Die Tote von Charlottenburg

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2012, Seiten: 304, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Interessanter Ausflug in das Berlin der 1920er Jahre

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jun 2012

Leo Wechsler, Kommissar im Berliner Morddezernat, verbringt einen kurzen Urlaub mit seiner neuen Lebensgefährtin Clara Bleibtreu auf der Insel Hiddensee. Dort lernt Clara die Ärztin Henriette Strauss kennen, die ebenfalls aus Berlin stammt. Einige Zeit später meldet sich Adrian Lehnhardt bei der Berliner Polizei, da seine Tante unter denkwürdigen Umständen verstarb. Wechsler horcht auf, denn bei der Toten handelt es sich um Henriette Strauss, die im Luisenkrankenhaus arbeitete, wo offenbar nicht alles mit rechten Dingen zugeht. So finden die Ermittler heraus, dass dort an Patienten ohne deren Zustimmung und Wissen neue Medikamente getestet werden. Strauss weigerte sich an diesen Versuchen teilzunehmen, was ihr nicht nur Sympathien einbrachte. Auch ihr Engagement für Frauen in Not, für ungewollt Schwangere sowie ihr Einsatz gegen § 218 verschaffte ihr mitunter Feinde. Aber selbst in ihrer Familie war offenbar nicht alles auf heile Welt getrimmt …

Der dritte Fall stellt Leo Wechsler und sein Team vor eine schwere Aufgabe, denn zunächst bleibt lange Zeit unklar, ob die Verstorbene womöglich vergiftet wurde oder doch eines natürlichen Todes starb. Erst nach mühsamen Recherchen verdichten sich die Ansichten, dass eine Vergiftung wahrscheinlich zum Tod der allseits anerkannten und beliebten Ärztin führte, die allerdings nie mit ihrer Meinung hinterm Berg hielt und damit gelegentlich aneckte.

Die Geschichte spielt im Berlin des Jahres 1923, in das uns die Autorin glänzend entführt. Arbeiteraufstände und Straßenkämpfe beherrschen zunehmend das Bild der Stadt. Durch eine gigantische Inflation explodieren die Lebensmittelpreise, ein Dollar kostet 4,2 Billionen Mark und selbst die täglichen Einkäufe werden zu einer wahren Herausforderung. Waschkörbeweise werden dicke Geldberge hin und her geschleppt, um wenigstens das Nötigste einkaufen zu können. Schnell werden die ersten Schuldigen für den Schlamassel gesucht und in den Ostjuden gefunden. Leos neuer Mitarbeiter Jakob Sonnenschein und dessen Vater bekommen die Unruhen hautnah zu spüren. Leo ist entsetzt, zumal die zuständigen Schupos, also die Schutzpolizei, offenbar auf der Seite der Täter steht und lieber wegsieht.

Der neue Fall mag nicht so recht von der Stelle kommen und nebenbei plagen Leo auch noch private Sorgen. Die Beziehung zu seiner Partnerin Clara ist unklar, da diese einen kleinen Buchverleih führt und nach einer verkorksten Beziehung ihre Unabhängigkeit nicht verlieren möchte. Andererseits führt Leos Schwester Ilse den Haushalt und kümmert sich um dessen Kinder, was die Sache nicht vereinfacht. Hinzu kommt, dass Leo mit seiner direkten Art den Beiden immer wieder vor den Kopf stößt, zumal er einfach nicht die richtigen Worte findet. So bietet Die Tote von Charlottenburg einen interessanten Krimiplot vor dem Hintergrund einer noch interessanteren zeitgeschichtlichen Epoche. Die Ereignisse im November des Jahres 1923 geben einen bitteren Vorgeschmack auf das, was rund zehn Jahre später seinen verhängnisvollen Lauf nehmen sollte. Einziger Haken des Romans ist, dass nicht alle Side-Storys aufgelöst werden, so dass hier ein etwas fader Beigeschmack bleibt. Dennoch ein gelungener Roman, den man mit dieser kleinen Einschränkung durchweg empfehlen kann und in dem auch der legendäre Ernst Gennat, Leiter der "Zentralen Mordsinspektion" und zudem mit beeindruckender Aufklärungsquote, als Leos Chef ein paar kleine Gastauftritte hat.

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