Der zehnte Drache

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, Seiten: 283, Originalsprache

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Peter Kümmel
Menschenhandel, Schmuggel und Schattenboxen

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2005

In Hamburg kommt ein Container mit chinesischen Flüchtlingen an. Nicht alle überleben die menschenunwürdige und strapaziöse Reise zusammengepfercht wie in einem Hühnerkäfig, denn außer Essen und Trinken fehlt bald auch die Luft zum Atmen. Unter denen, die den Transport lebend überstehen, ist auch der junge Lin Piao, begleitet von seiner Frau. Für ihn hat die Reise noch einen weiteren Zweck: er sucht seinen Onkel Lin Kwan Lok mit dem Ziel, diesen zu töten, denn er ist Schuld am Tod seiner Mutter. Doch diese selbst gestellte Aufgabe ist nicht so leicht zu erfüllen, denn der Onkel ist der Chef eines so genannten Drachenordens, eines chinesischen Verbrecherrings. Vor der Suche steht zunächst aber erst mal der Weg in die ersehnte Freiheit, mit der die Flüchtlinge gerechnet hatten. Doch es kommt anders: tausende von Dollar zu zahlen für die Überfahrt reicht eben noch nicht aus. Ein Menschenhändlerring nutzt die Flüchtlinge als günstige Arbeitskräfte und ist nicht zimperlich in der Wahl seiner Mittel.

Dies merkt auch die Hamburger Polizei, als die Leichen zweier Chinesen aus der Elbe gefischt werden. Kommissar Pieter Lund leidet zwar noch immer darunter, dass er einen Menschen erschiessen musste, und seine Beziehungen zu verschiedenen Frauen sind auch nicht gerade zum Besten bestellt, doch er nimmt die Ermittlungen sehr ernst. Eine große Hilfe in mehrfacher Hinsicht ist ihm dabei Charles Montgomery Tong. Der Chinese unterstützt ihn nicht nur als Dolmetscher, sondern führt ihn auch in die Welt des Schattenboxens ein.

Derweil wittert Ernest J. Pateras das Geschäft seines Lebens. Der Unternehmensberater, den Lund über seine Freundin Lina Wertheim kennenlernt, soll für einen Mexikaner den Transport von hundert Containern gefälschter Zigaretten organisieren. Dafür winkt ihm eine Provison in siebenstelliger Höhe. Mit Hilfe eines gemieteten Schiffes der Wertheim-Reederei soll der große Deal eingefädelt werden, doch nicht alles läuft so, wie es Pateras geplant hatte.

Schutzgelderpressung muß nicht brutal sein

Holger Biedermann zeigt dem Leser ein ganz anderes Hamburg, als man bisher zu kennen glaubte. Nicht nur San Fancisco, London oder Amsterdam haben ihre chinesischen Enklaven, es gibt sie auch in vielen anderen Großstädten. Die Zahl der Triaden, mafiaähnlichen Vereinigungen, ist schier unüberschaubar. Die meisten leben vom Gastronomiegewerbe. Außer Drogenhandel stehen Geldwäsche, Prostitution und Schutzgelderpressung ganz oben auf der Liste. Daß es in letzterem Bereich auch gewaltfreie, fast humorvolle Lösungen gibt, zeigt uns der Autor an einem netten Beispiel.

Die Themen des Buches sind wie bereits geschildert äußerst breit gefächert, die Darstellung der zunehmenden Globalisierung gut gelungen. Daß mir der Roman dennoch nicht zugesagt hat, liegt hauptsächlich am Protagonisten sowie einzelner nicht in die Handlung passender Nebensächlichkeiten und störender Zufälle. Wie so oft hängt einfach alles irgendwie zusammen.

Ich glaube gerne, dass das Leben als Polizist nicht immer einfach ist. Ich glaube auch, dass man psychologische Hilfe benötigt, wenn man im Dienst einen Menschen erschossen hat. Es mag auch gut sein, dass Pieter Lund seine Fans hat und für manchen als Sympathieträger wirkt. Nur ich mag zur Zeit einfach keine Kommissare mehr, die einen psychischen Knacks haben. Die Idee des kaputten Ermittlers ist schön und gut, nur irgendwann läuft sie sich tot und man hat sie einfach über.

Das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt

Daß sich bei mir kein rechter Lesefluß einstellen wollte, mag nicht nur an den häufigen Perspektivwechseln liegen, sondern auch an manch zu detaillierten Schilderungen, z.B. wie Pieter Lund sein Bad putzt. Um darzustellen, dass er unter Rückenproblemen leidet, hätte es dieser dreiseitigen Ausführungen nicht bedurft.

Nach Ermittlungen mit Indizien und logischen Schlüssen sucht man vergeblich. Es ist mehr wie ein Stochern im Nebel, die Verbrechen kommen auf die Polizei zu und mit Hilfe von oftmals richtigen Vermutungen fügen sich die Ereignisse langsam zueinander ohne großes Zutun.

Daß Ermittler oftmals relativ uninspiriert handeln und Dinge tun, die in keinem rationalen Verhältnis zu Realität stehen, sind wir auch aus anderen Kriminalromanen gewohnt. So nimmt Lund Urlaub und reist spontan nach Hongkong, ohne wirklich sicher sein zu können, den Fall dort lösen zu können. Aber doch läuft ihm der Gesuchte natürlich direkt über den Weg. Ist ja auch völlig normal in einer solchen Kleinstadt.

"Der zehnte Drache" ist kein großer Reißer, aber auch kein objektiv schlechtes Buch, nur manchmal liest man eben das falsche Buch zum falschen Zeitpunkt.

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