsetzung, aber immer dann, wenn er sich auf vertrautem Terrain befindet. Rafael Navarin ist studierter Architekt und sieht in Griechenland seit vielen Jahren seine erste Heimat. Kein Wunder also, dass die Geschichte in einem Umfeld angesiedelt ist, in dem deutsche Auswanderer sich in Griechenland den Traum vom eigenen Heim verwirklichen wollen. Detailliert erfährt man viele wissenswerte Details über den Häuserbau, die griechische Mentalität und die damit oftmals einhergehende Schlamperei am Bau. So steigt nicht selten der Zementverbrauch drastisch an, weil geplante Keller als Fundamente fehlinterpretiert und einfach zugeschüttet werden. Über Land und Leute erfährt man hier so einiges, quasi als eine Art Liebeserklärung an die neue Heimat des Autors. Die zahlreich vorkommenden griechischen Zungenbrecher wie iatrodikastis (Gerichtsmediziner) werden sowohl im Roman selber wie auch in einem kleinen Glossar übersetzt, so dass sie weder Schwierigkeiten bereiten noch den Lesefluss stören. Dabei zeigt Navarin auch deutlich die Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Griechen auf, mitunter mit einem leichten Augenzwinkern. Ein Vergleich mit der türkischen Autorin Esmahan Aykol sei daher gewagt.

 

"Kiria Friedel, hat Ihr Mann starke Beruhigungsmittel genommen, in der Form von kleinen weißen Pillen?"
"Nein. Aber er nahm große blaue Pillen, und soweit ich weiß, haben die den gegenteiligen Effekt."

 

Wer beabsichtigt, einmal im "Land der Götter" Urlaub zu machen, kann sich mit Tiefe Schatten des Olivenbaums auf eine etwas andere Art darauf vorbereiten. Ein Schälchen Oliven und griechischer Wein sollten bei der Lektüre griffbereit stehen. Für Krimifreunde ist das Buch hingegen nur bedingt zu empfehlen. Zwar kommt die Protagonistin insgesamt recht sympathisch herüber, aber ihre Ermittlungsmethoden, eingebettet in ein gänzlich inkompetent wirkendes Umfeld, sind doch arg gewöhnungsbedürftig und dass am Ende notgedrungen Kommissar Zufall eingreifen muss, sorgt ebenfalls nicht für Pluspunkte. Bleibt die Hoffnung, dass es im zweiten Papadea-Roman besser läuft.

Tiefe Schatten des Olivenbaums

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