Verschwörung

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2015, Übersetzt: Dietmar Bär, Bemerkung: gekürzte Ausgabe

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Jürgen Priester
Eine würdige Fortsetzung der Reihe

Buch-Rezension von Jürgen Priester Aug 2015

Da ist er nun, der erste Kriminalroman des bis dato unbekannten schwedischen Autors David Lagercrantz, und er ist gar nicht so schlecht. Im Vorfeld der Veröffentlichung hat es ein mediales Getöse um den Roman gegeben. Der bekannte dänische Krimiautor Jussi Adler-Olsen sah sich sogar genötigt, vor diesem Roman zu warnen und zum Boykott aufzurufen. Was ist nun so verwerflich an diesem Roman? Es ist der Umstand, dass Lagercrantz mit Romanfiguren aus der Millennium-Reihe des verstorbenen Autors Stieg Larsson arbeitet und die involvierten Verlage den Roman als Band 4 der Kult-Reihe vermarkten möchten. Es ist zwar nur ein Gedankenspiel, aber hätte Larsson es gut gefunden, dass ein anderer sein Werk fortsetzt?

Als Stieg Larsson 2004 an einem Herzanfall starb, hatte er drei Bände mit seinen Hauptprotagonisten Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander fertiggestellt, ein vierter war in Arbeit, zu weiteren gibt es Exposés. Geplant hatte er wohl zehn. Die Veröffentlichung und der weltweite Erfolg der ersten drei Bände, die im Nachhinein als "Millennium-Trilogie" bezeichnet wurden, (obwohl es ja keine echte ist), hat Larsson nicht erlebt. Man kann fragen, was hätten plötzlicher Reichtum und Ruhm aus ihm gemacht? Zeit seines Lebens war er ein sozial engagierter und politisch aktiver Mensch. Er hatte mehrere Projekte gegen den Rechtsradikalismus in Schweden initiiert und unterstützt, und man kann vermuten, dass erhebliche Teile des neugewonnenen Reichtums in sie geflossen wären. Aber das ist Spekulation.
Vermutungen und Wahrscheinlichkeiten begleiten dann auch Larssons Nachlass und die Vorgeschichte zu dem vorliegenden Buch. Einig waren sich Larssons langjährige Lebensgefährtin Eva Gabrielsson und seine Erben (Vater Erland und Bruder Joakim), dass der unvollendete vierte Band in keiner Form veröffentlicht werden sollte. War´s das?

Jahre später, in 2013, gab Larssons schwedischer Verlag (Norstedt) bekannt, dass er mit dem Einverständnis der Erben den Schriftsteller David Lagercrantz beauftragt habe, eine Fortsetzung zu schreiben. Empörung brandete auf, von Grabplünderung war zu lesen, Larsson würde sich im Grabe herumdrehen. Ist Larssons Werk so sakrosankt, dass sich eine posthume Kommerzialisierung verbietet?

Vor Kurzem erschien ein neuer Philip-Marlowe-Roman. Selbstredend nicht vom Altmeister persönlich, denn der ist seit gut 50 Jahren tot. Der irische Schriftsteller John Banville alias Benjamin Black hatte sich eines Romanfragments aus Chandlers Nachlass angenommen und daraus eine Fortsetzung von Der lange Abschied gemacht. Die Presse feierte das als eine Hommage an den Nestor der Hardboiled-Novel. Kein Sakrileg in diesem Fall?

Jungautoren schreiben James-Patterson-Thriller, Eric van Lustbader setzt Robert Ludlums Bourne-Reihe fort, selbst bei uns in Deutschland hat ein Daniel Holbe Andreas-Franz-Romane geschrieben.

Gegen Ende von Verschwörung sagt ein Protagonist, man solle doch nicht alles zu Geld machen, was man zu Geld machen kann. Eine löbliche Einstellung. Aber die Realität ist eine andere, heutzutage wird doch Alles und Jeder vermarktet, ohne ethische oder moralische Beschränkungen. Da sollte sich ein Adler-Olsen auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Die nachträgliche Veröffentlichung seiner strittigen Frühwerke sind auch nichts anderes als Geldschneiderei. Das einzige, was Adler-Olsen mit seinem Appell erreicht hat, ist, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf Lagercrantz' Buch zu lenken.

David Lagercrantz stellt sich nun mit seiner Version einer Fortsetzung den Lesern und der Kritik. Die deutsche Ausgabe in der Übersetzung von Ursel Allenstein trägt den Titel Verschwörung. Das schwedische Original heißt "Det som inte dödar oss", zu Deutsch: "Was uns nicht umbringt,...". Der Autor befasst sich mit zwei Themenbereichen, die gut zu Larssons Hauptprotagonisten passen und wahrscheinlich auch seine Zustimmung gefunden hätten: dem Untergang des unabhängigen Journalismus und der Total-Ausspähung durch Staat und Großkonzerne.

Mikael Blomqvist, dem Star-Reporter der Zeitschrift "Millennium", geht es nicht gut. Nach seinen grandiosen Erfolgen der entfernteren und jüngeren Vergangenheit ist er in ein schöpferisches Loch gefallen. Zudem setzen ihm Neider und konzertierte Aktionen gegen ihn zu. Händeringend sucht er nach der großen Story, die ihn und sein Blatt wieder an die vorderste Linie bringen. Das ist auch bitter nötig, denn "Millennium" steckt seit längerem in einer finanziellen Schieflage. Ein großer Medienkonzern hat sich bereits einen relevanten Anteil am Verlag gesichert und übt nun Druck auf die Geschäftsleitung aus, betriebswirtschaftliche Schwerpunkte neu zu setzen. Einsparungen, Stellenabbau und eine marktkonforme Ausrichtung der Themen nach dem Motto: "Beiß' nicht die Hand, die dich füttert" stehen auf der Agenda. Blomqvist ist ziemlich ratlos, ob und wie er weitermachen kann, als er von einem schwedischen Wissenschaftler, einer Koryphäe in Sachen "Künstlicher Intelligenz", hört, der in bedrohlichen Schwierigkeiten steckt. Außerdem soll Frans Balder mit einer exzentrischen jungen Hackerin in Kontakt gestanden haben, was Blomqvist hellhörig macht und ihn an Lisbeth Salander denken lässt. Bei einem geplanten nächtlichen Treffen mit dem Wissenschaftler kommt es zum Fiasko. Balders autistischer Sohn August wird Zeuge eines Verbrechens und muss fortan unter Schutz gestellt werden.

Derweil hockt Lisbeth Salander trotz ihres Vermögens in ihrer bescheidenen Wohnung. Umgeben von allerlei spezieller Hardware ficht sie gerade einen Strauß mit der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde NSA aus. Über verschlungene Wege ist es ihr gelungen, in deren Intranet einzudringen und brisante geheime Dossiers zu sichten. Ihre Aktivitäten bleiben jedoch nicht unbemerkt und Fort Meade plant Gegenmaßnahmen. So ganz nebenbei bemerkt Salander, dass Blomqvist versucht, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Neugierig geworden, was ihr alter Weggefährte wohl auf dem Herzen haben mag, geht sie auf eine Konversation mit ihm ein. Sie erfährt von den Schwierigkeiten, in denen Frans Balder steckt. Da sie ihn in guter Erinnerung hat und seine bahnbrechenden Forschungen zur Künstlichen Intelligenz kennt, stürzt sie sich gleich auf die Tastatur, um die Hintergründe von Balders akuter Notsituation aufzudecken. Sie gerät in Teufels Küche.

"Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter" - diese Durchhalteparole, die auf Friedrich Nietzsche zurückgeht, führt Lisbeth Salander nicht nur zu einem wichtigen Passwort, sondern trifft auch auf ihre Lebenseinstellung (und die von Mikael Blomqvist) zu. Ohne große Rücksicht auf Leib und Leben nimmt (nehmen) sie den Kampf gegen mächtige Gegner auf. Spionage, Totalüberwachung, Gleichschaltung der Massenmedien sind die großen Themen des Romans, die Alarmzeichen unserer Zeit. Deshalb liegt der Heyne-Verlag nicht ganz falsch mit dem Titel Verschwörung. Das Ende des Romans hat schon etwas Märchenhaftes, gibt dem Leser ein bisschen Trost, dass wenigstens hier die Welt noch reparabel ist.

Nach Einschätzung des Rezensenten ist Verschwörung eine würdige Fortsetzung der "Millennium-Reihe". Man merkt, dass sich David Lagercrantz intensiv mit Stieg Larsson und seinen Romanen auseinandergesetzt hat. Er führt das vorgefundene Personal mit sicherer Hand und erlaubt sich, wenn mir das nicht entgangen ist, keinen groben Schnitzer. Stilistisch und thematisch ist er ihm ebenbürtig. Für viele mag letztere Aussage provozierend klingen, aber Stieg Larsson ist in den Augen des Rezensenten in vielen Belangen weit überschätzt worden. Gemeinsam bieten die vier "Millennium-Romane" gehobene Krimi-Unterhaltung, die Geist und Seele gleichermaßen anspricht. Eine spannende Krimi-Reihe, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

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