Blutadler

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • London: Hutchinson, 2005, Titel: 'Blood Eagle', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Nathan, David
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2007, Seiten: 412

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Michael Drewniok
Ein schneckenlahmer, pseudoliterarisch gestelzter Designer-Krimi

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2006

In Hamburg geht ein Mörder um, der jungen Frauen auflauert, ihnen den Leib aufschlitzt und die Lungenflügel um den Hals drapiert: Er zelebriert ein frühzeitliches, "Blutadler" genanntes Opferritual, welches den Wikingern zugeschrieben wird. Ganz auf der Höhe der Zeit zeigt sich der Täter indes, wenn er seine Untaten per E-Mail kommentiert, die er als "Son of Sven" unterzeichnet. Er sendet sie direkt an Kriminalhauptkommissar Jan Fabel, der zum Leiter einer Sonderkommission ernannt wird, die den grausamen Morden ein Ende setzen soll, bevor die Medien der Polizei, der Justizbehörde und vor allem den örtlichen Politikern noch mehr Feuer unterm Hintern machen. An die Spitze dieser Meute setzt sich der ultrakonservative Konzernchef Wilhelm Eitel, dessen Sohn sich für den Sitz des Ersten Bürgermeisters der Hansestadt bewirbt.

Hauptverdächtiger im Blutadler-Fall ist ein ehemaliger Elitepolizist, der jetzt als "Geschäftsführer" für den Gangsterboss Ulugbay arbeitet. Bei näherer Betrachtung des Hamburger Rotlichtmilieus stellt sich indes heraus, dass sich dort seit einiger Zeit die ukrainische Mafia tummelt. Der Ex-Soldat Wassyl Witrenko unterwirft sich die örtliche Szene mit Terror und mit militärischer Gewalt. Der Bundesnachrichtendienst hat bereits ein Auge auf diese Aktivitäten geworfen. Eines der weiblichen Opfer gehörte zu seinen Spitzeln.

Während "Son of Sven" weiter mordet, beginnen Männer, die sich als nordischer Gott Odin maskieren, Frauen zu kidnappen, zu vergewaltigen und zu töten. Gehört "Son" zu ihnen oder rüsten hier wirrköpfige Neonazis für Ragnarök? Fabel sieht sich zwischen allen Fronten: Seine Vorgesetzten fordern rasche Aufklärung, die Presse sitzt ihm im Genick. "Son of Sam" rückt ihm immer näher auf die Pelle. Der Hauptverdächtige fällt einem Mafiamord zum Opfer. Anscheinend gibt es keine andere Möglichkeit als neue Morde abzuwarten und zu hoffen, dass der Täter einen Fehler macht, doch diesen Weg mag der sensible Fabel nicht gehen. Er sucht die Konfrontation mit "Son of Sam" - und er wird sie finden ...

Thriller aus dem Literatur-Baukasten

Wir basteln uns einen Thriller für die Bestsellerlisten der westlichen Welt. Dazu nehme man:

  • einen genial-irren Serienkiller, dem in Sachen blutiger Grausamkeit tatsächlich noch eine neue Variante eingefallen ist;
  • geheimbündlerische Munkelmänner mit Wurzeln in einer Geschichte, die mit der historischen Realität wenig bis gar nichts zu tun hat, sondern sich primär von Fantasie und Dan-Brown-Theaterdonner nährt;
  • richtig fiese, vertierte Mafiosi, hier wahlweise aus der Türkei sowie Russland stammend;
  • gemeine Terroristen, die womöglich schon den nächsten Wolkenkratzer ins Visier nehmen;
  • moralisch verkommene Schlipsschurken aus Politik & Hochfinanz, die verwickelten Verschwörungen frönen, wobei dem deutschen Schauplatz entsprechend & geradezu unverzichtbar die Nazis mitmischen;
  • einen grüblerischen Polizisten mit Außenseiterstatus, der dienstlich und privat tüchtig in die Zange genommen wird, doch unverdrossen seinen Weg geht;
  • allerlei unverzichtbare Randchargen: der abgebrühte Pathologe, die schöne Psychologin, der ausgemergelte Drogenfreak ("Hansi"), der publicity- & machtgeile Politiker, der berufsparanoide Geheimdienstler, der schöngeistige Gangsterboss ... Die Liste ist lang, furchtbar lang - allerdings nicht halb so lang wie sich dieses wüste Garn bei der Lektüre zieht.

"Blutadler" ist ein Erstlingswerk, das alle Fehler aber keine Tugenden eines Debüts aufweist. Der Plot ist hanebüchen, die Handlung tritt auf der Stelle, wird spannungsarm und ungemein lahm entwickelt. Hamburg wirkt wie eine Filmkulisse. Der Verfasser gibt vor sich in der großen Hafenstadt auszukennen. Trotzdem lesen wir über ein fremdes, totes, unwirkliches Hamburg, dessen Geografie und Geschichte sich ein Ortsfremder betont sorgfältig angeeignet hat, ohne indes das Wesen der Stadt und ihrer Bewohner erfasst zu haben.

Pathos & peinliche Phrasen

Die Sprache ist gestelzt, der Stil umständlich. Das mag zum Teil der Übersetzung anzulasten sein. Eindeutig auf das Konto des Verfassers gehen freilich die endlosen, schulbuchhaft beschreibenden Passagen, in denen uns Russell über Orte und Ereignisse aufklärt, die für das Geschehen nur am Rande oder überhaupt nicht relevant sind. Dazu begeht er die Todsünde einen simplen Thriller auf Biegen & Brechen zur feuilletontauglichen "Literatur" aufwerten zu wollen. Er übt sich in philosophischen Betrachtungen über Gott und die Welt und kreist ausgiebig um ein Deutschland, dessen Bürger sich Tag & Nacht ihre Köpfe über die Last der eigenen Geschichte zerbrechen: "Es ist nicht leicht, Deutscher zu sein ... Zehn Jahrhunderte der Kultur und der Leistung waren Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts durch zwölf Jahre, in denen sich das unbeschreiblich Böse durchgesetzt hatte, in den Hintergrund gedrängt worden. Jene zwölf Jahre hatten für die Welt und für die meisten Bürger des Landes den Kern dessen definiert, was es heißt, Deutscher zu sein. Nun konnte man ihnen nicht mehr trauen, und sie selbst konnten einander nie mehr Vertrauen schenken." (S. 192) "Third Reich"-Plattheiten, andere Phrasen dieses und noch größeren Kalibers und moralinsaure Klagen über den moralischen Bankrott der Zivilisation ziehen sich durch das gesamte Werk.

Während man darüber nur den Kopf schütteln und sich ärgern kann, sorgen Russells grundsätzlich schiefe Aphorismen wenigstens für Heiterkeit: "Mittlerweile lag ein kräftiger Keil traumlosen Schlafes zwischen Fabel und den Ereignissen des Vortags." (S. 100) ist ein schönes Beispiel für ein Bild, das man sich für das geistige Auge einmal vorzustellen versuchen sollte ...

Wie viele melancholische Kommissare braucht die Krimiwelt?

Ein halber Schotte in Hamburg, einer Stadt, in der es ständig regnet und "baltische Winde" eiskalt blasen - das ist Johann Rätsel, nein, Verzeihung: Jan Fabel, der überaus fähige, aber an der Schlechtigkeit der Welt verzweifelnde Polizist, der dienstlich wohl gelitten und privat ein netter Mensch aber dennoch Außenseiter ist, der nicht mitmischen mag im Spiel um Macht und Geld, dem offenbar jede/r heutzutage verfallen ist. Weitere Klischees langweilen durch Anwesenheit, wie das eben so ist, wenn eine Figur nicht mit der Feder sondern mit dem Quast gezeichnet wird.

Wenn Fabel einmal so richtig leiden will, dann fährt er zur nahe gelegenen NS-Gedenkstätte Neuengamme und lässt in seinen Gedanken Nazi-Rohlinge auf wehrlose KZ-Insassen einprügeln. Auf solche plumpe Weise suggeriert Russell einen gedankentiefen Protagonisten, der doch eigentlich nur mit intellektuelloiden Grämlichkeiten nervt, während ein Kommissar Wallander oder Inspector John Rebus sehr viel überzeugender und vor allem unterhaltsamer auf politische und gesellschaftliche Schwachstellen hinweisen. (Immerhin bleibt Fabel trotzdem die Zeit einer attraktiven Kollegin näher zu kommen, was natürlich weiteren Stoff für Bedenken liefert.)

Romanpersonal aus Schießbude & Geisterbahn

"Böse" Deutsche sind - erkennbar schon am Namen - Vater und Sohn Eitel, der eine als Mischung aus Krupp & Hugenberg dargestellt, der andere ein Junior-Hitler mit ordentlichem Riss in der Hirnwaffel. Das organisierte Verbrechen gibt sich entweder ehrbar und globalisiert (Rotlichtzar Yilmaz sammelt deutsche Dichter in Originalausgaben) oder wirkt wie aus Dschinghis Khans Steppe importiert (Witrenkos & seine wilde Horde). Nahtlos ins schräge Bild fügen sich die Schlapphüte des Bundesnachrichtendienstes, die hier gemeinsam mit dem Bundesgrenzschutz zur schier unkontrollierbaren paramilitärischen Separatmacht mutieren und testosterongeschwängerte Untergrundattacken gegen allerlei Staatsfeinde reiten.

Dann lässt Russell auch noch marodierende Neu-Wikinger auftreten, die ich mir - die Lektüre dieses Buch fördert solche obskuren Vorstellungen - seltsamerweise nur in einer Art Ku-Klux-Klan-Kutte mit Hörnerhelm auf dem Schädel vorstellen kann. "Son of Sven" plagt uns immer wieder mit Ausschnitten aus einem Blog für Serienkiller; man muss seine gemailten Worte wohl so interpretieren, weisen sie doch die für diese moderne Kommunikationsform allzu oft typische, d. h. pagageienplapprige Informationsdichte auf. Anders gesagt: "Son of Sven" hat uns bzw. Jan Fabel nur jenen hohlen Humbug zu verkünden, den wir schon aus den Mündern viel zu vieler Möchtegern-Lecters hören mussten.

Nein, dieser "Blutadler" ist eine lahme Ente, die nie vom Boden hochkommt. Bleibt zu hoffen, dass der Verfasser im nächsten Jan-Fabel-Abenteuer Stoff, Schauplatz und Figur besser in den Griff bekommt. In dieser Hinsicht zeigt sich Craig Russell übrigens ganz als Schriftsteller des 21. Jahrhunderts: Damit sich die Recherchearbeit auch lohnt, plant er gleich sechs Hamburg-Fabel/n. (Band 2 liegt übrigens bereits vor und wird den Titel "Brother Grimm" tragen, Band 3 schreibt Russell gerade.) Medientrommeln, Werbung und das Wissen um den Krimileser als Gewohnheitstier wird für den Erfolg schon sorgen ...

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