Leichen zum Fest

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Rotbuch, 2000, Seiten: 245, Übersetzt: Bettina Zeller

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Michael Drewniok
Ein verlorener Sohn kehrt heim

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2004

Weihnachten in New Orleans, der Metropole des US-amerikanischen Südens, und dieses Jahr kommt das Christkind endlich auch einmal zum alten, kranken und verbitterten, aber immerhin schwerreichen Cyril Jessup. Seit vor mehr als einem Vierteljahrhundert sein einziger Sohn Gerald in Vietnam umkam, lebt Mr. Jessup zurückgezogen und sucht Trost in der Arbeit, während seine Gattin in einen milden Wahnsinn geflohen ist.

Aber jetzt steht plötzlich ein junger, höchst ansehnlicher Mann mit Namen Glen Watley vor ihm, der behauptet, sein Enkel zu sein. Weil dies verständlicherweise auf einigen Unglauben stößt (besonders bei Jessups Großneffen Andrew, der sich eingedenk des attraktiven Erbes seit Jahren als Faktotum vom wenig umgänglichen Onkel herum stoßen lässt und Konkurrenz schwerlich zu schätzen weiß), hat Glen nicht nur ein Foto seiner Eltern sondern gleich das Ergebnis einer Labor-Analyse bei sich, die ihn als Träger der Jessupschen DNA ausweist. Jungkrieger Gerald hat seine letzten Tage vor der für ihn so ungünstig verlaufenden Dienstreise nach Vietnam offenbar in der anregenden Gesellschaft einer Striptease-Tänzerin verbracht und ihr ein ganz besonderes Andenken hinterlassen ...

Ein Kuckuck im Christbaum-Nest?

Glens Geschichte ist abenteuerlich, aber der alte Jessup glaubt ihm - will ihm einfach glauben. Mit offenen Armen begrüßt den verlorenen Sohn (bzw. Enkel). Nun will er Glen sogleich offiziell in die High Society von New Orleans einführen. Dieses Debüt soll die bekannte Gesellschaftsjournalistin Margo Fortier organisieren. Zufällig ist auch sie auf Glens Erinnerungsfoto zu sehen - wie dessen Mutter arbeitete Margo nämlich in jungen Jahren in denselben miesen Striptease-Schuppen. Sie kann sich sogar dunkel an Gerald erinnern.

Einen gewissen Schatten wirft indes der Mann in Glens Begleitung auf die Wiedersehensfeier: Der junge Chazz ist eindeutig kein Vertrauen erweckender Charakter. Außerdem ist er schwarz, was beim alten Jessup, dessen körperliche Gegenwart seinem Weltbild etwa fünfzig Jahre voraus ist, hässliche Seiten zum Vorschein bringt. Chazz gibt sich ungerührt Hinter seiner rauen Schale verbirgt sich allerdings ein geschliffener Kern. Er spielt den Galgenvogel aus dem Ghetto offensichtlich nur: Was könnte sein Motiv sein?

Diese Frage wird allerdings nebensächlich. Während der glanzvollen Feier, in deren Mittelpunkt Glen steht, wird ein raffinierter Mordanschlag auf den alten Jessup verübt, der nur zufällig fehlschlägt Da Margo vom Mörder als Instrument seiner Tat missbraucht wurde, besinnt sie sich auf ihre schon mehrfach unter Beweis gestellten detektivischen Fähigkeiten. Diese werden rasch gefordert, denn schon bald schlägt der Mörder wieder zu, und dieses Mal hat er mehr Glück ...

Santa Claus Is Boring the Town ...

Tony Fennelly gehört zu jenen Schriftstellern, denen bisher der echte Durchbruch versagt blieb. Dass mit Leichen zum Fest nun bereits ihr achter Roman in Deutschland erscheint, steht dazu durchaus nicht im Widerspruch. Hier haben wir es mit dem seltenen Fall zu tun, dass ein deutscher Verlag einen Narren an einer US-amerikanischen Autorin gefressen und sogar diejenigen Titel veröffentlicht hat, für die sich in ihrer Heimat kein Verleger fand.

Leichen zum Fest - Nummer 5 der Margo Fortier-Serie - ist daher eine Welt-Erstausgabe! Schön für Tony Fennelly, aber weniger erfreulich für den Leser, wie sich bald herausstellt, denn der angebliche Kriminalroman entpuppt sich als plan- und witzlose Zumutung. Der dünne Plot vom bösen Kuckuck, der den alten Onkel beerben will, ist für die Autorin nur Mittel zum Zweck. Ihr eigentliches Anliegen ist offenbar (wirklich deutlich wird es nie) eine in New Orleans spielende Neuauflage der Weihnachtsgeschichte à la Charles Dickens, die Spannung mit Herz verbinden soll. Das liefert die Entschuldigung für endloses Geschwätz über das Fernsehen, bargeldlosen Zahlungsverkehr, das Phänomen Lady Di, die Clinton-Levinsky-Affäre und ähnliche Nichtigkeiten, die rein gar nichts mit der Geschichte zu tun haben und sie auch nicht weiter bringen. Selbst wenn man dies Passagen als anekdotische Abschweifungen betrachten möchte, sind sie einfach nur langweilig.

Zeitreise zurück in banale Zeiten

Weil Fennelly offenkundig keine Ahnung hat, was sie in ihrem neuen Buch eigentlich erzählen will, greift sie auf ihre übliche Reserve zurück und erzählt Margo Fortier-Striptease-Geschichten aus den Wilden Siebzigern. Im Land der unbegrenzten Komplexe scheint es der Hit in (Milch-)Tüten zu sein, in schummrigen Bars barbusige Schönheiten beim ungelenken Tanz auf kargen Miniaturbühnen zu beobachten. Besonders wichtig ist es den Amerikanern dabei, eventuell aufkommende erotische Regungen schon im Keim zu ersticken. Tony Fennelly möchte nun zusätzlich eine Lanze für besagte Tänzerinnen brechen; sie schildert sie als ganz normale, bodenständige, hart arbeitende, anständige amerikanische Mädchen, die einander schwesterlich im alltäglichen Kampf gegen die groben, unsensiblen Kerle, die Sittenpolizei und die knickrigen Barbesitzer beistehen, und setzt doch unverhohlen auf den schwiemeligen Oh la la! -Effekt der ach so verworfenen Rotlichtszene von New Orleans.

Mehr als einhundert Seiten des Mittelteils plätschern bei dem Versuch dahin, die junge Margo Fortier von 1970 der etablierten Mittfünfzigerin von 1998 gegenüber zu stellen. Fennelly konterkariert Margos Handlungen und Gedanken einst und jetzt und möchte dem Kontrast Unterhaltungswert abringen - vergeblich, denn die hölzerne Penetranz, mit der sie die Vergangenheit heraufbeschwört, indem sie beispielsweise ihre Figuren zu jedem Lebensmittel, das durch ihre Hände geht, den Kaufpreis Anno 1970 nennen lässt, oder ihnen didaktische Plattheiten über den Vietnamkrieg, die Rassendiskriminierung oder die aufkommende Frauenbewegung in den Mund legt, tötet jede Illusion: Tony Fennelly dreht keineswegs das Rad der Geschichte zurück, sondern reitet auf der Flower-Power-Nostalgie-Welle, und das denkbar ungeschickt. Das ganze Elend fließt in der Figur des Gumbo-Kowalskis Sostenne zusammen. Der animalisch-dampfende Cajun-Macho aus den Sümpfen wurde von der Autorin anscheinend sogar bewusst als Parodie angelegt, doch nichts ist furchtbarer als ein Scherz, über den der Erzähler selbst am lautesten lacht!

Tiefschläge mit der Toleranz-Keule

Dem endlosen Trauerspiel aufgepfropft werden - wieder ganz im Geist der Weihnacht - zahlreiche schmalzige Gutmenschen-Geschichtchen, die Fennellys unseligen Drang dokumentieren, sich für die geknechteten Minderheiten dieser Welt einzusetzen, wobei es sichtlich Nebensache ist, was diese davon halten mögen. Seid also gut zu Schwarzen, Schwulen, Frauen, denn sie sind Menschen wie du und ich; eigentlich sogar die besseren - schön und gut, wenn bei Fennelly solche Appelle nicht stets in unbedarften Holzhammer-Humanismus ausarten würden.

Die Liste der Kritikpunkte ließe sich ohne Schwierigkeiten verlängern, aber es soll genug sein. Bleibt abschließend die Frage, wieso Leichen zum Fest trotz der nur zu offensichtlichen formalen wie inhaltlichen Mängel vom sonst so zuverlässig für soliden bis unkonventionellen Krimispaß sorgenden Rotbuch Verlag auf den Markt gebracht wurde. Dafür muss man wohl eine eigentümliche Mischung aus Geschäftstüchtigkeit, dem Wissen um den deutschen Krimileser als Gewohnheitstier und dem Hang zu naiven Weltverbesserungs-Propheten verantwortlich machen.

Eine Lektion in Leserfang

Heißt: Wo vier Margo Fortier-Bände ihr Publikum fanden, wird gewiss auch Nummer fünf unabhängig vom Unterhaltungswert ansehnliche Verkaufszahlen schreiben. Außerdem sind Fennellys Romane irgendwie alternativ und politisch korrekt (der Minderheiten-Bonus! - siehe oben). Den Ritterschlag als mutige Stimme der Geknechteten hat sie spätestens dann erhalten, als ihr die bösen kapitalistischen Verleger Ende der 80er Jahre angeblich den Ankauf weiterer Matt Sinclair-Thriller (das war Fennellys erster Serienheld) verweigerten, weil die vom Aids-Schreckgespenst vergrätzten Amerikaner keine Krimis mit einem schwulen Detektiv mehr lesen mochten. Schande über diese Heuchler! - und Verpflichtung wie Ehrensache für einen einst dem linksintellektuellen Kampf gegen das Establishment geweihten deutschen Kleinverlag (heute zur Europäischen Verlagsanstalt gehörend ...), hier in die Bresche zu springen!

Da ist es natürlich ketzerisch, die Frage zu stellen, ob besagte Verleger in den USA nicht primär deshalb die Finger von neuen Fennelly-Werken lassen, weil sie nüchtern erkennen, was der Rotbuch-Verlag hartnäckig negiert: Fennelly-Krimis sind einfach - mit Verlaub gesagt - beschissen ...

Leichen zum Fest

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Letzte Kommentare:
06.10.2006 20:58:27
Mats

Der letzte Roman, der von Tony Fennelly in Deutschland erschien und gleichzeitig ein absoluter Tiefpunkt in dem Werk der Autorin.

Was am Anfang noch witzig war, ist nur noch banal, langweilig und peinlich.

In den USA findet sie keinen Verlag und auch Rotbuch wird in Zukunft wohl ein Bogen um sie machen.

Zu mal die Autorin auf tolerant macht, aber gleichzeitig gerne mal rassistische Züge oder Vorurteile durchkommen lässt.

Ihre Romane um den schwulen Matt Sinclair bewiesen es, in jedem Buch besteigt der schwule Held mit dem Fast-Knaben als Lover eine Frau. Und natürlich wird Margo Fortier nur noch von Hund oder schwulem Alibi-Mann vom Auto ins Haus geführt, man weiß ja, was man von der Nachbarschaft zu halten hat.

Immerhin war die Autorin so ehrlich (oder dumm) zu zugeben, dass sie die Matt-Sinclair-Reihe schrieb, weil es sich gut verkaufen ließ, ansonsten könne sie mit Schwulen nichts anfangen.

Somit ist \'Leichen zum Fest\' eigentlich ein gebührendes Ende einer schlechten Autorin.