1974

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent's Tail, 1999, Titel: 'Nineteen Seventy Four', Seiten: 288, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2005, Seiten: 383, Übersetzt: Peter Torberg
  • : Serpent's Tail, 0

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Lars Schafft
Wie ein harter Schlag in die Magengrube

Buch-Rezension von Lars Schafft Jun 2005

Schweiß und Blut, Sperma und Scotch. Das sind die Ingredentien, aus denen Autor David Peace mit seinem Red-Riding-Quartett ein Hardboiled-Süppchen par excellence kocht. 1974, so der Titel des Auftakts dazu, ist folglich auch alles andere als wohlschmeckend oder gar leicht verdaulich. Der Roman ist beinharte Kost, bei dem sich die Magenwände zusammenziehen. Und begeistert dennoch - vor allem durch die unwiderstehliche sprachliche Qualität und die atemlose Abfolge von Wut, Gewalt und Hass.

Wie nicht schwer zu erahnen ist, nimmt David Peace den Leser in den Norden Großbritanniens des Jahres 1974, genauer nach Yorkshire, wo Reginald Hill und Peter Robinson ihre Kommissare Andrew Dalziel bzw. Alan Banks Jahre später auf Verbrecherjagd schicken werden. Das war´s dann aber auch bereits mit den Gemeinsamkeiten mit den erfolgreichen Schriftsteller-Kollegen. Nach wenigen Seiten ist klar: Peace steht nicht auf "Cozyness", auf britischen Humor oder gar philosophierende Akademiker - hier geht´s zur Sache. Und wie.

Happy Christmas in Yorkshire

Jung-Journalist Edward Dunford, "Gerichtsreporter für Nordengland", wittert die große Story, als die Polizei mitteilt, dass schon wieder ein junges Mädchen vermisst wird. Schon wieder? 1969, 1972 und nun jetzt. Dunford hat Lunte gerochen und verbeisst sich in den Fall. Obwohl sowohl die Detectives als auch sein Chefredakteur ihn mit allen Mitteln zu bremsen versuchen. Dunford bekommt anonyme Hinweise, wird Zeuge nächtlicher, gewalttätiger Übergriffe der Exekutive auf unschuldige Zigeuner und schlittert in einen lokalen Zwist örtlicher Baulöwen, die zu neugierige Schmierfinken gerne in einem Unfall kaschiert über den Hades schicken. Ganz nebenbei schwängert er seine Freundin ("lass es wegmachen!"), stirbt sein Vater und Weihnachten steht vor Tür. Happy Christmas in Yorkshire. Die Leiche des vermissten Mädchens wird gefunden.

Dunford wähnt sich auf der richtigen Spur, ermittelt, was sein Körper hergibt, was seine Psyche durchhält und stößt auf eine Mauer des Schweigens, des Schmierens und des Vertuschens. Schon bald weiß der Journalist mehr, als ihm gut tut. Und begibt sich auf einen Aufdeckungs-Rachefeldzug, der nicht nur ihn das Leben kosten kann.

Haarscharf an der Brechreiz-Grenze

Dass man bei einer Handlung immer haarscharf an der Brechreiz-Grenze nicht auf Sympathie-tragende Figuren hoffen darf, sollte klar sein. Und diese sucht man in der Tat vergebens. Saufende, prügelnde, egoistische Typen quer durch die Bank. Nein, David Peace schreibt mit Sicherheit nicht über Gentlemen. Edward Dunford ist ein mehr schlechter denn rechter Möchtegern-Pulitzer, der sich in die dunkelsten Hinterzimmer heruntergekommener Hotelzimmer zur Recherche zurückzieht, unsensibel seiner Story und der Zeitungs-internen Journalisten-Konkurrenz hinterherrennt, Frauen vor allem als Informanten und Sex-Objekte betrachtet, aber - immerhin! - ein Fünkchen Gewissen aufweist. Der Rest, insbesondere die in der Öffentlichkeit so aufrichtig erscheinenden Bullen, sind schlicht korrupt und brutal.

Handlung und Charaktere - härtester Hardboiled pur. Oft genug wird sich der Leser während der Lektüre die Frage stellen: Muss ich mir das antun? Will ich so detailliert lesen, wie Polizisten über mehrere Seiten hinweg Verdächtige foltern? Wie ein Quickie in einer vergewaltigungs-ähnlichen Szene endet? Wie kleine Mädchen auf bestialischste Weise umgebracht werden? Und wenn es nicht eine Verschnaufspause, wenigstens einen Silberstreif am Horizont gibt, der vermuten lässt, dass Yorkshire in den Siebzigern vielleicht doch nicht so schrecklich und asozial gewesen sein könnte?

Ob Wollen oder Müssen -  1974 fesselt wegen Peaces sprachlicher Qualität. Jeder Satz, jeder Dialog ist die konzentrierte Wut des Autors in Reinform. Kein Schnörkel, keine Schönfärbung. Peace beschießt den Leser mit kurzen Salven, gibt keinen Raum für Deckung, erklärt nicht. Das oft zitierte "Kino im Kopf" -  "British Psycho". Eingestreute Songtitel und Zitate aus den Siebzigern bilden den Kontrast zur grauen, trostlosen Tristesse. Mungo Jerry, Desmond Dekker - und nebenan werden Rache-Pläne geschmiedet, wird gevögelt und getötet.

Augen auf und durch

David Peaces  1974 ist ein rabiates Gesellschaftsporträt, ein alptraumgleicher Thriller, der den britischen Autor von 0 auf 100 auf die Höhe eines James Ellroy treibt. Und aufzeigt, dass in europäischen Krimischreiber-Köpfen weitaus mehr vorhanden ist als allzu offensichtliche Globalisierungskritik und das stupide Aneinanderreihen touristischer Sehenswürdigkeiten. Dringend lesenswert, wenn man die Kraft dazu aufbringt.

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