Die Toten von Santa Clara

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Orlando: Harcourt, 2004, Titel: 'The Vanished Hands', Seiten: 358, Originalsprache
  • München: Page & Turner, 2005, Seiten: 507, Übersetzt: Kristian Lutze
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 506

Couch-Wertung:

88°
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Lars Schafft
Lebendig, glaubhaft, vielschichtig. Erste Klasse.

Rezension von Lars Schafft Mai 2005

Krimi-Couch-Volltreffer September 2005

Mit Der Blinde von Sevilla hat Robert Wilson die Erwartungen hoch gesteckt, fulminanter hätte ein Einstieg in seine Reihe um Inspector Javier Falcón nicht sein können. "Packende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau" titelten wir seinerzeit. Die Toten von Santa Clara ist Folge zwei der Serie und erscheint nicht nur direkt als Hardcover, sondern auch noch in einem frisch gegründeten Verlag namens "Page & Turner". Soviel sei vorweg genommen: Wilson untermauert seine Stellung als einer der besten europäischen Kriminalautoren - auch wenn die Fortsetzung nicht ganz an die Imposanz des ersten Teils heranreicht.

Mord oder Selbstmord? Und welche Rolle spielt der 11. September?

Der Tatort: Ein prächtiges Haus im schnieken Nobelvort Sevillas, Santa Clara. Die Opfer: Bauunternehmer Rafael Vega und seine Frau. Die Sachlage: Senora Vega wurde aller Wahrscheinlichkeit nach ermordet, liegt tot im Schlafzimmer auf dem Ehebett. Senor Vega genau so leblos auf dem Boden des Wohnzimmers. Die Hypothese: Vega brachte seine Frau um, danach sich selbst. Das Motiv: Welches Motiv? Die Anti-These: Die Vegas wurden umgebracht, der Mord an Senor Vega als Selbstmord getarnt. Grund für letztere Annahme: Sich mit Abflussreiniger zu vergiften, ist sicherlich schon eine sehr masochistische Art, sich das Leben das nehmen. Aber muss man dann auch noch dermaßen auf "Nummer Sicher" gehen und Salzsäure hinzufügen? Und was hat der Zettel mit dem handschriftlichen Hinweis auf den 11. September zu bedeuten?

Genau hier kommt Inspector Falcón, halbwegs genesen von seinem persönlichen Weltuntergang aus "Der Blinde von Sevilla", ins Spiel und soll praktisch nur noch den Selbstmord feststellen. Doch Falcón ist ein zäher Hund, schürft nach der Wahrheit und stößt in der ach so noblen Nachbarschaft auf die ein oder andere Leiche im Keller. Und der Fall wird brenzlig, hat doch allem Anschein nach die Russen-Mafia ihre Hände mit im Spiel und auch Falcóns Kollegen scheinen nicht die treuesten Hüter des Gesetzes zu sein...

Ganz so einfach wird´s für den Inspecot Jefe freilich nicht, hat er doch auch noch etliche Leichen im eigenen Keller. So ist eine der Zeuginnen, die er befragen muss, die (auf)reizende Consuelo aus Der Blinde von Sevilla. Und der leitende Staatsanwalt, Juan Calderon, gibt nebenbei preis, dass er sich mit Falcóns Ex mittlerweile verlobt hat. So kann aus einer sonnenverwöhnten, andalusischen Metropole ganz schnell eines der düstersten Flecken Erde werden. Aber Falcón ist gefestigt, sicherer seit den Enthüllungen aus seiner eigener Familie und sogar bereit für eine heiße Affäre...

Jedes Zahnrädchen greift ins andere

Robert Wilson wäre nicht Robert Wilson, wenn sich schlussendlich nicht doch alles anders und tiefgründiger als gedacht herausstellen würde. Das ist seine Stärke, da kann dem Briten so schnell keiner das Wasser reichen. Und Wilson wäre auch nicht Wilson, würde der Leser tatsächlich ein filmreifes Happy End vorgespielt bekommen.

Nein, hier geht es um eine äußerst gekonnt verwobene Mischung aus Realität und Fiktion. Alles könnte tatsächlich so sein, wie Wilson es beschreibt. Jedes Zahnrädchen greift ins andere, die Story läuft, der Plot funktioniert. Und zurück bleibt ein bitterer Nachgeschmack, die Offenbarung, was hinter dem schönen Schein einer so beeindruckend fröhlichen, prächtigen Stadt wie Sevilla schlummert, was übrig bleibt, wenn der Putz blättert.

Schonungslos reisst Wilson die kunstvoll aufgebauten, mit viel Schminke verzierten Fassaden ein, zeigt dem Leser die andere Seite und konfrontiert ihn mit aktuellen Problemen Europas, die gerne vergessen oder gar unter den Tisch gekehrt werden. Javier Falcón ist des Autors Instrument, diese "dunklen" Seiten ans Licht zu bringen. Darzustellen, wie korrupt, wie brüchig eine Demokratie sein kann. Und das völlig unabhängig davon, ob es sich um eine noch recht junge wie die spanische oder eine der bedeutendsten der Welt, die amerikanische, geht.

Globale Problematik, persönliche Schicksale

Doch Wilson klärt nicht mit der skandinavischen Holzhammer-Sozio-Methode auf. Seine Herangehensweise ist weitaus subtiler. Gekonnt verknüpft er persönliche Dramen, Tragödien eines Mikrokosmos, mit den "großen Themen", womit er genau das erreicht, was in seiner Intention stand: Der Leser grübelt, er rätselt, er hadert und er leidet mit. Die Charaktere, die Wilson in Der Blinde von Sevilla eingeführt hat, wachsen dem Leser in Die Toten von Santa Clara ans Herz. Und das ist Wilsons zweite Stärke, die Figurenzeichnung. Lebendig, glaubhaft, vielschichtig. Erste Klasse.

Trotz aller Punkte auf der Haben-Seite: Ganz ans Niveau vom Blinden kommt Wilsons Nachfolger nicht heran. Vielleicht liegt´s daran, dass sich der Brite hier mehr an einem Police-Procedural orientiert, dass die Ursachen der eigentlichen Taten realer und sogar etwas banaler sind. Vielleicht auch, weil Falcón souveräner geworden ist und der Wendepunkt seines Lebens schlicht schon erzählt wurde. Dafür rücken nun andere, aktuellere, Aspekte in den Vordergrund und machen Die Toten von Santa Clara etwas Mainstream-kompatibler.

Was dem Buch unterm Strich aber keinen Zacken aus der Krone bricht. Wilson spielt auch mit Falcón-Nr. 2 immer noch absolut in der Champions-League europäischer Krimi-Autoren. Ein Großteil der anderen muss zu ihm aufschauen.

Die Toten von Santa Clara

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