Schau nicht zurück

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • London: Heinemann, 2005, Titel: 'Ash and Bone', Originalsprache
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2007, Seiten: 2, Übersetzt: Stephan Benson, Bemerkung: gekürzt

Couch-Wertung:

81°
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Sabine Reiß
Komplexer britischer Polizeiroman mit dem Zeug zum Klassiker

Buch-Rezension von Sabine Reiß Jan 2007

Der Brite John Harvey ist bereits seit vielen Jahren im Krimigeschäft, doch in Deutschland erlangte er erst sehr spät einen gewissen Bekanntheitsgrad und zwar mit dem ersten Teil seiner Trilogie um den pensionierten Polizisten Frank Elder Schrei nicht so laut. Dieser Krimi war unser Volltreffer im Januar, hatte für vier Monate einen Platz auf der KrimiWelt-Bestenliste erobert, im Februar und März 2007 sogar den ersten Platz.

Im zweiten Band Schau nicht zurück nimmt Elder abermals an aktuellen Ermittlungen teil. Die Polizistin Maddy Birch, mit der er vor vielen Jahren einen kleinen Flirt hatte, ist auf dem Heimweg von ihrem Yoga-Kurs erstochen worden. Einige Wochen zuvor hatte sie an einer missglückten Polizeiaktion teilgenommen, bei der der Kriminelle James William Grant von ihrem Vorgesetzten George Mallory erschossen wurde. Zuvor hatte Grant einen Schuss auf einen ihrer Kollegen abgegeben, der an der Verletzungen kurz darauf verstorben ist. Maddys Aussage war für den Ausgang der internen Untersuchung insofern wichtig, als dass sie die Einzige war, die hätte bestätigen können, dass der Flüchtige nach einer zweiten Waffe griff und der tödliche Schuss von Mallory in Notwehr abgegeben wurde. Maddy war sich aber insgeheim nicht sicher, wie die Waffe neben die Leiche von Grant gekommen war und fürchtete sich von ihrer zweiten Aussage.

Ihr Tod wird von Detective Chief Inspector Karen Shields untersucht. Da die Ermittlungen seit einigen Wochen ergebnislos bleiben, soll Frank Elder das Team unterstützen. Er hatte sich nach seiner Pensionierung und dem Drama um die Entführung seiner Tochter nach Cornwall zurückgezogen und hatte die Anfragen nach weiteren Einsätzen strikt abgelehnt, doch offensichtlich fühlt er sich Maddy Birch nach so vielen Jahren noch verbunden. Der Mord an ihr soll nicht bei den unaufgeklärten Fällen landen.

Protagonist in der Nebenrolle

Harveys Charaktere sind vielschichtig und lebensecht. Ist man bei der Kurzbeschreibung von Frank Elder (pensionierter Polizist, geschieden, nahe der Lebenskrise mit teilweise großzügigem Alkoholkonsum) geneigt, diesen in eine Schublade zu stecken, so tut der Autor alles, um dies zu verhindern. Überraschend, wie Elder gleichzeitig Protagonist und eine Nebenrolle spielen kann. Damit, dass man das Opfer Maddy Birch auf den ersten Seiten noch lebend kennenlernt, wird sie nicht als nichtssagendes Opfer dargestellt, sondern auch sie bekommt ein Gesicht und eine Lebensgeschichte mit auf den Weg.

John Harveys Schreibweise kann man als das bezeichnen, was gern mit dem Attribut schnörkellos beschrieben wird. Bei ihm plätschert die Handlung nicht seitenlang dahin, die Seiten werden nicht mit überflüssigem Blabla über Befindlichkeiten uninteressanter Personen oder Naturbeschreibungen gefüllt. Der Spagat zwischen diesem einigermaßen nüchternen, gut lesbaren Stil und dem dennoch dichten Informationsgehalt gelingt ihm gut. Der Leser erfährt das, was er wissen muss und kaum eine Szene wird zur reinen Nebenhandlung oder zum Seitenfüller degradiert.

Wenn man nicht die Möglichkeit hat, die kurzen Passagen von Schau nicht zurück an einem Stück zu lesen, mögen die vielen Personen und Ortswechsel den jeweiligen Wiedereinstieg etwas erschweren, doch andererseits dienen diese auch dazu, die Story komplex und abwechslungsreich zu gestalten. Harveys Dramaturgie mit seinen drei Erzählsträngen ist hervorragend. Ohne den Ausgang der Geschichte verraten zu wollen: Was der Autor hier entwickelt hat, das übt eine Anziehungskraft aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Da macht es gar nichts, dass der Kern der Geschichte nicht wahnsinnig originell ist.

Es stellt sich die Frage, warum John Harvey hierzulande noch nicht den Bekanntheitsgrad von Ian Rankin erfahren hat. Schau nicht zurück hat auf jeden Fall das Zeug zum (modernen) Klassiker!

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