Tod im Moor

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • London: Michael Joseph, 2002, Titel: 'The Water Clock', Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2003, Seiten: 384, Übersetzt: Carsten Mayer

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Michael Drewniok
Spannend und düster, aber mit trockenem Witz erzählt

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2004

Ely ist eine Stadt in der Provinz der südenglischen Grafschaft Cambridgeshire. Geprägt wird es von den nahen Sümpfen des Great West Fen, das die Landschaft besonders im Winter trostlos und verlassen wirken lässt. Der Journalist Philip Dryden, der für den "Crow", ein ums Überleben kämpfendes Blättchen, arbeitet, hasst die trübe und kalte Jahreszeit ganz besonders. Vor zwei Jahren wurden er und seine Frau in ihrem Wagen von der Straße in einen Entwässerungskanal abgedrängt. Dryden wurde von dem unbekannten Fahrer gerettet, der Laura jedoch im halb überfluteten Wrack zurückließ. Auch sie konnte später noch lebend geborgen werden, liegt aber seither im Koma.

Nun steht Dryden am Ufer des kleinen Flusses Lark und beobachtet, wie die Polizei wieder ein Auto aus dem Wasser zieht. Ein Versicherungsbetrug, so wirkt es zunächst - bis im Kofferraum die in einen Eisblock eingefrorene, fast geköpfte Leiche eines Mannes entdeckt wird. Ein Glücksfall für den Journalisten, Pech für Detective Sergeant Andy Stubbs, der wegen einer peinlichen dienstlichen Fehlleistung ohnehin unter Druck steht.

Die Leiche aus dem Kofferraum

Vollends rätselhaft wird die Sache durch einen neuen Fund: An einer steinernen Wasserspeier-Figur auf dem Dach der Kathedrale von Ely lehnt ein menschliches Skelett! Ein kleiner Ganove hat hier schon vor über drei Jahrzehnten ein unschönes Ende genommen. Mit zwei Kumpanen hatte dieser Thomas Shepherd Anno 1966 eine Tankstelle überfallen und die Besitzerin durch einen Schrotschuss ins Gesicht schwer verletzt und auf ewig entstellt. Kurz nach der Tat war das Trio verschwunden - untergetaucht, wie die Polizei vermutete, doch nun taucht es wieder auf: buchstäblich, denn auch die Leiche aus dem Kofferraum gehörte zu der Bande!

Wer ist es, der nach so vielen Jahren Rache übt - und wieso? Für Dryden wird das Rätsel zur persönlichen Odyssee in die verhasste Vergangenheit, denn es sieht so aus, als ob es da auch noch Verbindungen zu jenem Unfall gibt, der sein Leben nachhaltig beeinflusste...

Selten gelingt es einem neuen Autoren, seine Leser wie seine Kritiker gleichermaßen schon auf den ersten Seiten eines Romans in den Bann zu ziehen. Jim Kelly gehört eindeutig zu den Ausnahmen. Tod im Moor ist nicht nur ein gelungenes Debüt, sondern ein wunderbarer Krimi, bei dem fast alles stimmt.

Der Plot beginnt verheißungsvoll und bleibt es lange auch. Wer hätte gedacht, dass es in Sachen Mord und Totschlag noch Variationen gibt, die sich nicht auf immer detailfreudigeren Metzelszenen beschränken? Als Leser möchte man unbedingt wissen, was hinter den absurden Leichen-Präsentationen steckt. Die Spannung wird vom Verfasser kräftig und mit Ausdauer geschürt. Allerdings merkt der erfahrene Leser nach etwa 150 Seiten doch, wie der Hase laufen wird.

Ein zweiter Handlungsstrang rankt sich um das persönliche Schicksal des Philip Dryden. Auch dieses Rätsel interessiert, zumal sich bald herausstellt, dass es zwischen den Morden und dem Unfall, der Gattin Laura ins Koma warf, einen Zusammenhang gibt.

Klassisch in dunkler, kalter Nacht

Das Finale findet ganz klassisch in dunkler, kalter Nacht auf dem Höhepunkt einer grandiosen Überschwemmungs-Katastrophe statt. Kelly demonstriert, dass er auch von der Kunst der verzögert auf die Spitze getriebenen Enthüllung des Schuldigen etwas versteht. An Spannung und Logik lässt dieses Ende jedenfalls nichts zu wünschen übrig.

Quasi eine weitere Dimension gewinnt Tod im Moor durch die intensiven Landschaftsbeschreibungen. Der Verfasser bedient sich einer Kulisse, die er kennt, denn Ely in Cambridgeshire existiert wirklich und Kelly ist ein Bürger dieser Stadt. Ob deren Honoratioren recht glücklich mit seiner Schilderung werden, kann nicht beantwortet werden. Kelly schont seine Heimat jedenfalls nicht bzw. nutzt die Gelegenheit, offenbar reale Missstände in der örtlichen Politik für seine Geschichte (verfremdet?) aufzugreifen.

Philip Dryden ist zwar ein Journalist, doch ohne jene klischeelastigen Züge, die im Roman oder im Film gern den Mitgliedern seines Standes zugeschrieben werden. Statt dessen ist er ein Mensch, der gern Neuigkeiten recherchiert und berichtet. Das ist ein Job wie jeder andere und meist ohne Glanz, was Dryden glaubhaft zu einem ganz normalen Zeitgenossen werden lässt, dem sein Beruf die für diesen Krimi sehr nützliche Beweglichkeit verschafft. Ganz natürlich lässt sich Dryden an den Brennpunkten von Ely sehen.

Alles andere als ein Held

Auch Andy Stubbs ist alles andere als ein Held. Ein dummer Fehler ist ihm, der ausgerechnet der Sohn eines hohen Polizeibeamten ist, unterlaufen. Das wird sich ungünstig auf seine ohnehin wenig versprechende Karriere auswirken. Wie er sich der Herausforderung trotzdem zu stellen versucht (und permanent scheitert), ist für den Leser wiederum eine Freude zu verfolgen.

Stets präsent, obwohl ohne Bewusstsein ist Laura Dryden. Sie tritt in kurzen Rückblenden auf, welche die Tragödie ihres Schicksals um so deutlicher hervorheben. Für die Handlung ist sie wichtig, weil sie Philip Dasein und Denken in allen Bereichen beeinflusst und ihn als Figur kräftig formt.

Die übrigen Figuren: typische, boshaft karikierte Kleinstadt-Politiker, Miniatur- Wirtschaftszaren und andere selbst ernannte Mitglieder provinzieller Eliten - Karrieristen und Wichtigtuer, wie sie jeder Bürger einer ähnlichen Stadt kennenlernt, sobald er die Tageszeitung aufschlägt. Daneben gibt es liebevoll in Szene gesetzte Exzentriker und Verlierer wie den scheidungsgeschädigten Fahrer Humphrey, der in seinem antiken Taxi wohnt, oder Pfarrer Tavanter, der einst den unseligen Entschluss fasste, seine Gemeinde von der Kanzel herab von seiner Homosexualität zu informieren. Drydens Kollegin Kathy Wilde hat ihr eigenes psychisches Päckchen zu tragen, die immerhin stattfindende Liebesgeschichte endet realistisch unerquicklich.

Tod im Moor

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Letzte Kommentare:
02.08.2008 09:55:17
wendelin

Sicherlich kein Mainstream-Thriller sondern ein solider englischer Krimi. Spannend, humorvoll und sprachlich schön.

Die Moorlandschaft um Cambridge (man spürt dass Jim Kelly dort fest verwurzelt ist) und der wortkarge Taxifahrer sind für mich weitere Highlights diese Krimis.

Und wieso ist der Held nicht sympatisch? Von Beruf Journalist, wie der Autor selbst, etwas düster aber durchaus glaubhaft.

Ich habe mich auf keiner Seite gelangweilt.

26.03.2008 15:00:46
engelmicha

Kann mich Michael Drewniok nur nur anschliessen.
Für mich wirklich ein Treffer. Da stimmt fast alles: die Charaktere, die Story, der "Held", witzig bis zynisch Stil. Nur die Spannung lässt gegen Ende etwas nach. Kann diesen Lesespass trotzdem uneigenschränkt empfehlen. Hätte ich einem Financial Times Journalisten nicht zugetraut.

28.01.2008 15:53:05
Luca

Ich muss mich den schlechten meinungen anschließen.
Ich geb zu,ich hab das Buch nicht bis zum ende gelesen,aber das was ich gelesen habe reicht mir.
Ein unsympatischer Hauptcharakter+null spannung=30%

12.07.2007 18:14:27
Anja S.

Ich habe diesem Buch nun doch noch einmal eine letzte Chance gegeben. Vielleicht liegt es daran, dass ich momentan Urlaub habe, jedenfalls hat dieses Buch mir jetzt deutlich besser gefallen. Sehr trockener Witz, exzentrische Charaktere und auch einigermasen spannend.

13.06.2007 22:49:07
Uwe E.

Puh, das ist erst das dritte Buch in meinem Leben, das ich NICHT zu Ende gelesen habe. Nach ca. 150 Seiten habe ich entnervt aufgegeben. Selten hat mich die Fabulierkunst eines Autors derart kribbelig in negativsten Sinne gemacht. Und die Darstellung der Personen - uneinheitlich, nicht glaubwürdig, aufgesetzt. So benimmt sich kein Mensch! Da hilft es auch nichts, das Val McDermid, die ich sehr schätze, diesen Roman als einen der gelungensten Erstlingswerke hält.

02.12.2006 01:42:11
Anja S.

Ich kann mich diesen Lobeshymnen nun leider wirklich nicht anschliessen. Mich hat dieses Buch so dermassen gelangweilt, dass ich aufgegeben habe. Schwer zu lesen, wenig Spannung bzw. gewaltige Langeweile. Schade um die Zeit.