Idylle der Hyänen

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Wien: Zsolnay, 2006, Seiten: 352, Originalsprache
  • Hamburg: Jumbo, 2007, Seiten: 5, Übersetzt: Jürgen Uter

Couch-Wertung:

94°
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Bernd Neumann
Ein innovativer Krimi, der antiquierten Staub aufwirbeln wird

Buch-Rezension von Bernd Neumann Jul 2006

Deutschland, 2004: 1.360 Tote durch Mord- und Totschlag. Auslöschung des 5. Gebotes.
Der Stoff, aus dem die Krimis sind. Oder wenigstens die Schlagzeilen der einschlägigen Boulevardpresse. Darüber lässt sich auch deshalb gut schreiben, weil neben dem Mordopfer mit einer Aufklärungsquote von 96% auch Täter und Motiv irgendwann identifiziert werden.

Nun das Erschreckende: In diesem von Mordopfer zu Mordopfer brutalen 61/2 Stunden-Takt gibt es die traurige Bilanz von acht Selbstmorden. Durch Suizid starben 2004 mehr Menschen als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und AIDS zusammen. Unglaublich, aber wahr.

Diese Selbstmorde sind ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft, wo der Spagat zwischen arm und reich immer halsbrecherischer wird. Deshalb sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch nicht ganz schuldlos, wenn sich ein Mensch aus freier Entscheidung von irdischen Leben verabschiedet.

Am besten ist, man spricht nicht drüber.

Ani traut sich. Mutig packt er das heiße Eisen der häufig unter den Teppich gekehrten Thematik an und setzt sich literarisch und philosophisch damit auseinander - natürlich in Form eines Kriminalromans!

 

"Bevor er, reglos im Türrahmen stehend, mit seinem Rundblick begann, die Hände in den Hosentaschen, um Fingerabdrücke zu vermeiden, scheinbar unberührt vom Chaos der Gegenstände und dem Anblick eines Toten, konzentrierte er sich auf Geräusche und Gerüche und auf nichts sonst."

 

Dieser kapitale Einstiegssatz lässt den gewieften Krimileser erahnen, dass ihn emotional und sprachlich Großes erwartet. Genussvolles Langsamlesen ist angesagt, nippen statt kippen!

Und Ani kommt ohne viel Firlefanz zügig zur Sache: Zwei Fußball spielende Jungs entdecken zufällig die Leiche einer jungen Mutter, mehr oder weniger sicher versteckt im Stahlschrank einer Tiefgarage. Erste Ermittlungen lassen auf Strangulation schließen, doch wer schleppt eine Tote in die Tiefgarage mit dem Risiko, von einem der dreihundert Bewohner des verwinkelten Hochgeschossers in flagranti ertappt zu werden?

"Vage Annäherungen an den Radius der Wahrheit"

Den behutsam vorgehenden Ermittlern fehlt lange jede Spur, denn in der unpersönlichen Atmosphäre des Wohnsilos hat natürlich niemand etwas bemerkt:

 

"Ich schau ja auch nicht dauernd. Hier hat jeder seinen Bereich, wir leben nebeneinander, da guckt niemand über den Gartenzaun... Wir kennen hier kaum Leute. Jeder lebt für sich, man trifft sich nicht und tauscht sich aus, wozu auch? Die Leute reden sowieso zuviel. Reden viel."

 

Ja, die Ermordete hatte eine Tochter, aber man hat sie selten gesehen. Wo ist das Kind jetzt, entführt von einem perversen Pädophilen?

Der Kindesvater hatte seit Jahren keinen Kontakt zu beiden und nimmt die Fakten erschreckend emotionslos auf. Eines der erschütternsten Kapitel in einem deutschen Kriminalroman überhaupt ist jedoch das siebente ("Niemand, der mich beachtet"). In ihm werden die Großeltern des Kindes und damit zugleich die engsten Angehörigen der ermordeten Tochter vernommen. Wie Ani hier fehlende Familienbande, unbedachte Gefühlskälte, bequeme Kontaktlosigkeit und zugleich späte Betroffenheit über Versäumtes schildert, ist einfach nur großartig und erinnert stark an die depressiven Passagen, die sein Tabor Süden oft genug auf seiner Vermisstensuche erleben musste.

Mehr der Zufall und die Farbe grün führen dann endlich zu einer heißen Spur in eine Asien-Kneipe. Aber nicht die Klärung des aktuellen Falles, sondern ein vermutlich weiteres Verbrechen steht plötzlich und unverhofft vor dem Ermittlerteam. Und es soll nicht das Letzte bleiben...

Friedrich Ani ist wieder auf vertrautem Terrain und präsentiert uns einen gewaltigen Kriminalroman, der neue Maßstäbe setzt und für den ihm seine treue Leserschar dankbar sein wird. Ani schildert die schmale und selbst kriminalistisch mitunter nicht eindeutig ermittelbare Gratwanderung zwischen Mord, aktiver Sterbehilfe und Selbstmord.
Und es geht in vielen Passagen um die Suche nach Gott, zum christlichen Glauben und dem Weg zum eigenen Seelenfrieden, bei dem sich Opfer und Täter nicht nur schwer tun, sondern daran zerbrechen.

Ani lässt uns mitfühlen, ja mitleiden am Selbstmord als bewusst gewählten eigenen Tod, als Methode zur Bestrafung für die unmittelbar betroffenen Angehörigen und Mitmenschen des bisherigen Lebensraumes der Opfer. Diese haben versagt, nicht aufgepasst und das wahre Wesen des Selbstmörders nicht erkannt. Suizid wird bei Ani aber auch geschildert als Rache an sich selbst, weil die Opfer so lange geduckt und verhuscht durchs Leben geschlichen sind und deswegen verspottet wurden:

 

"Rache für die Zeit der Verachtung, Rache für die Zeit der Qualen im Gefängnis ihrer Familie, Rache für ihre verhunzte Kindheit und ihr noch verhunzteres Erwachsenendasein." 

 

Das erinnert gefühlsmäßig stark an die düsteren Schilderungen die hoffnungslos Gestrauchelten innerhalb der "Factory"-Krimireihe von Derek Raymond, den hierzulande leider in Vergessenheit geratenen, konsequentesten Vertreter des Brit-Noir.

Ist Selbstmord ein Eingriff in die Schöpfung und damit Todsünde oder aber die persönlichste Entscheidung der vom Leben müde gewordenen? Ani geht in seinen Überlegungen noch weiter: Jesus hat sich geopfert für die Menschheit, als er freiwillig zum Kreuz ging. Kann man sein Handeln deshalb als ersten Selbstmord der christlichen Neuzeit deuten?

Wie gesagt: Friedrich Ani ist bekennender (die sonntägliche Schreibpause ist nur ein kleines Indiz), wenn auch kritischer ("Kalkleistenträger" der Kirchenführungsetagen) Katholik und nicht etwa einer der umsatzträchtigen Trittbrettfahrer des zur Hochkonjunktur aufgelaufenen "Kirchenkrimis". Ani liegt es nicht daran, durch Spekulation (s. "Sakrileg" bis hin zu "Totgeglaubte leben länger") an den Grundpfeilern der jüdischen und christlichen Glaubenslehre zu rütteln. Viel mehr ist die "Idylle der Hyänen" ein ernst zu nehmender Denkanstoß über anzutreffende Gefühlskälte, fehlendes Zusammengehörigkeitsgefühl und fehlenden Glauben in und an unsere heutige Zeit, und dann wird er bissig:
"Wir leben in Zeiten des Täter- und nicht des Opferschutzes."

Und für noch etwas müssen wir Friedrich Ani ganz einfach nur dankbar sein: Man spürt förmlich, wie Freude und Stolz ihn bei der "Schöpfung" seines neuen Protagonisten Polonius Fischer begleitet haben!

Polonius Fischer - Hauptkommissar mit Kruzifix im Blickfeld

Kriminalhauptkommissar Fischer ist nicht der Typ für eine Revolver schwingende One-Man-Show, er setzt auf Teamwork. Polonius Fischer (51) ist fast zwei Meter groß, dürr und hat die Nase eines Geiers. Polonius Fischer hat entscheidende neun Jahre seines Lebens im Kloster verbracht, als Mönch auf der Suche nach Gott. Aber: "Wenn Gott zu lange schweigt, fängt man an zu zweifeln, findet keine Erfüllung mehr im Gebet." So landete er (wieder) im Kommissariat für vorsätzliche Tötungs- und Todesfolgendelikte und gefährliche Körperverletzung mit der Schusswaffe, und das mittlerweile im vierzehnten Jahr.

Die im Kloster erlernte Gabe des Schweigens und des einfühlsamen Zuhörens hat er sich im weltlichen Leben bewahrt, ebenso wie einige andere Rituale des Ordenslebens, z.B. das Kruzifix in einem eigens für ihn reservierten Verhörzimmer.

Nach Fischers Theorie soll es Zeugen und Verdächtige bei Verhören in den Zustand des Selbstmitleids treiben. Oft wird es ein "vergeblicher Selbstversuch, mit großem inneren Aufwand den verhunzten Dingen des Lebens der Betroffenen im nach hinein eine gefällige, entschuldbare Gestalt zu verleihen".

Dieses Kruzifix wird von Fischer aber auch anstandslos von der Wand abgehängt, wenn der jeweilige Gesprächspartner es wünscht. Polonius Fischer führt nämlich keine Verhöre, sondern Gespräche. Diese werden auch schon mal mit einem passenden Psalm begonnen, um eine gemeinsame Vertrauensbasis zu schaffen.

 

"Man soll das Leben nicht allzu persönlich nehmen" ist eine der Grundmaximen, die Fischer aus dem Kloster in seinen Kommissarsalltag mitgenommen hat. Jedoch meint er damit nicht etwa eine Missachtung des Lebens an sich, sondern drückt damit aus, dass das persönliche Leben jedes Einzelnen nur geliehen ist, der Mensch nur ein Teil unserer großen Welt ist" (Ani im Interview mit dem "Münchener Merkur" v. 03.09.). 

 

Ansonsten gehören zur Abteilung des Ex-Mönchs noch weitere elf Kommissare und Kommissarinnen und eine Protokollantin. "Die zwölf Apostel" wird das Team des Kommissariats 111 deshalb liebevoll genannt.
"P-F" - wie Polonius Fischer bei ihnen verkürzend heißt, ist der Chef dieses von Ani liebe- und eindrucksvoll beschriebenen Ermittlerteams, das in seiner Zusammensetzung noch für viele Überraschungen gut sein dürfte!
Ebenso die Lebenspartnerin von Fischer. Ann-Kristin Seliger ist eine ehemalige, gut verdienende Zeitungsredakteurin, welche die fetten Schlagzeilen satt hatte. Jetzt fährt sie Taxi, am liebsten nachts. Seit 13 Jahren sind beide ein vertrautes, verlässliches Liebespaar.

Ein Volltreffer, direkt ins Wespennest!

"Idylle der Hyänen" ist ein innovativer Krimi, der antiquierten Staub aufwirbeln wird, vermutlich auch auf mancher Kirchenbank. Ein Volltreffer, direkt ins Wespennest! Das ist anspruchsvolle Unterhaltung auf hohem sprachlichem Niveau, zum Nachdenken und Diskutieren geradezu provozierend, aber ohne Verbreitung übler Nachrede.
Hier wird nicht Jesus diffamiert oder gar in Frage gestellt, sondern durch diesen überaus sympathischen Ex-Mönch und Neu-Kriminalkommissar Polonius Fischer mit all' seinem Habitus anerkannt.

Für vier Bücher aus der Serie um Kommissar Tabor Süden vom Münchener Vermisstendezernat hat er den Deutschen Krimipreis erhalten. Schon mit dieser Krimireihe hat Ani für Furore gesorgt, weil es ihm in erster Linie um die individuellen Befindlichkeiten der Hauptakteure, ihre Vereinsamung und verschüttete Sozialkompetenz ging.

Man braucht kein Prophet zu sein, um zu vermuten, dass die Idylle der Hyänen in die erste Auswahlreihe für den diesjährigen Preis gerückt ist. So es denn eine fachkritische Jury gibt - und göttliche Bestimmung... Daran kann auch der Schutzumschlag keine Abstriche machen: Er suggeriert natürlich in seiner scheinbaren Kitschigkeit den "Kirchenkrimi". Aber spätestens, wenn man nach der letzten gelesenen Seite das Buch (nachdenklich) aus der Hand gelegt hat, kapiert man den tiefen Sinn.

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