Der Blinde von Sevilla

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • New York: Harcourt, 2003, Titel: 'The blind man of Seville', Seiten: 434, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2004, Seiten: 639, Übersetzt: Kristian Lutze
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 639

Couch-Wertung:

93°
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Lars Schafft
Packende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau!

Buch-Rezension von Lars Schafft Mär 2005

Krimi-Couch-Volltreffer September 2004

Angst. Angst vor dem Wiedertreffen mit der Ex. Angst vor dem Kampf mit dem Stier in der Arena. Angst vor dem Feind im Schützengraben. Angst vor der Zukunft in einer stillen Minute. Angst vor der eigenen Vergangenheit in einer unüberlegten Reaktion. Angst vor sich selbst. Angst ist das alles beherrschende Thema in Robert Wilson´s drittem auf Deutsch erschienenem Roman Der Blinde von Sevilla. Mit welcher Perfektion der Brite diesen Krimi geschrieben und das Thema umgesetzt hat, sollte hingegen jedem anderen zeitgenössischen Krimiautoren Angst einjagen. An Wilson führt zur Zeit kein Weg vorbei.

Wer nicht sehen will, muss fühlen

Im südspanischen Sevilla geht ein Serienmörder um, der - gar nicht mal so wie vermutet - durch seine körperliche Brutalität die Menschen fesselt, sondern durch eine perfide psychologische Folter. "Der Blinde", wie ihn die Presse bald betiteln soll, zwingt seine Opfer dazu, sich genau die Dinge vor Augen zu werfen, die sie am liebsten vergessen hätten, die sie aus ihrem Leben bannen wollten, vor denen sie sich am meisten fürchten, für die sie sich am meisten schämen. Natürlich, der Killer hilft nach: fesselt seine Opfer an Stühle, schneidet ihnen die Augenlider ab. Wer nicht sehen will, muss fühlen. Wer das gesehene nicht ertragen kann, stranguliert sich selbst.

Wie Raúl Jiménez, einer der Bau- und Restaurantmogule Sevillas. Javier Falcón, so heißt der ermittelnde Kommissar, trifft der erste Mord hart. Was mit körperlichem Unbehagen beginnt, entwickelt sich für den ohnehin schon Leid geplagten Falcón zu einer persönlichen Jagd nach der Unbekannte in der eigenen Vergangenheit, zu einem ganz persönlichen Strudel, der ihn immer weiter hinab zu ziehen droht.

Je mehr der Killer den Kommissar beherrscht, desto mehr fesselt "Der Blinde" den Leser

Doch bevor Robert Wilson seine Klasse zeigen kann, droht Der Blinde von Sevilla ein recht gewöhnlicher Serialkiller-Roman zu werden. Der Ermittler auf eigener Faust, da er weder mit den tölpelhaften wie ehrgeizgen Kollegen noch mit der Exfreundin klar kommt. Der Mörder, der den Polizisten eine Botschaft hinterlassen möchte. Die mehr als offensichtlich falsche Fährte, die für die Morde ein ganz banales Motiv mitbringt (Geldgier) - und sich natürlich als absolut falsch erweist. Doch an diesen "Basics" hält sich Wilson glücklicherweise nicht lange auf. "Der Blinde" packt den Leser in gleichem Maße fester, wie der Killer Kommissar Falcón beherrscht. Und je näher Falcón seinen Vater kennenlernt.

Francisco Falcón war nämlich beileibe kein unbeschriebenes Blatt, nicht nur ein erfolgreicher Maler, nicht nur der stadtbekannte Künstler, dessen Ruf dem seines Sohns immer weit vorauseilt. Francisco Falcon hat eine dunkle Vergangenheit, wie der Killer dem Kommissar durch die Morde mitteilt. Und Javier, findet tatsächlich, worauf ihn der Mörder stoßen will. Und besiegelt damit fast sein eigenens Schicksal.

Die Tagebücher des Francisco Falcón

Bruch in der Erzählweise. Aus der spannend und detailliert beschriebenen Ermittlungsarbeit in Sevilla während der "Semana Santa" springt Autor Wilson nun abwechselnd in Ort und Zeit. Francisco Falcón hat ein bewegtes und hartes Leben hinter sich. Als spanischer Fremdenlegionär an der Seite Nazi-Deutschlands im Kampf in Russland. Als Lebemann im heute marokkanischen Tanger - zwischen Kunst und Drogen, Ehefrau und kleinen Jungs. Nein, dieser Falcón war nun wirklich nicht der Vater, für den ihn Javier gehalten hat. Seite um Seite, Tagebuch um Tagebuch verfliegen, bringen Javier Falcón der Aufklärung der Morde des "Blinden" aber nicht näher - allerdings der eines Verbrechens, das gesetzlich sicherlich verjährt ist, dessen Folgen aber gerade für den spanischen Kommissar verheerend sein werden.

Und genau hier zeigt sich die wahre Finesse, dieser grandiose Aufbau, diese hochkarätige Erzähltechnik. Das ist es, was Der Blinde von Sevilla zu einem der besten Krimis der letzten Jahre macht. 600 Seiten und kein bisschen Langeweile. Fundiert recherchiert bringt Robert Wilson, der ein Faible für Europas dunkelste Zeiten zu haben scheint (siehe Tod in Lissabon), ein Stück hispanischer Geschichte zum Leben, das den wenigsten Lesern überhaupt bekannt sein dürfte. Intelligent kombiniert er zwei Erzählstränge, die gute fünfzig Jahe auseinanderliegen, zu einem Plot, der manch politisch "aktuellen" Kriminalroman in die zweite Reihe degradiert. Das ist packende Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau!

Franco, Bürgerkrieg und Stierkampf

Doch Der Blinde müsste und sollte auch den ein oder anderen ärgern. Richtig ärgern sogar. Jeden Verlag, an dem dieser Robert Wilson vorbeiging. Jeden spanischen Autoren, da Wilson gezeigt hat, wie ur-iberische Geschichtsaufklärung sensibel, unterhaltsam und klischeelos in der Literatur funktionieren kann. Wie ebenso ur-spanische Motive wie die "Semana Santa" oder der Stierkampf Einzug in den Krimi finden können. Und schließlich wird dieser Roman jeden Leser ärgern - jeden, der seine Zeit mit anderen, immer gleich gestrickten, Serienmörder-Romanen vertan hat. Sei´s drum. Wir drücken Robert Wilson die Daumen, dass er noch viele mit seinen Werken ärgern wird. Auch wenn wir selbst wieder dazugehören werden, wenn wir uns morgens über tiefe Augenränder beklagen - und uns trotzdem beim Briten für diesen hochklassigen Roman herzlich bedanken: Muchas gracias, Señor Wilson!

Der Blinde von Sevilla

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