Verblendung

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Norstedt, 2005, Titel: 'Män som hatar kvinnor', Originalsprache
  • München: Heyne, 2006, Seiten: 688, Übersetzt: Wibke Kuhn
  • München: Heyne, 2007, Seiten: 687
  • München: Heyne, 2009, Seiten: 699

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Lars Schafft
Fremdwort Erzählökonomie

Buch-Rezension von Lars Schafft Mär 2007

Verblendung gehört scheinbar zu den Büchern, die man nur deswegen lesen muss, um mitreden zu können. Freilich: Man kann auch ohne Lektüre mancher Romane eine Meinung dazu haben (hat wirklich jeder Charlotte Roches Feuchtgebiete gelesen?), aber bei einem Hype wie um den 2004 verstorbenen Stieg Larsson kann ein Blick ins Werk vielleicht wirklich nicht schaden. Hat er auch nicht sonderlich. Ich kann jetzt mitreden. Und ganz klar den Standpunkt vertreten: Durchschnitt. Mehr nicht.

Und das ist noch recht positiv bewertet. Hätte ich nicht viel zu viel Zeit gehabt (Urlaub), wäre Verblendung nach etwa hundert Seiten in der Ecke gelandet. Allein schon innerhalb der ersten Seiten ein dicker Schnitzer: Da soll sich ein Mann Wochen lang nicht rasiert haben - und gerade einmal ein paar Bartstoppeln sprießen ihm im Gesicht. Tja, wenn es so wäre, könnten Gilette, Wilkinson und Co. Sicherlich einpacken.

Einverstanden, eine derartige Betrachtung des Textes ist vielleicht etwas kleinlich und eher dem Lektorat denn dem Autor anzukreiden. Vielmehr ärgert die Struktur Larssons, dem Erzählökonomie ein Fremdwort wie Humor zu sein scheint. Er beginnt gemächlich (ein ebenso starker Euphemismus wie die Bewertung des Romans als Durchschnitt) und führt den männlichen Part seiner Protagonisten, Mikael Blomkvist, ein, den nahezu jeder auf herrgott-wie-originelle Weise in Anlehnung an Astrid Lindgrens Detektiv nur "Kalle" nennt. Blomkvist ist Star-Journalist für ein Magazin, dem man am ehesten den Stempel "independent" aufdrücken würde. Erstaunlich naiv hat der sich mit einem Finanzhai namens Wennerström angelegt und in Folge dessen eine schmerzliche Niederlage vor dem Kadi erlitten. Die Karriere steht vor dem Aus, als ihn glücklicherweise der Alt-Industrielle Vanger Blomkvist bittet, ein wenig die Familiengeschichte - eigentlich eine Familientragödie - zu beleuchten.

An dieser Stelle fängt der eigentliche Fall an und gähnend blickt man auf über hundert Seiten davor: Bereits 1966 ist Vangers Nichte wie vom Erdboden verschluckt. Sie verschwand spurlos von der Insel der Großfamilie, obwohl ein LKW-Unfall dies unmöglich gemacht hätte. Blomkvists Auftrag: herauszufinden, was mit der jungen Harriet passiert ist. Unterstützung bekommt er ausgerechnet von einem Twen namens Lisbeth Salander - tätowiert, emotionsunfähig, Computergenie. Es überrascht dann nicht wirklich, dass die beiden einem Serienkiller mit ausgeprägtem Frauenhass auf die Spur kommen.

Zugegeben: Dieser Plot ist gar nicht mal verkehrt, wenngleich auch nicht sonderlich originell. Aber er hält den Leser ein paar hundert Seiten am Ball, Larssons Schilderung der ach-so-klassischen Mord-auf-einer-Insel-Spannung wirkt streckenweise gar atmosphärisch. Dabei hätte er es belassen sollen. Und nicht den Roman nach Enttarnung des Mörders um weitere hundertfünfzig Seiten aufzublähen, um die Geschichte um Blomkvists Widersacher Wennerström auf mäßige Temperatur aufzuwärmen.

Können weder Struktur noch Plot begeistern, müssen die Charaktere herhalten. Aber auch hier: Unser Kalle ist ein lauwarmes Abziehbild. Political correct, Womanizer - aber Elizabeth-George-Leser. Ah ja. Mehr gibt es zu ihm kaum zu sagen.

Bliebe Lisbeth Salander, die tatsächlich das Originellste in Verblendung ist. Sie hätte den Roman herumreißen können. Hätte. Denn leider bleibt unser glatter Journalist, für den sie dann auch Gefühle entwickeln soll - ausgerechnet! - im Vordergrund. Vieles bleibt bei Lisbeth Salander offen, manches wirkt arg überzeichnet - der Ausdruck "Heldin" passt schließlich viel zu gut -, und da Larsson sie "normalisiert" statt zum spannenden Gegenpol aufzubauen, geht der Reiz dieser Figur auch von Seite zu Seite mehr flöten. Wie es mit ihr weitergeht? Who cares?

Unterm Strich bleibt so wenig mehr als ein mäßig lesbarer Kriminalroman mit ein paar fesselnden Sequenzen, der die Eingangsfrage jedoch relativiert. Manche Bücher muss man nicht unbedingt gelesen haben. Nichtmals, um mitreden zu können. Larssons posthumer Ruhm ist angesichts von Verblendung schleierhaft.

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