1980

Erschienen: Januar 2007

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent's Tail, 2001, Titel: 'Nineteen Eighty', Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2007, Seiten: 464, Übersetzt: Peter Torberg
  • München: Heyne, 2008

Couch-Wertung:

50°
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Lars Schafft
In Yorkshire nichts Neues

Buch-Rezension von Lars Schafft Dez 2006

1980, der dritte Teil des Red-Riding-Quartetts und Nachfolger des beindruckenden 1974 und des bärenstarken 1977, hatte eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder Autor David Peace gelingt es, seine vierbändige Reihe über den "Yorkshire-Ripper" weiter nach vorne zu tragen, seinen ganz eigenen Stakkato-Stil weiterzuentwickeln und richtig neugierig auf den finalen Roman, 1983, zu machen. Oder Peace kommt aus seinem eigenen Muster nicht heraus und 1980 wird ein lascher Aufguss der Vorgänger. Kurz und schmerzlos: 1980 ist eine der Enttäuschungen des noch jungen Jahres 2007.

Warum 1980 nicht zündet, hat viele Gründe. Zum einen gibt es diesmal so gut wie keine Story in der übergeordneten um den Ripper, der in den 70ern und 80ern eine Blutspur durch den Norden Englands gezogen hat. Peace stellt in jedem seiner Romane aus dem Red-Riding-Quartett eine andere Figur in den Vordergrund. In diesem Fall ist es ein interner Ermittler namens Peter Hunter aus Manchester, der auf Geheiß des britischen Innenministeriums den Kollegen aus Yorkshire auf die Finger schauen und nebenbei Klarheit in die mittlerweile dreizehn Todesopfer fordernde Mordreihe des Rippers bringen soll.

Klar kann dieser Plot nur funktionieren, wenn Hunter der rechenbare Detective und Fremdling ist, der in Yorkshire auf gehörige Ressentiments stößt. Leider ist das, was mit Hunter geschieht, alles schrecklich vorhersehbar, als Charakter ähnelt er stark den beiden Protagonisten aus 1974 und 1977, ohne wie diese am Ende der Geschichte auf selbstzerstörerische Weise zu eskalieren. Ziemlich flach und wenig überraschend, was dem guten Mr. Hunter widerfahren soll.

Zum anderen ist 1980 ohne die Vorgänger gelesen zu haben mit Sicherheit kaum verständlich. Wie gehabt packt David Peace ein Sammelsurium an potentiellen Rippern aus und jeder Polizist, der seit 1974 an den Ermittlungen beteiligt ist, hat selbstverständlich Dreck am Stecken. Peter Hunter natürlich auch, selbst wenn dieser Faden nur in aller Kürze angerissen und leider nicht zu Ende gesponnen wird. Nur: Wie soll selbst ein konzentrierter Leser diese ganzen Figuren noch auseinanderhalten? Wenn allein in 1980 zwei Charaktere auf den Vornamen Bob und zwei auf den Vornamen Pete hören? Das ist eine handwerkliche wie vermeidbare Schwäche.

Weiter im Text: Auch Peaces Sprache "funktioniert" nur noch schwach. Seine Mittel scheinen ausgereizt, haben an Intensität verloren. Peace ist in 1980 kurz davor, sich selbst zu karikieren. Sie tragen nur noch wenig Atmosphäre oder sind so schrecklich überzogen, dass sie drohen, ins Lächerliche abzugleiten. Dass jedes Kapitel mit einer einseitigen Bewusstseinsstroms-Erzählung (eine wilde Anneinanderreihung von Eindrücken, ohne Punkt und ohne Komma), mal aus Sicht der Mordopfer, mal aus Sicht des Rippers, beginnt, gehört in diesem Roman noch zu den originellsten Einfällen.

In diesem Kontext irritiert auch die Übersetzung von Peter Torberg an einigen Stellen. Warum Einschübe wie "Without no one, without nothing, within dreams, within nightmares" im Englischen stehen bleiben, er aber John Lennons Weihnachtslied, das unser Protagonist (un)passenderweise im Autoradio hört, übersetzt ("Und das soll Weihnachten sein? Und was haben wir gemacht?" statt "And so this is Christmas? And what have we done?") und damit aus dem Zusammenhang reißt - Lennon ist 1980 gestorben -, bleibt unverständlich. Und bei Peaces ausschweifendem Gebrauch von Satzellipsen hätte Torberg gut daran getan, diese der üblichen Häufigkeit im Deutschen etwas anzupassen...

So bleibt unterm Strich leider nicht viel mehr als die Hoffnung, dass David Peace im letzten Teil 1983 zu alter Stärke zurückfindet, um seinem an sich sehr mitreißenden Quartett über den Yorkshire-Ripper ein würdiges Ende zu bereiten. 1980 ist aufgrund der hohen Erwartungshaltung leider nicht mehr als ein schwaches Intermezzo, das die Ungeduld auf die Auflösung der Ripper-Morde - soweit sich Peace in 1983 dazu hinreißen lässt - deutlich abmildert. Wollen wir nicht hoffen, ein recht dümmliches Wortspiel bald in den Mund nehmen zu müssen: Rest in Peace.

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