Blutskizzen

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • München: Goldmann, 2006, Seiten: 384, Originalsprache

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Thomas Kürten
Gedanken zum Alltag

Buch-Rezension von Thomas Kürten Sep 2006

Wieder verdammt voll gewesen, die Pizzeria von Giovanni an der Ecke. Tonno mit doppelt Käse. Etwas zu braun am Rand. Marcella sah wieder verteufelt gut aus. Heiß. Diese schwarzen Haare. Dazu die schwarzen Augen. Mal fragen, wann sie frei hat.

Erst mal wieder arbeiten. Welches Buch? Blutskizzen. Norbert Horst. Kenn ich, den Autor. Schreibt etwas ungewöhnlich. Nicht immer leicht zu lesen. Muss ich den jetzt wirklich? Ja, liegt lang genug rum. Zwanzig nach Acht. Genug Zeit heute Abend. Einstieg finden, dann geht's ganz leicht. Die ersten Seiten. Wie erwartet, eigenartiger Stil. Konstantin Kirchenberg. Na, der Mann ist mit dem Namen genug gestraft. Muss der auch noch Polizist sein? Armer Tropf. Aber seine Flamme heißt Ayse, arbeitet in Döner-Bude. Schwarze Haare, schwarze Augen. Wie Marcella. Pizza war gut. Gleich noch mal vorbei gehen. Nachtisch.

Norbert Horst spaltet, ist ein wenig das ungeliebte Stiefkind des deutschen Kriminalromans. Er bringt alles mit, was ein Autor eines Polizeiromans haben sollte. Ganz besonders, die Einblicke in die tägliche Polizeiarbeit, die er aus seiner beruflichen Tätigkeit bestens kennt. Hier kann er bei der Schilderung von sehr realitätsnah wirkenden Geschichten aus dem Vollen schöpfen, was seinen Romanen eine besondere Portion Spannung verpasst. Nichts ist spannender als die die Wirklichkeit. Was ihn ansonsten auszeichnet, ist der sehr individuelle Erzählstil. Die Gedankenstromtechnik verwendet er konsequent wie kein anderer. Aber genau hieran scheiden sich Freund und Feind: Horsts Romane sind erzähltechnisch fernab vom Mainstream und manch ein interessierter Entdecker hat die Romane von Horst wohl schon nach wenigen Kapiteln wieder beiseite gelegt.

Rentnermorde

Es ist der inzwischen dritte Fall, bei dem wir die Gedanken von KHK Konstantin Kirchenberg verfolgen dürfen. Die Leiche eines nackten alten Mannes wird gefunden. Nach einem anderen Fall vor 6 Wochen ist dies bereits die zweite Männerleiche, die die Polizei findet. Obwohl beide Leichen im Müll aufgefunden wurden, schienen sie vorher von ihrem Mörder gewaschen worden zu sein, denn es findet sich keine einzige Spur an ihnen. Durch eine Datenbanksuche findet der ehemalige Kollege Oli, der zum LKA gegangen ist, noch zwei weitere Fälle aus den letzten Jahren, bei denen die Opfer ähnlich abgelegt wurden. Der Täter scheint äußerst bedächtig vorzugehen.

KHK Kirchenberg kommt durch den Hinweis eines LKW-Fahrers auf die Spur von Bernd Michels, Familienvater und kaufmännischer Angestellter in einer Spedition. Für die Verdächtigung Michels spricht, dass er Zugriff auf den Fuhrpark der Spedition hatte, öfters kleinere Touren übernahm und dabei mehr Kilometer als notwendig mit den Fahrzeugen unterwegs war, so auch am Tatabend. Ferner hat er bereits eine Jugendstrafe wegen Mordes an einem alten Mann abgesessen. Aber eine Verhaftung kann nur auf der Grundlage von Indizien erfolgen und die sind zu schwach, um eine Anklage zu erheben. Kirchenberg muss den Tatort finden, um darüber eventuelle Beweise gegen Michels zu erhalten. Doch der ist schlau und vorsichtig in allem, was er unternimmt.

Authentisch, lebensecht, fesselnd

Kirchenberg ist einer der Kommissare, deren Leben nur aus Arbeit zu bestehen scheint. Für sein Privatleben bleibt keine Zeit, sein Neffe muss allein ins Fußballstadion, die Anrufe seines Freundes Bruno nerven und er muss mit ansehen, wie sich seine geheime Geliebte Ayse lieber von einem coolen Typen anbaggern lässt, weil er zu spät aus dem Präsidium kommt. Durch die besondere Erzählweise bekommt der Leser ungefiltert mit, wie sehr den Protagonisten diese Ereignisse stören. Aber der Fall bedarf seiner hundertprozentigen Aufmerksamkeit. Doch auch die Konzentration eines Kommissars ist nur begrenzt und so gleitet er einige Male in Tagträumereien ab - ganz große Pluspunkte dieses Romans und dieser Erzähltechnik.

Die Ermittlungen gestalten sich ungemein spannend, da der Leser den Zeitdruck des Ermittlerteams zu spüren bekommt. Grundsätzlich eine sehr realitätsnahe Geschichte, bei der man meint, den Täter zu kennen, obwohl man keine Beweise für seine Tat finden kann. Norbert Horst hält mit Blutskizzen das Niveau seiner ersten beiden Romane. Knackpunkt ist der Erzählstil: Wer hierzu Zugang findet, kann sich von der Begeisterung einfangen lassen - wer dies nicht kann, wird an den kurzen Sätzen verzweifeln und vielleicht gar nicht erst zu einer Randgeschichte vorstoßen, die hier abschließend besonders gelobt werden soll. Die Zerrissenheit des KHK Kirchenberg nach einer Prügelei mit zwei Skinheads hat in diesem Roman eine ganz besondere Qualität. Neben der eigentlichen Krimihandlungen passen nämlich auch die Randgeschichten hervorragend in Horsts Gesamtkonzept.

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Letzte Kommentare:
07.06.2007 00:38:28
kamocolo

Was Steinfest für meinen Geschmack zuviel "rumlabert", fehlt bei Horst. Es ist wie (fast) alles eine Frage des Geschmacks. Wer gern auf den Punkt kommt und vielleicht unnötioges Drunherum für verzichtbar erachtet, ist bei Horst richtig. Der Plot ist gut bis sehr gut; der Erzählstil ist eben einfach anders, aber meiner Meinung nach sehr gut und total konsequent durchgehalten. Man merkt, dass Norbert Horst eben so schreibt und sich nicht der Masse angleicht.
Ich habe alle drei bisher erschienen TB´s von Norbert Horst gelesen und freue mich auf den nächsten, eben weil er so anders ist und gute bis sehr gute Ideen hat.

05.06.2007 08:35:22
Dr.Watson

dieser Beitrag ist der korrigierte Beitrag zu unten (hatte einige Worte vergessen im letzten Satz):
Ich lese gerade deutsche Krimis mit realistischem Hintergrund sehr gern (Eckert!!!) und war gespannt, als mir "Blutskizzen" unter die Augen und auf den Nachtschrank geraten ist.
Aber so richtig konnte mich der Autor nicht für seinen Fall begeistern. Das mag daran liegen, daß die Erzähltechnik tatsächlich eher ungewöhnlich ist (wie oben beschrieben), vielleicht aber auch daran, daß das geflügelte Wort "nichts ist spannender als die Wirklichkeit" eher von Leuten stammt, denen an Phantasieleistungen weniger einfällt, und die deswegen genau das beschreiben, was in Wirklichkeit vor sich geht. Wer schon mal einen Ermittlungsbericht gelesen hat, versteht, daß dies oft sehr langweilig zu lesen ist. Ein guter Thriller muß die Wirklichkeit auch dramaturgisch so verändert wiedergeben, daß er ein guter (spannender) Thriller wird. Dies ist nicht die stärkste Seite des Autors.
Das klingt jetzt schlechter, als ich es konkret meine: ich habe dem Roman ein 75° gegeben, das Buch ist lesbar, hat eine vernünftige Auflösung, auch glaubwürdige Protagonisten...Aber ob ich demnächst wieder ein Buch dieses Autors lesen würde, ist erstmal fraglich.

05.06.2007 08:32:09
Dr.Watson

Ich lese gerade deutsche Krimis mit realistischem Hintergrund sehr gern (Eckert!!!) und war gespannt, als mir "Blutskizzen" unter die Augen und auf den Nachtschrank geraten ist.
Aber so richtig konnte mich der Autor nicht für seinen Fall begeistern. Das mag daran liegen, daß die Erzähltechnik tatsächlich eher ungewöhnlich ist (wie oben beschrieben), vielleicht aber auch daran, daß das geflügelte Wort "nichts ist spannender als die Wirklichkeit" eher von Leuten stammt, denen an Phantasieleistungen weniger einfällt, und die deswegen genau das beschreiben, was in Wirklichkeit vor sich geht. Wer schon mal einen Ermittlungsbericht gelesen hat, versteht, daß dies oft sehr langweilig zu lesen ist. Ein guter Thriller muß die Wirklichkeit auch dramaturgisch so verändert wiedergeben, daß er ein guter (spannender) Thriller wird. Dies ist nicht die stärkste Seite des Autors.
Das klingt jetzt schlechter, als ich es konkret meine: ich habe dem Roman ein 75° gegeben, das Buch ist lesbar, hat eine vernünftige Auflösung, auch glaubwürdige Protagonisten...Aber ob ich demnächst wieder ein Buch lesen würde, ist erstmal fraglich.

03.03.2007 19:56:14
Bernhard Schuberth

Hallo,
also ich finde, daß dem Buch jede Spannung fehlt. Es wird zwar detailgetreu die Polizeiarbeit dargestellt, sannlich und fachlich sicherlich korrekt, aber eben langatmig. Der Roman "plätschert" so vor sich hin.
Sehr störend finde ich auch die Tatsache, daß der Autor fast keine zusammenhängende Sätze bringt. Immer nur Schlagwörter. Abgehackte Sätze. Bemerkungen.
Hier liegt kein flüssiger Erzählstil vor. Schade.
Die Geschichte selbst ist ja gar nicht schlecht.