Die siebte Stunde

  • Audiobuch
  • Erschienen: Januar 2007
  • Hamburg: Audiobuch, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Aljinovic, Boris
  • München: Goldman, 2015, Seiten: 448, Originalsprache
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Thorsten Sauer
70°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2007

Vampire in Berlin

Wenn eine "Schwarze Königin", mehrere Vampire und andere düstere Gestalten eine Rolle spielen, muss es sich nicht zwangsläufig um einen Fantasy-Roman handeln. Für Elisabeth Herrmann, die mit Die 7. Stunde ihren zweiten Roman nach einem viel gelobten Debüt vorlegt, sind es Zutaten zu einem ganz und gar weltlichen Krimi, der im Berlin der Gegenwart spielt.

Hinter der Fassade

Joachim Vernau und seine alte Freundin Marie-Luise kämpfen mit ihrer gerade gegründeten Anwaltskanzlei Monat für Monat ums Überleben und gegen unbezahlte Rechnungen. Da kommt der Auftrag einer Privatschule, die Jura AG - den so genannten "Teen Court" - zu leiten gerade recht, um den uralten, firmeneigenen Volvo vor dem Schrottplatz zu retten.

Der 2Teen Court" ist eine Schülergruppe, die kleinere Verstöße gegen die Hausordnung der Privatschule diskutiert und selbstständig Maßnahmen gegen die Verantwortlichen festlegen kann. Damit das Ganze unter fachmännischer Leitung steht, wird - in Ermangelung einer entsprechenden Lehrkraft - Vernau die Aufgabe des Tutors der Gruppe zuteil. Ein einfacher Job wie es scheint. Im Gegensatz zur in Sichtweite liegenden Hauptschule, sind dem Gymnasium für die Söhne und Töchter betuchter Eltern, echte Probleme oder gar Kriminalität scheinbar völlig fremd.

Doch es brodelt hinter der exklusiven Fassade der Schule. Der Selbstmord einer Mitschülerin scheint die Jugendlichen zutiefst zu verstören. Der vermeintlich leichte erste Gehversuch Vernaus als Pädagoge entpuppt sich angesichts der ablehnenden Haltung seiner Schüler als echte Herausforderung und auch die Hausordnung der ehrgeizigen stellvertretenden Schulleiterin Oettinger hat es in sich. Vernau stellt Fragen und entdeckt, dass einige Schüler einem Live-Rollenspiel verfallen sind, das nicht nur mit Fantasie und Gummiwaffen gespielt wird, sondern sich in der Realität blutig fortsetzt. Als er ahnt wohin das führen kann, ist es fast zu spät.

Out time oder In-Time?

Wer in den Achtzigern aufgewachsen ist, kennt Rollenspiele womöglich nicht nur unter dem Kürzel MMORPG und versteht darunter 2World of Warcraft" im Internet mit Teilnehmern rund um den Globus, sondern als "Das schwarze Auge", das als Pen-and-Paper Rollenspiel ohne Computer auskam, weil in der Phantasie und mit dem berühmten zwanzig seitigen Würfel gespielt wurde. Echte Fans haben sich schon damals nicht nur mit dem Brettspiel zufrieden gegeben, sondern das Erlebnis durch entsprechende Kostüme und Schauplätze verstärkt. Es mag überraschen, aber auch im 21. Jahrhundert gibt es noch eine ebenso verschworene wie aktive Gemeinschaft von Live-Rollenspielern. Die Berliner Vampire sind so eine Gruppe. Die Autorin hat selbst einige Erfahrungen als Ghul (wer das Buch liest, wird dieses Geschöpf näher kennen lernen) bei dieser Gruppe und einiges, was Vernau widerfährt, dürfte sich direkt aus den Erfahrungen der Autorin ableiten.

Der Hintergrund der Geschichte, die Gemeinschaft der Rollenspieler, fesselt und bildet eine interessante Grundidee für den Roman. Herrmann gelingt es - zumindest phasenweise - die Faszination, denen Rollenspieler erliegen, zu vermitteln. Auch wenn einiges etwas zu skurril anmutet. Wohl deshalb stellt sie an das Ende des Romans ein ausführliches Nachwort, in dem sie einige Einblicke in ihre Recherchen gibt.

Insgesamt kränkelt der Roman ein wenig an der fehlenden Glaubwürdigkeit. Die Berliner Luxus-Privatschule ist mit ihren weltfremden Schülern aus der Oberschicht nur schwer in der Berliner Realität vorstellbar. Die stellvertretende Schulleiterin wirkt mit ihrer Engstirnigkeit und dem zerfressenden Ehrgeiz mehr wie eine Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert, denn als moderne Schulmanagerin, die sie darstellen soll.

Die Geschichte selbst dagegen ist eigentlich reizvoll. Rollenspiele leben von charismatischen Spielleitern, die den Fortgang des Spiels lenken, die Einhaltung der Regeln überwachen und letztlich die Mitspieler ein wesentliches Stück manipulieren können. Was passiert, wenn die wichtigste Regel des Rollenspiels, das "Out-Time" gehen, also das Verlassen des Spiels, plötzlich nicht mehr möglich ist. Verbunden mit einem geheimnisvollen Selbstmord und kleinen unheimlichen Begebenheiten in der Schule, sind damit fast alle Bestandteile für einen guten Krimi gegeben. Aber eben nur fast. Es fehlen die interessanten, glaubwürdigen Figuren, die den Leser an die Geschichte binden.

Doch trotzdem, auch wenn Die 7. Stunde einige Schwächen hat, ist der neue Roman von Elisabeth Herrmann ein spannender unverbrauchter Plot um skurrile Rollenspiele, Klassenverbände, Außenseiter und die Katastrophe, die sich aus dieser Mischung entwickeln kann. Man kann den Roman denen ans Herz legen kann, die selbst einmal als Elf, Zwerg, Magier oder Waldmensch Aventurien unsicher gemacht haben aber nie über das gute alte "Das schwarze Auge" hinausgekommen sind.

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