1977

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • London: Serpent's Tail, 2001, Titel: 'Nineteen Seventy-Seven', Seiten: 341, Originalsprache
  • München: Liebeskind, 2006, Seiten: 396, Übersetzt: Peter Torberg
  • München: Heyne, 2007, Seiten: 400

Couch-Wertung:

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Lars Schafft
Ein Meilenstein

Buch-Rezension von Lars Schafft Mär 2006

Krimi-Couch-Volltreffer März 2006

Leichen pflastern den Weg des "Yorkshire Rippers" zum Ende der Siebziger. Auch jetzt wieder, als Bob Fraser in die Mordkommission berufen wird, um einen weiteren Mord an einer Prostituierten zu untersuchen. Schnell finden sich Zeugen, fast ebenso schnell ein potentieller Täter - den die Polizei dringend braucht. Denn im Rotlichtviertel von Leeds geht die Angst um. Und die Stimmung brodelt. Fraser kennt sich dort aus. Seit längerem hat er eine Affäre mit einer Prostituierten, die ihn so verzaubert hat, dass er kurz davor steht, seine junge Frau mit kleinem Kind für sie zu verlassen. Dass auch sie in Gefahr schwebt, wird ihm nur allzu deutlich, als der wahre Täter ein weiteres Mal zuschlägt. Und der Druck auf die Ermittler steigt.

 

"1977.
Das Jahr in dem die Welt zerbrach."

 

Für Jack Whitehead, Zeitungsreporter und ehemaliger Star-Journalist (bekannt aus 1974, jetzt: "Ich habe die letzten 40 Jahre nur gesoffen"), bekommt der Fall auch eine persönliche Note. Denn nicht nur wie Bob Fraser steckt er schon zu tief in den Ermittlungen, um sich davon zu befreien. Und ebenso wie der Cop unterhält Whitehead eine Beziehung zu einer Prostituierten. Die Verpflechtungen und Verknüpfungen, die die beiden unabhängig voneinander nur erahnen, bergen puren Sprengstoff für diese äußerst fragile Gesellschafts-Melange...

Noch schonungsloser, noch sprachlich versierter

1974, der Erstling des britischen Autors, schlug im letzten Jahr ein wie eine Bombe. Wochenlang wurde Teil 1 des "Red Riding Quartetts" in den Feuilletons gefeiert, der Deutsche Krimi Preis adelte den Roman schließlich endgültig. Gespannt durfte man also sein. Ist das noch zu toppen? Und wie. "1977" ist noch besser, noch schonungsloser, noch sprachlich versierter. So außergewöhnlich gut, dass die Messlatte für alle Neuerscheinungen in diesem noch recht jungen Jahr enorm hoch liegt.

Sätze präzise wie ein Messerstich fielen schon bei 1974 auf. Dieser kurze, knappe Stil, der auf alle Ausschmückung und jede Erklärung verzichtet. In 1977 fügt David Peace dazu eine düstere Poesie ein, die seinen Roman sprachlich abrundet, komplettiert. Und wo er in 1974 noch auf Songtexte als Kniff zurückgriff, um den Leser gute zwanzig Jahre in der Zeit zurück zu transportieren, müssen nun Fragmente aus der Call-In-Show eines John Shark, die Peace jedem Kapital voranstellt und die trotzdem nicht wie aus dem Zusammenhang gerissen wirken, ausreichen, um das Bild des Jahres 1977 in Nordengland zu vervollständigen. Zwei Erzählperspektiven mit zwei unterscheidlichen Ich-Erzählern unterstreichen Peace´ ungewöhnliche Art.

Ist Peace zu hart, bist Du zu weich?!

Nein, David Peace ist hart. Und man kann es keinem verübeln, dieses Buch, dieses auf 400 Seiten niedergeschriebene Konzentrat aus reiner Wut und kompromissloser Aufdeckung, nicht zu Ende zu lesen. Nicht, weil Peace Leichen in aller medizinischer Detailkenntnis beschreibt. Nicht, weil der Ekel über die Morde an sich überhand nimmt und der Würgreiz die Neugier über den Fortgang der Handlung um Längen schlägt. Nein. Es ist etwas anderes, was 1977 für so manchen Leser zu einem echten Prüfstein werden lässt.

 

"1977.
1977. Das Jahr als die Welt in Stücke zerfiel."

 

Es ist die rücksichtlose Schilderung von menschlichen Schwächen, von unentschuldbaren, von unverständlichen, von nur schwer nachvollziehbaren. Peace lässt kein einziges gutes Haar an diesem nordenglischen Landstrich gegen Ende der Siebziger. Die Ausweglosigkeit, das schlichte "So ist es und nicht anders", das gänzliche Fehlen eines Silberstreifs am Horizont - das betrübt nicht nur, das deprimiert. In Peace´ 1977 gibt es keine Freundschaft, keine Liebe, kein Vertrauen. Frustration, Gewalt, Aggression, Rassismus und Egoismus dominieren den Alltag. 

Eine persönliche Anmerkung

Als regelmäßiger Krimi-Couch-Leser wissen Sie, dass wir in der Regel auf allzu persönliche Eindrücke in der Besprechung verzichten. Von diesem Weg weiche ich jetzt in der Besprechung von 1977 bewusst ab. Denn so wie 1977 hat mich lange kein Buch mehr bewegt. Es kommt schon (leider) selten genug vor, dass ein Kriminalroman mich so fesseln kann, dass er mich an einem Tag von allem anderen abhält und ich vollkommen in die Welt eines Buches eintauche. Nicht so bei 1977 - es hat mich auch Tage nach der letzten Seite noch beschäftigt und meine Stimmung nachhaltig beeinflusst.

 

"1977.
Das Jahr, als die Welt ertrank."

 

Ich muss gestehen: 1977 war dabei, meine Stimmung auf einen Tiefpunkt zu drücken. Zu schwer wog diese Last der persönlichen Schicksale, die Peace darstellt, wie er seine Figuren allesamt vernichtet. Und wie unbefriedigend es war, am Ende angekommen zu sein und nur im trüben Nebel schwebt, wer Täter und wer Opfer ist.

Dankbar war ich darüber nicht gerade. Aber es hat mich schwer beeindruckt, wie ein Kriminalroman - von denen ich nun nicht wenige lese - es geschafft hat, eine Kraft zu entwickeln, mich weit über die letzte Seite hinaus so in seinen Bann zu schlagen. Kein Klappe zu und Müll hinunterbringen, kein "Ausgelesen. Nächstes.".

Und gerade deswegen, wenn ein Roman nicht nur unterhält sondern zum Nachdenken, zum Grübeln zwingt, ist 1977 ein großes Stück Literatur. Ein Meilenstein für den europäischen Krimi. Es gibt nur sehr wenige Autoren, die die Klasse von David Peace erreichen. Aber ich bin auch froh, noch einige Zeit auf den Nachfolgeband 1980 warten zu müssen. 1977 geht an die Grenzen des Verkraftbaren. Und zeigt andererseits auch auf, wieviel Potenzial hinter einem Kriminalroman stecken kann. Kein "schönes" Buch, aber ein ungemein gutes. Im wahrsten Sinne des Wortes: Wahnsinn.

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