Für eine Handvoll Yen

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2004, Seiten: 332, Originalsprache

Couch-Wertung:

93°
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Peter Kümmel
Hat alles, was für einen klasse Krimi notwendig ist

Rezension von Peter Kümmel Mai 2005

Krimi-Couch-Volltreffer Juli 2004

Viele werden Hamada Ken, genannt Kenji, schon kennen aus Tote mögen keine Sushi. Nun hat Gert Anhalt mit "Für eine Hand voll Yen" den zweiten Krimi aus der Reihe um den sympathischer Looser, den Privatdetektiv Hamada Ken aus Tokio, vorgelegt. Aber eigentlich ist er ja jetzt gar kein Privatdetektiv mehr. Denn Hamada will sein Leben neu ordnen. Und so hat er beschlossen, dass er ab jetzt Folksänger ist. Und wenn er etwas beschließt, dann steht er voll und ganz dahinter. So hat er sich eine Gitarre zugelegt und ein Schultergestell für die Mundharmonika a la Neil Young und steuert mit Begeisterung auf seine erste CD zu, für die er täglich einen neuen Song schreibt. Weniger begeistert reagiert allerdings seine Umwelt, wenn sie ihm zuhören muß, was unseren Helden aber nicht beeindrucken kann.

Das Leiden von Tante Ogata

Doch die neue Karriere muß zurückstehen, als Hamada einen Anruf von seiner geliebten Tante Ogata - einer frühreren Nachbarin, die ihm ein Mutterersatz war - bekommt. Dramatisch hört sich der Anruf an und noch viel dramatischer sieht es aus, als er ihre Wohnung betritt. Nichts mehr zu sehen von der liebevollen Einrichtung früherer Tage. Die Wohnung ist leer bis auf ein paar Matten und eine Kochplatte. Leidvoll muß Hamada mit ansehen, wie schlecht es Tante Ogata geht und daß sie Hunger leidet. Zu stolz ist sie, sein Geld anzunehmen, doch bittet sie ihn darum, sich um ihren Enkel Akira zu kümmern. Bevor Hamada dazu kommt, Licht in das Dunkel zu bringen, stürmen finstere Gestalten in taubenblauen Anzügen die Wohnung und Hamada muß in Pantoffeln mit dem Kleinkind Hals über Kopf durch die Hintertür fliehen und sogar seine geliebten Schlangenlederstiefel zurücklassen.

Nachdem er seiner nervenden Vermieterin aufs Auge gedrückt hat, dass es sich bei dem Kind um den legalen Thronfolger handelt, den er vor Attentätern schützen muß, kümmert sich diese liebevoll um Akira, so daß Kenji freie Hand hat, nach den leiblichen Eltern zu fahnden. Blöderweise bringen die zurückgelassenen Schlangenlederstiefel die taubenblauen Herren sehr schnell auf Kenjis Spur und so findet er sich plötzlich mit einer dicken Lippe und einer Leiche neben sich bewusstlos im Treppenhaus wieder.

Auseinandersetzung mit einer unerfüllten Liebe

Seine Ermittlungen - oder besser gesagt seine Vermutungen - ergeben, dass die Herren in den taubenblauen Anzügen von einem Kredithai geschickt wurden, bei dem Akiras Eltern hoffnungslos verschuldet sind. Über dessen Ehefrau versucht er sich an ihn heranzumachen. Und muß sich wie bereits im ersten Fall auf der Suche nach der Frau seines Lebens mit einer unerfüllten Liebe auseinandersetzen.

Unterstützung erhält er dabei von seiner schwergewichtigen Freundin Kiko, einer Sumo-Ringerin, und der nicht minder kräftigen Taxifahrerin Etsuko, die seine Vermieterin für ihn als Ehefrau auserkoren hat.

Anhalt karikiert hervorragend Land und und Leute

Es scheint sich ja immer mehr einzubürgern, dass Korrespondenten nun anfangen Krimis zu schreiben, die sie in den Ländern spielen lassen, in denen sie jahrelang gelebt und gearbeitet haben. Anders als zum Beispiel Ulrich Wickert oder Leif Davidsen verzichtet aber Gert Anhalt auf politische Betrachtungen. Dagegen karikiert er ganz hervorragend Land und Leute, so daß man fast ständig während des Lesens ein Schmunzeln auf den Lippen hat.

Sein Held Kenji hat etwas von einem tapsigen Teddybär, der sich ohne groß nachzudenken von einer gefährlichen Situation in die nächste stürzt, dabei zwar oft eins auf die Nase bekommt, aber dann auch das Glück des Tüchtigen hat.

Verquere Gedankengänge, "umwerfende" Logik

Da Kenji nicht nur Protagonist, sondern auch Ich-Erzähler des Krimis ist, kann sich der Leser natürlich auch in die verqueren Gedankengänge des Detektivs hineinversetzen und seiner umwerfenden Logik folgen.

Und der Leser lernt, dass Japanisch eine sehr interpretationsfähige Sprache ist.

"A-soo-desu-ka..."

"Soo-desu!"

 

"Eine besondere Tücke der japanischen Sprache besteht darin, dass sie überhaupt nicht dazu taugt, konkrete Sachverhalte zu beschreiben. [...] So gibt es mindestens 300 verschiedene Arten, die beliebte Redewendung A-soo-desu-ka auszusprechen, und genauso viele Arten, darauf angemessen mit Soo-desu oder So-desu-nee zu antworten. Und in den seltensten Fällen heißt es einfach nur: Ach, so ist das? - Ja, so ist das! Meistens heißt es etwas völlig anderes, je nach Gespräch. In unserem aktuellen Kontext hatte Susanne zu mir gesagt: 'Du bist ein verbohrter Trottel!' Und ich hatte passend geantwortet: 'Und du bist eine dumme Kuh.'"

 

Spätestens beim fünften A-soo-desu-ka, dessen Interpretation natürlich jedesmal detailliert erklärt wird, hat man schon selber den Verdacht, verstehen zu können, was der Sprecher dieser Worte damit ausdrücken möchte.

Kein Klamauk! Spannend und logisch durchdacht

Wer jetzt aber denkt, dass ihn nur Klamauk erwartet, dem sei gesagt: "Für eine Hand voll Yen" ist nicht nur humorvoll, sondern auch spannend und logisch durchdacht und bietet eine ungewöhnliche Story mit aktuellen Themen. Somit hat das Buch alles, was für einen klasse Krimi notwendig ist.

Mir persönlich hat Hamada Kens zweiter Fall noch besser gefallen als der erste. Wollen wir hoffen, dass es mit Kenjis Karriere als Folksänger noch nicht so schnell klappt, damit er uns noch in einigen weiteren Fälle als Privatdetektiv Spaß bereiten kann.

A-soo-desu-ka...

Für eine Handvoll Yen

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