Schrei nicht so laut

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • New York: Carroll & Graf, 2004, Seiten: 370, Originalsprache
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2007, Seiten: 2, Übersetzt: Stephan Benson, Bemerkung: gekürzt

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Lars Schafft
Ein fast 70-Jähriger lässt verdammt viele junge Autoren alt aussehen

Buch-Rezension von Lars Schafft Jan 2007

In diesem Jahr wird John Harvey mit dem "Diamond Dagger" für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Hierzulande dürfte der Name nicht vielen, vielleicht auch nichtmals den eingefleischtesten Krimi-Afficionados, etwas sagen. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass dtv so mutig war, mit Schrei nicht so laut ein junges Werk (2004) des nicht mehr ganz jungen Autors (Jahrgang 1938) auf den deutschen Markt zu bringen. Und was für eines.

Harvey erzählt eine düstere Geschichte, in der sich alles um ein fünfzehn Jahre zurückliegendes Verbrechen dreht. Damals, 1988, wurden mit dem Jüngling Shane Donald und dem nicht sonderlich älteren Retro-Rocker Alan McKeirnan (Eddie Cochran!) zwei Gescheiterte verurteilt, Mädchen auf brutalste Weise vergewaltigt und ermordet zu haben. Zu diesem Zeitpunkt verschwand mit Susan Badlock eine junge Frau, deren Fall Frank Elder, damals ermittelnder Detective, nie aufklären konnte.

Die Zeit ging ins Land, Elder wurde von seiner Frau betrogen, er quittierte den Dienst und zog sich in eine kleine Hütte in Cornwall zurück. Las viel und hatte nur wenig Kontakt zu anderen Leuten, hin und wieder schaute seine heranwachsende Tochter vorbei. Doch jetzt kommt Shane Donald wieder auf freien Fuß, Elder rollt den Fall "Susan Badlock" neu auf. Und es geschieht ein weiterer Mord, der so ganz ins Raster Donald/McKeirnan zu passen scheint. Als der "neue" Mörder, denn Donald kann es eigentlich nicht so recht gewesen sein, Elder mit Grußkarten verhöhnt und dessen Tochter vom Training nicht zurückkommt, überschlagen sich die Ereignisse.

John Harveys Auftakt zur Frank-Elder-Trilogie ist ein Musterbeispiel dafür, warum der britische Krimi nach wie vor höchste Anerkennung genießt. Schrei nicht so laut - dickes Malus für den dämlichen Titel; Flesh and Blood im Original ist allerdings auch nicht besser - ist ein moderner englischer Kriminalroman in Reinform, der irgendwo zwischen Psycho-Thriller, Polizeiroman und Serialkiller-Story hin und her pendelt und gerade deswegen überzeugt.

Trotz über 400 Seiten Länge und einer sehr, sehr gemächlich ansteigenden Spannungskurve ist Harvey dabei Minimalist: Für den Thrill von Schrei nicht so laut braucht er keine bluttriefenden Details, keine Wetterberichte, keine Landschaftszeichnungen, keine ellenlangen Monologe. Dialoge sind Harveys Schlüssel zur Suspense. Behutsam - damit ist mehr als die Hälfte des Romans gemeint - baut Harvey seinen Plot auf, führt seine Figuren ein, wechselt vom Protagonisten Frank Elder in die Perspektive des vermeintlichen Mörders Shane Donald und irgendwie passiert lange Zeit wenig und doch mehr als genug, um als Leser komplett in die Story einzutauchen.

Meisterhaft sind Harveys greifbare, lebendige, mehrdimensionale Charaktere, an deren vorderster Front natürlich Frank Elder, bei dem auf den ersten Blick noch so viel klischeebeladen-altbacken wirkt. Ein Ex-Kommissar, der sich zurückgezogen hat, um einen alten Fall wieder neu aufzurollen. Der von seiner Frau getrennt lebt, eine pubertierende Tochter hat und im fortgeschrittenen Alter lernt, ein Handy zu bedienen. Haut noch nicht vom Hocker, aber Harvey macht aus Elder eben gerade nicht den verlotterten Rentner auf Zeit, sondern eine glaubhafte Person, die mit sich selbst zwar zu kämpfen hat, darüber aber nicht den Rest der Welt vergisst. Und besaufen muss sich dieser Frank Elder auch nicht, um mit sich und der Welt zurecht zu kommen. Aber keine Sorge: Elder ist nicht langweilig und eine Charakterstudie wird aus ihm in Schrei nicht so laut auch nicht - es bleibt noch genügend Freiraum für die zwei weiteren Teile der Trilogie, um Elder "rund" zu machen.

Gute Charaktere machen natürlich allein noch keinen hervorragenden Kriminalroman. Atmosphäre gehört dazu und das ist etwas, was Harvey ebenfalls beeindruckend beherrscht. In allen Situationen: Wenn Elder seine Tochter ihrer Leichtathletik anfeuert genauso bravourös wie Shane Donalds erste Schritte in wiedererlangter Freiheit.

Es verwundert wirklich nicht, warum John Harvey in Großbritannien als "Krimi-Autor der Krimi-Autoren" bezeichnet wird: Mit Schrei nicht so laut lässt der fast 70-jährige Krimi-Veteran so manchen derzeitigen Bestseller-Autor ganz, ganz alt aussehen. Es verwundert aber, warum von Harvey - insbesondere aus seiner zehn-teiligen Charlie-Resnick-Serie - nichts mehr in Deutschland in den Buchhandlungen steht. Das muss sich ändern.

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