Hannibal Rising

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 2006, Seiten: 304, Übersetzt: Sepp Leeb
  • München: Heyne, 2008, Seiten: 349, Übersetzt: Sepp Leeb
  • Köln: Random House Audio, 2007, Seiten: 4, Übersetzt: Matthias Koeberlin, Bemerkung: gekürzt

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Lars Schafft
Ein banal-brutales Drehbuch - schwach!

Rezension von Lars Schafft Okt 2006

Es hätte das Highlight des Buch-Winters 2006 werden können und mit Sicherheit auch sollen. Thomas Harris, der Autor, der mit dem Kannibalen Hannibal Lecter wahrscheinlich den Serienkiller schlechthin auf literarischer Ebene erfunden hat, griff wieder zur Feder. Ein Prequel sollte es werden. Eine Art Biographie des von Sir Anthony Hopkins in Schweigen der Lämmer so abgrundtief-genial dargestellten Lecters, wie er vom cleveren Kind zur Menschen reißenden Bestie, wie Klein-Hannibal zum Groß-Cannibal geworden ist. Spannendes Thema, ist die Figur des hochintelligenten Mörders doch wirklich eine, an der sich ein Autor austoben kann. Hätte Thomas Harris das mal getan. Hannibal Rising ist kaum das Papier wert, auf dem der Roman gedruckt worden ist. Eine der größten Enttäuschungen seit Langem, ein gigantischer Flop.

Die Geschichte von Hannibal Rising ist so schnell erzählt wie Lecter das Blut an den Händen klebt: Der kleine Hannibal entstammt einem alten Grafengeschlecht und wohnt mit seinen Eltern, seiner Schwester Mischa und einem Stab von Bediensteten auf einer Burg in Litauen, die so heißt wie er selbst. Dann bricht der Zweite Weltkrieg aus, die Deutschen stehen vor den Toren und die Litauer kooperieren mit den SS-Schergen. Schließlich der große Angriff, der die Familie Lecter fast komplett auslöscht. Hannibal kann sich mit seiner kleinen Schwester retten, aber nur in die Hände von Kollaborateuren, die im tiefsten osteuropäischen Winter nicht minder leiden als die Geschwister. Nur dass Mischa - der Hunger auf allen Seiten ist groß - diese kalten Tage nicht überleben soll. Und Hannibal mit ansehen muss, wie sich die Kollaborateure seine Schwester gegenseitig zum Fraß vorwerfen.

Abscheulichkeiten des Zweiten Weltkriegs - und der Anfang allen Übels

Was auf den nächsten dreihundert Seiten geschieht, ist absehbar. Hannibal ist traumatisiert und nutzt seinen Intellekt zu einem blutigen Rachefeldzug von Litauen über Frankreich bis nach Kanada - bis auch der letzte der Kollaborateure sein - aus Lecters Sicht von Selbstjustiz - gerechtes Ende gefunden hat. Bis dahin spritzt das Blut, quellen Gedärme und ein Mord ist widerlicher als der nächste. Die Lecter-Romane waren zwar nie Stoff, aus denen feingeistige Träume geschmiedet worden sind, aber hier dient die Brutalität nur einem Effekt: dem Thrill. Und lässt doch erstaunlich kalt. Keine Tour de Force. Eine Farce de Torture.

Denn Hannibal Rising kann an keiner Stelle überzeugen, ein sprachliches Flickwerk, inhaltlich überraschungs- wie spannungsarm mit flachen Charakteren. Lecters Kriegs-Trauma muss für alles herhalten. Warum er jedoch selbst zum passionierten Menschenesser wird, kann der Leser sich nur zusammenreimen. Thomas Harris wirft nicht einen wirklich tiefgründigen Blick in Hannibals geschundene Seele, die Psycho-Erklärungen bleiben erschreckend oberflächlich. Dass es nebenbei um eine kleine Romance mit der Stiefmutter und um Beutekunst geht, bläht den Roman nur künstlich auf.

Alles, wirklich alles, wirkt wie mit der heißen Feder gestrickt. Mr. Harris, nun schreiben sie den Roman doch bitte endlich fertig, in ein paar Monaten ist Kinostart. Ziehen sich die Beschreibungen von Hannibals Kindheit wie Kaugummi gnadenlos in die Länge, erhöht Harris dann durch das fast schon einfallslose Aneinanderreihen der Mini-Kapitel die Frequenz, um am Ende die Puste zu verlieren.

Nein, in dieser Form hat die Welt nicht auf Hannibal Lecters Biographie gewartet. Harris hat mit Hannibal Rising eine große Chance vertan und lediglich ein Stückwerk von pseudo-historischem Roman abgeliefert, das zwar die Kasse klingeln lassen wird, das dem Kult um Hannibal the Cannibal allerdings schnell ein Ende bereiten könnte. Denn schlussendlich ist alles doch so herrlich simpel:

 

"Der kleine Junge Hannibal starb 1945 da draußen im Schnee bei dem Versuch, seine Schwester zu retten. Sein Herz ist mit Mischa gestorben. Sie wollen wissen, was er jetzt ist? Ich würde sagen, dafür gibt es noch kein Wort. In Ermangelung einer besseren Beschreibung werden wir ihn ein Monster nennen" (S. 303)

 

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