Kein Ort zum Sterben

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: Blanvalet, 2004, Seiten: 380, Übersetzt: Carsten Mayer, Originalsprache

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Jörg Kijanski
Jim Kelly ist für alle Fans englischer Krimis Pflicht

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2004

England, Kleinstadt Ely, 1976: Beim Absturz eines Flugzeuges in unmittelbarer Nähe einer kleinen Farm sterben bis auf Maggie Beck und ein kleines Baby alle Passagiere. Ihre Eltern sowie ihr eigenes Baby finden in dem Inferno ebenfalls den Tod.

Ely, Juni 2003: Seit nun schon vier Jahren liegt Laura, die Ehefrau von Reporter Philip Dryden, im Koma. Einen Monat ist es her, dass auch Maggie, die viele Jahre im Haus der Drydens gewohnt und gearbeitet hat, nun ebenfalls im gleichen Zimmer des Krankenhauses liegt wie Laura. Sie leidet an Krebs im Endstadium und bittet Dryden um Hilfe bei der Suche nach ihrer Tochter Estelle und deren Freund, dem amerikanischen Piloten Lyndon Koskinski, die seit einigen Tagen verschwunden sind. Als Dryden alte Zeitungsberichte über den damaligen Flugzeugabsturz durchgeht, stellte er fest, dass Lyndon Koskinski jenes Baby war, welches seinerzeit von Maggie gerettet wurde. Kurz vor ihrem Tod will Maggie ihm und Estelle die Wahrheit über die damaligen Ereignisse erzählen.

Dryden erklärt sich bereit Maggie zu helfen. Dabei interessiert ihn vielmehr ein aktueller Fall an dem die Polizei von Ely arbeitet. Eine junge Frau wird seit einigen Tagen vermisst als plötzlich pornografische Fotos von ihr auftauchen. Diese müssen in einem der rund 150 Bunker der Region gemacht worden sein. Die Fotos selber konnte die Polizei bei einer Razzia illegaler Einwanderer sicherstellen.

Dryden muss nun an drei Fronten gleichzeitig recherchieren und als sich zumindest die ersten beiden "Storys" aufzuklären scheinen, entdeckt der Reporter, dass es zwischen all diesen Ereignissen einen Zusammenhang zu geben scheint. Hat Maggie kurz vor ihrem Tod doch nicht die ganze Wahrheit erzählt? Drydens Ermittlungen beginnen nahezu von vorne, da entdeckt er in einem der Bunker die Leiche eines Mannes...

Die ersten beiden Erzählstränge (Suche nach Estelle und Lyndon sowie der vermissten jungen Frau) lösen sich in recht enttäuschender Weise auf, wenngleich mit jeweils plausiblen Erklärungen. Diese Entwicklung gibt dem Plot zunächst nach über einem Drittel der gesamten Story einen empfindlichen Dämpfer, da der gut aufgebaute Spannungsbogen doch zu simpel in sich zusammen zu fallen droht. Damit der Leser an dieser Stelle aber nicht, irritiert von einem derart unspektakulären Konstrukt, Gefahr läuft, das Buch verärgert aus der Hand zu legen, hat Jim Kelly bereits einige neue Spuren ausgelegt, die unbedingt erkundet werden wollen. Dies gelingt dem Autor durch einen grandiosen Erzählstil, der einerseits ruhig und unscheinbar daherkommt, gleichwohl aber immer pointiert neue Ereignisse in Szene setzt.

 

"Dryden spürte, wie der Creme de Menthe sich in seinen Eingeweiden häuslich einrichtete."

 

In scheinbar epischer Breite wird das Verhältnis von Dryden zu seiner im Koma liegenden Laura ausgewälzt, wird die Umgebung von Ely haarklein durchgekaut und dann, ganz plötzlich, "überschlagen" sich die Geschehnisse. Zumindest für einen Augenblick, der den Leser dann eben doch zwingt, auch das nächste Kapitel noch lesen zu müssen. Ein recht eigenwilliger Pageturner könnte man sagen, der in der zweiten Hälfte aber deutlich an Fahrt gewinnt.

Ein Vater auf der Suche nach seiner Tochter verschwindet spurlos. Ein illegaler Einwanderer wartet sehnsüchtig auf die ebenso illegale Einreise seines ältesten Sohnes. Der Porno- und Einwandererring der Stadt Ely sieht sich plötzlich mehreren Gegnern gegenüber. Und zu "guter" Letzt brechen für Estelle und Lyndon gleich mehrere Welten in sich zusammen und das, obwohl Lyndon als Pilot der RAF nach einem Abschuss im Irak (mit anschließender Folter) glaubt, schon alle erdenkbaren Schicksalsschläge erlitten zu haben. Doch die Gegenwart hält noch einige grausame Geheimnisse vor, welche alle mit den dramatischen Ereignissen aus Maggies Vergangenheit zusammen hängen.

Ein großartiger Plot, der von Jim Kelly ebenso erzählt wird. In vielen kleinen Schritten ermittelt Dryden und wird immer tiefer in die Familiengeschichte der Maggie Beck hinein gezogen. Und je mehr er entdeckt, desto länger hält der Leser den Atem an, fiebert und fürchtet mit Estelle und Lyndon mit, wenngleich am Ende des Buches vielleicht doch ein "Tick" zu sehr überzogen wird. Dennoch, die Charaktere sind gut gelungen und die Darstellung von Ely und Umgebung verleihen dem Roman eine beeindruckende Atmosphäre. Ein Beispiel hierfür ist Drydens Frau Laura, die, reglos im Koma liegend ihr Dasein fristet und gleichwohl ständig präsent ist. Ein diesbezüglicher Verweis auf die Rezension zu Kellys Debüt Tod im Moor sei in diesem Zusammenhang erlaubt.

Wer Val McDermids Ein Ort für die Ewigkeit verschlungen hat oder von Reginald Hills Das Dorf der verschwundenen Kinder begeistert war, mussKein Ort zum Sterben lesen.

Kein Ort zum Sterben

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Letzte Kommentare:
30.09.2009 10:28:58
Bibliophagos

Wer mal wieder ein Buch lesen möchte, welches mit vielen Zeit- und Gedankenebenen arbeitet, sodass man am Ende gar nicht weiß, wie alles zueinander passt, der ist mit diesem Buch bestens bedient.
Alldieweil schleicht sich auch noch eine langweilige Handlung ein, die ihres gleichen sucht. Für die gute Übersetzung gibt es Punkte.
Gesamturteil: 10 Grad

05.09.2007 21:59:43
Pia-Lotta

als ich mit dem Buch begann, war ich die ersten hundert Seiten erst einmal enttäuscht. So viele Leser haben so viel Positives darüber berichtet, und ich fand es irgendwie langweilig. Dryden war schon ein nette Person, Humphry ist einfach toll ( auch wenn er nicht viel zu sagen hat) , aber die einzelnen Handlungsstränge haben anfangs wenig miteinander zu tun. Deswegen fand ich es ziemlich zäh. Nachdem aber die Geschichten immer mehr zu einander fanden, wurde das Buch richtig gut und überraschte noch mit ein paar Wendungen. Sollte ich noch mal ein Buch von Kelly lesen, weiß ich mit dem Stil des Autors besser umzugehen . Alles in allem ein gutes Buch.

06.07.2006 16:43:03
Ulli

Der Schreibstil ist zwar nicht schlecht, aber ich habe mich durch das Buch gequält. Die Ausgangssituation klingt gut, aber letztlich: Keinerlei Spannungsbogen, einen irgendwie gleichgültig lassende Personen...

Ich hatte das Gefühl, daß da jemand gute Voraussetzungen zum Schreiben mitbringt, das Ganze aber völlig falsch anpackt. Schade.