Blasse Engel

  • Fischer Taschenbuch Verlag
  • Erschienen: Januar 2007
  • Stockholm: Piratförlaget, 2005, Titel: 'Box 21', Originalsprache
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2007, Seiten: 368, Übersetzt: Gabriele Haefs
Blasse Engel
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Thorsten Sauer
73°

Krimi-Couch Rezension vonMär 2007

Menschenhandel und moralische Konflikte

Opfer spielen in Krimis naturgemäß eine besondere Rolle. Ohne sie wäre ein normaler Krimi kaum denkbar. Allerdings beschränkt sich deren Rolle meist darauf, als Mordopfer die Ausgangssituation der Krimihandlung zu bilden oder als Verfolgungsopfer das Spannungsmoment für einen Thriller abzugeben. Eine echte Auseinandersetzung, vor allem mit der Gefühlswelt, findet kaum statt. Hier bildet das Autorenduo Anders Rosslund und Börge Hellström eine bemerkenswerte Ausnahme: weniger die eigentliche Krimihandlung als vielmehr das, was eine Straftat auslöst, ist das zentrale Thema ihres mittlerweile zweiten Romans.

Die Hölle der Zwangsprostitution im beschaulichen Mietshaus

Die beiden jungen Lettinnen Lydia und Alena wurden von Schleppern nach Stockholm entführt und müssen als Zwangsprostituierte in einem unscheinbaren Mietshaus täglich zwölf Freiern zu Diensten sein. Die jahrelange Unterdrückung der beiden neunzehn und zwanzigjährigen Frauen durch ihren "Besitzer", der nur "Dimitri Scheißzuhälter" genannt wird, gipfelt eines Tages in der offenen Rebellion der beiden. Für Lydia endet dieser Aufstand fast tödlich, doch die Polizei wird auf den Plan gerufen. Lydia kommt in ein Stockholmer Krankenhaus und es stellt sich heraus, dass Dimitri aufgrund diplomatischer Immunität nicht angreifbar ist.

Für Ewert Grens, den depressiven Inspektor der Stockholmer Polizei ist der Fall daher nur ein kurzes Intermezzo, vor allem deshalb, weil er mit seinem ganz persönlichen Rachfeldzug beschäftigt ist. Doch die Sache nimmt eine unerwartete Wendung. Kaum ist Lydia wieder einigermaßen bei Kräften, verschanzt sie sich schwerbewaffnet und mit mit Geiseln im Leichenschauhaus der Klinik. Für alle überraschend fordert sie Kontakt zu einem erfahrenen Beamten und Freund von Grens. Der reagiert unerwartet zögerlich, kommt der Forderung jedoch nach. Damit nimmt eine Katastrophe, die Ewert Grens noch tiefer in seine depressive Isoliertheit stürzt und ihn vor eine schwere Gewissensentscheidung stellt, unweigerlich ihren Lauf.

Interessant trotz handwerklicher Schwächen

Eine klare Beurteilung des neuesten Werks des schwedischen Autorenduos, das mit dem renommierten nordischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, fällt schwer, da dem streckenweise fesselnd behandelten und aufrüttelnden Thema grobe handwerkliche Schwächen gegenüber stehen.

Die Sprache des Romans ist zunächst einmal nur schwer zugänglich. Häufig gleiten die Beschreibungen ins Vulgäre ab und das ist offensichtlich auch gewollt, da die Autoren mit den krassen Schilderungen des täglichen Martyriums der beiden jungen Lettinnen aufrütteln wollen. Deutlich unklarer ist das Ziel einer anderen stylistischen Eigenart: Minisätze werden im unmittelbar folgenden Halbsatz wörtlich wiederholt.

 

"Sie schaute zu ihrem Notizbuch hinüber. Sie wusste. Sie wusste, was sie durchgemacht hatte. Sie wusste, dass es nie wieder passieren würde." (S. 84)

 

Wenn das der Versuch ist, literarisch zu sein, so ist er leider misslungen. Lediglich der Lesefluss leidet darunter. Erstaunlicherweise werden diese Stilblüten mit dem Fortschreiten des Romans immer weniger aber trotzdem bleibt die Sprache gewöhnungsbedürftig.

Dass sich Rosslund und Hellström weniger für die Kriminalgeschichte und dafür mehr für die damit verbunden moralischen Fragen interessierten, merkt man an einigen Ungereimtheiten des Plots. So bleiben die beiden die Frage schuldig, weshalb ein kleiner Schlepper und Zuhälter über einen Diplomatenpass und Plastiksprengstoff samt funktionierender Zündeinrichtung verfügt. Die Tatsache Sprengstoff im Keller zu lagern scheint dem Zuhälter Dimitri sogar derart selbstverständlich zu sein, dass er es nicht für nötig hält, diesen zu beseitigen, bevor er den gleichen Kellerraum zum Strafverlies für seine beiden Sklavinnen macht. Die wiederum scheinen ihrem Schicksal so ergeben zu sein, dass sie das Potential des Sprengstoffs für eine Flucht erst im Krankenhaus erkennen.

Überhaupt verwandelt der Krankenhausaufenthalt die beiden naiven und traumatisierten Mädchen in regelrechte Terroristinnen, die abgebrüht eine Geiselnahme im Krankenhaus planen, vorbereiten und durchführen. Alles was Lydia für die Vorbereitung benötigt, lässt sich problemlos vom Krankenbett aus beschaffen. Dass ein Krankenhaus einen detaillierten Lageplan der Leichenhalle in die eigene Werbebroschüre veröffentlicht, ist da nur eines von etlichen weiteren unlogischen Details, die Roslund und Hellström einbauen.

Die zweite Ebene ist weitaus interessanter 

Doch hinter der nur leidlich spannenden Krimigeschichte entwickelt sich eine zweite Ebene, die wesentlich interessanter und für einen Krimi ungewöhnlich ist. Kommissar Grens findet heraus, dass sein langjähriger Kollege und einziger Freund in die Zwangsprostitution verwickelt war. Damit wird die moralische Frage aufgeworfen, wie weit die Freundschaft und der Wunsch die Familie des Freundes vor der Schande zu beschützen über die Pflicht zur bedingungslosen Aufklärung eines Verbrechens und des Schutzes der Opfer gehen darf. Grens entscheidet sich, lässt Beweise verschwinden und zieht seinen Assistenten in die unsaubere Ermittlungsarbeit und damit in den moralischen Konflikt hinein.

Das Autorenduo stellt die Frage was wichtiger ist: der persönliche Einsatz für die Freundschaft, die Suche nach der Wahrheit oder der Schutz der Opfer des Menschenhandels. Roslund und Hellström geben keine klare Antwort sondern zeigen, dass sich keines dieser Ziele konfliktfrei erreichen lässt.

Blasse Engel ist zweifellos kein Krimi für das breite Publikum. Zu ernst wird das Thema abgehandelt und zu offensichtlich sind die erzählerischen Mängel. Aber er lässt den Leser nachdenklich zurück und das ist immerhin etwas, das nur wenigen Romanen des Genres gelingt.

Blasse Engel

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