Leo Berlin

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2005, Seiten: 280, Originalsprache
  • München: dtv, 2012, Seiten: 288, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Zeitreise in eine vom Krimi noch nicht entdeckte Epoche

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2005

Schwere Zeiten für Kommissar Leo Wechsler im Berlin des Jahres 1922. Der von der High-Society gefeierte "Wunderheiler" Gabriel Sartorius wird, von einer Buddha-Figur erschlagen, in seiner Wohnung aufgefunden. Es gibt weder hilfreiche Zeugen noch brauchbare Spuren.

Privat gibt es währenddessen immer stärkere Spannungen zwischen Leo und seiner Schwester Ilse, die seit dem Tod seiner Frau mit ihm zusammenwohnt und sich um seine beiden Kinder kümmert, dabei aber zunehmend ihr eigenes Privatleben vermisst. Politisch geht es ebenfalls hoch her. Die Nationalen machen gegen Außenminister Rathenau mobil, der in der Folge einem Attentat zum Opfer fällt, was umgehend die Linken auf den Plan ruft.

Wenige Tage nach dem Mord an Sartorius wird im berüchtigten Scheunenviertel die Prostituierte Erna Kante erdrosselt aufgefunden. Leo erklärt sich bereit, auch diesen Fall zu übernehmen und glaubt recht bald, dass es einen Zusammenhang zwischen den beiden Morden gibt. Während in beiden Fällen die Ermittlungen auf der Stelle treten, glänzt Leos unbeliebter, national-konservativ eingestellter Kollege Herbert von Malchow ebenso durch Unfähigkeit wie durch Indiskretionen gegenüber der Presse...

Die Inflation der Nachkriegsjahre frisst das Geld, die Kinder sammeln Zigarettenkippen um den Resttabak zu verkaufen, zahlreiche schwere Krankheiten grassieren und auch sonst sind es keine guten Zeiten in denen "Leo Berlin" spielt. Das historische Szenario wird von Autorin Susanne Goga hervorragend dargestellt, ohne dabei die eigentliche Krimihandlung zu vergessen und so wird der Leser in eine Epoche entführt, die bislang im Krimigenre nahezu unbekannt ist. Als historischer Roman ist Leo Berlin uneingeschränkt empfehlenswert, als Kriminalroman hat er jedoch eine entscheidende Schwachstelle: Es fehlt von Anfang an nahezu jegliche Spannung.

Der Leser erfährt (viel zu) früh die Identität des Mörders, sich dessen Motiv zu denken fällt angesichts des Romanaufbaus nicht wirklich schwer und das Leo den Fall löst, davon darf man natürlich ausgehen. Fragt sich letztlich nur, wann er den Täter stellt und wie er der Lösung des Falles auf die Spur kommt. Warum Leo bereits bei der erstbesten Gelegenheit einen Zusammenhang zwischen den Morden vermutet bleibt leider sein Geheimnis. Das sich der Mörder ohne Probleme den Opfern nähern konnte, ist angesichts von deren Berufen jedenfalls allein kein überzeugendes Argument ebenso wenig wie sein Gespür.

Neben den gelungenen historischen Bezügen glänzt der Roman auch bei der Charakterdarstellung und den privaten Problemen seines Protagonisten. Ebenfalls gut in Szene gesetzt wird die Figur von Malchow, der aufgrund seiner Herkunft meint, etwas Besseres zu sein und seinem Chef Leo bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Parade fährt. Wer atmosphärisch dichte Romane bevorzugt, greift bei Leo Berlin zu; wer mitraten möchte oder auf Spannung setzt, sollte sich den Kauf des Buches dagegen gründlich überlegen. Auf jeden Fall bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einem durchweg sympathischen Ermittler.

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