Die sechste Nacht

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Stockholm: Wahlström & Widstrand, 2003, Titel: 'Den sjätte natten', Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2005, Seiten: 445, Übersetzt: Friederike Buchinger

Couch-Wertung:

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Peter Kümmel
Bietet einen maßgeschneiderten Plot für einen Bestseller

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2006

Das Buch startet mit dem vierten Mord. Eva Beldon ist das vierte Opfer in einer Serie von Morden in der schwedischen Hauptstadt Stockholm, deren Täter im rechtsradikalen Umfeld vermutet wird, denn alle Opfer waren aktive Gegner des Nationalsozialismus. Eva war eine engagierte Journalistin, die sich in ihren Artikeln dafür stark gemacht hat, hohe Haftstrafen für Neonazis nach aktuellen gewalttätigen Demonstrationen einzufordern.

Die Ermittlergruppe unter Leitung von Margareta Davidsson hat wenig Anhaltspunkte und es geht nicht recht voran. Also beschließen sie, Kent (irgendwo wird auch mal sein Nachname genannt, ist mir aber nicht in Erinnerung geblieben) als Spitzel in eine rechtsradikale Gruppe einzuschleußen, um Verbindungen zum Täter bzw. zu den Tätern zu bekommen.

Parallel zu Kents Bemühungen, Kontakte zu knüpfen, führt Annika Bryn in einem weiteren Handlungsstrang das Anwaltsehepaar John und Anne Danielson ein, das gemeinsam eine gutgehende Kanzlei führt. Zusamen mit ihrer jugendlichen Tochter Miriam bilden die Danielsons eine glückliche und sorgenfreie Familie. Zumindest fast. Anne ist momentan mit ihrem Leben nicht ganz zufrieden und schlägt vor, eine kleine Auszeit zu nehmen und einen Mutter-Tochter-Campingurlaub zu machen, völlig ruhig und abgeschottet, und ohne das Handy einzupacken. John steckt mitten in der Arbeit, verspricht, das Büro zu informieren und selber nach einer Woche nachzukommen.

Doch dazu scheint es nicht zu kommen, denn John wird kurz nach der Abreise seiner Frau vor seinem Haus gekidnappt. In der Kanzlei steht man vor einem Rätsel, als keiner der Anwälte ins Büro kommt. Ein Entführung kann man auch nicht anzeigen, denn dafür bestehen keine Anhaltspunkte. Also wird die ganze Sache bei der Polizei auch auf Sparflamme gehalten, bis man weitere Informationen erhält. Natürlich ist dem erfahrenen Krimileser sofort klar, daß zwischen Mordserie und Entführung eine Verbindung bestehen muß.

Kein Bezug zu den Charakteren

Soviel zum Inhalt sollte reichen. Leider sieht das der Verfasser des Klappentextes nicht so, denn in diesem wird mal wieder so viel verraten, daß man nach den dort geschilderten Geschehnissen bereits mitten im Showdown der Story steckt.

Die schwedische Journalistin Annika Bryn hat in ihrem Debütroman einen Plot entworfen, der wie maßgeschneidert scheint für einen Bestseller. Eine Mordserie im Nazimilieu, die Entführung eines Familienvaters sowie Polizisten, die nicht immer konventionell agieren. Dies alles an zwei völlig unterschiedlichen Schauplätzen: in der belebten Hauptstadt sowie im einsamen Norrland. Und was wie ein reiner Polizeikrimi beginnt, endet als furioser Actionthriller.

Doch leider macht es die Schwedin durch ihre unpersönlichen Beschreibungen dem Leser schwer, einen Bezug zu ihren Figuren aufzubauen. Dabei bieten diese unglaublich viel Potential, das die Autorin bei weitem nicht ausschöpfen kann. Sowohl Kent als auch John sind zwei unheimlich faszinierende Charaktere, die sowohl ihre positiven als auch ihre negativen Seiten haben. Erst ganz zum Schluß des Buches treten über Kent noch Dinge zutage, die weitaus früher hätten angerissen werden müssen, um der gesamten Handlung noch mehr Dramatik geben zu können.

Stilistisch fehlt noch viel zur Spitze

Einleitungssätze wie "Zwei junge Männer in Anzügen [...] stiegen aus und sahen sich in der Sonne um" oder "Den Mann, der in der Stockholmer City den Bürgersteig entlangging [...] hätte man für einen alten Junkie halten können [...]" mögen als Einleitungssätze Spannung erwecken, doch dann sollte man nach ein paar Sätzen auch versuchen, den Charakter vertraut zu machen. Doch oftmals bleiben die so eingeführten Personen seitenweise im Nebel der Handlung verborgen.

Zwar wirkt die Story im Nachhinein betrachtet temporeich erzählt, da zahlreiche Ereignisse, deren Geschehen innerhalb einer Woche liegen, geschildert werden, doch hat man beim Lesen einen völlig anderen Eindruck, denn die Handlung verliert sie sich oftmals in Nebensächlichkeiten, die einen mühsam aufgebauten Spannungsbogen immer wieder abbrechen lassen.

Was bleibt, ist ein Bild der modernen schwedischen Gesellschaft mit all ihren Problemen und Gefahren. Doch Dinge wie den wachsenden Rassismus haben andere aktuelle schwedische Autoren bislang besser aufzeigen können. Man darf natürlich in einem Debütroman keine überzogenen Erwartungen hegen, doch stilistisch ist Annika Bryn noch meilenweit von der Spitze der schwedischen Krimiautoren entfernt.

Die sechste Nacht

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