Das Zeichen des Fremden

  • Heyne
  • Erschienen: Juli 2025
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- Die Rekke-Vargas-Reihe 3

- Hardcover

- 500 Seiten

Das Zeichen des Fremden
Das Zeichen des Fremden
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Thomas Gisbertz
70°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2025

Wenig spektakuläres Ende der Trilogie.

Santander an der spanischen Nordküste, Juli 1988: Die 20-jährige Sandra Ramirez wird zu Beginn der Semana Grande, der alljährlich stattfinden Fiesta, brutal ermordet. Der Tathergang erinnert an eine Novelle, die die literarisch begabte junge Frau selbst verfasste. Der Täter konnte damals nicht ermittelt werden.

Stockholm, 2008: Zwanzig Jahre nach dem brutalen Mord wendet sich der damalige spanische Ermittler an den genialen Psychologen Hans Rekke und bittet ihn um Hilfe, da ihm der Fall keine Ruhe lässt. Gemeinsam mit der Polizeibeamtin Micaela Vargas untersucht Rekke den Cold Case. Bald sind beide davon überzeugt, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun haben. Der ungelöste Mord an der spanischen Studentin weist erschreckende Parallelen zu weiteren Fällen auf: Die Körper der Opfer sind mit Zeichen versehen, die scheinbar eine Reihenfolge ergeben. Eine erste Spur führt ausgerechnet nach Schweden ins Herz der Stockholmer Literaturszene, in der sich tiefe Abgründe und Lügen auftun. Doch diesmal scheint Rekke von seiner eigenen Hybris geblendet auf der falschen Spur zu sein.

Schluss der Trilogie

„Das Zeichen des Fremden“ bildet den Abschluss der Stockholm-Reihe um den Psychologen Hans Rekke und die junge, ehrgeizige Polizistin Micaela Vargas. Autor David Lagercrantz orientiert sich dabei wie gewohnt am bekannten Detektiv Sherlock Holmes. Der schwedische Autor versucht, dem „alten Sherlock“ neues Leben einzuhauchen, was leider nur bedingt gelingt. Während die Figurenzeichnung besonders des extravaganten Hans Rekke weitestgehend zu gefallen weiß, besitzt der Plot seine Schwächen. Dem Roman fehlt insgesamt die Genialität der literarischen Vorlage. Wie in den Bänden zuvor lösen Rekke und Vargas den Fall von zuhause aus, indem sie alte Akten studieren und auf soziale Medien sowie Internet zurückgreifen.

Das Buch wechselt zwischen zwei Zeitebenen: Der Leser begleitet die Literaturliebhaberin und heimliche Schriftstellerin Sandra Ramirez an ihrem letzten Tag in Santander sowie Rekke und Vargas auf ihrer Spurensuche im Stockholmer Literatenzirkel. Dabei entfaltet sich die Geschichte eines Serienmörders, dem es mit seinen sadistischen und manipulativen Kräften einst gelang, seinen besten Freund glauben zu machen, er sei sein Komplize. Die beiden Männer verbindet somit ein dunkles Geheimnis. Mehr noch: In den verdrängten Erinnerungen glaubt der Freund sogar, er sei derjenige, der den brutalen Mord begangen hat. Es entsteht ein Strudel aus Scham und Schuld, dem dieser nicht mehr entkommen kann.

Pontus Bremer, ein erfolgreicher, aber auch von sich überzeugter Schriftsteller, findet mithilfe von Sandras - posthum veröffentlichter - Kurzgeschichte wichtige Hinweise. Und als Rekke sich deswegen unter dem Vorwand, seine gelösten Fälle zu veröffentlichen, an einen gleichermaßen bewunderten wie verhassten Literaturagenten wendet, glaubt er, das Rätsel um den Mörder gelöst zu haben. Doch auch ein Hans Rekke scheint sich irren zu können.

Etwas viel gewollt

Es ist wirklich unterhaltsam, den Gedankengängen des exzentrischen, aber cleveren Hans Rekke zu folgen. Auch arbeitet der Autor das diabolische Spiel des Täters psychologisch fein heraus. Nicht nur dabei muss man als Leser ständig zwischen Schein und Sein, Realität und (literarischer) Fiktion abwägen.

Der Roman hat aber auch sein Schwächen. Lagercrantz ist sichtlich bemüht, dem Ganzen einen literarischen Anstrich zu verpassen, indem er die Handlung im Kreise der Stockholmer Literaturszene spielen lässt und der kurz vor dem Tod vollendete Novelle des Opfers eine wichtige Rolle zuweist. Auch in der Parallelhandlung, bei der es um die Vorgeschichte bis zur Ermordung geht, werden nicht nur Autoren und deren Romane diskutiert, sondern auch inhaltliche Bezüge hergestellt. Diese Intertextualität hat zwar ihren ganz eigenen Charme, bringt die Handlung aber nicht weiter.

Auch die Recherche ist so banal wie einfach: Rekke und Vargas lesen alte Fallakten, surfen in den Weiten des Internets und befragen befreundete Kollegen. Schon tauchen die ersten Verdächtigen auf, die man noch am gleichen Abend auf einer Veranstaltung des Außenministers in Schwedens Hauptstadt trifft. Natürlich darf auch Rekkes Bruder Magnus nicht fehlen, der selbstredend den Charakter von Holmes Bruder Mycroft darstellt und als Politberater tätig ist. Er befürchtet gerade einen handfesten Skandal für die Regierung durch eine überstellte schwedische Journalistin, der Verbindungen zu al-Qaida nachgesagt werden und die nach ihrer Festnahme durch die CIA gefoltert wurde. Tatsächlich kann die Gefangene sogar Hans Rekke, der sie im Auftrag von Magnus verhört, Hinweise auf den Täter im Mordfall Ramirez geben. Nicht nur hier häufen sich doch etwas die Zufälle und Absonderlichkeiten.

Fazit

 Der letzte Teil der Trilogie ist ein Spiegelbild der gesamten Reihe. David Lagercrantz‘ Idee, den Mythos Sherlock Holmes in die Gegenwart zu holen, funktioniert nur bedingt. Dafür klammert sich der Autor in der Figurendarstellung zu sehr an das literarische Vorbild, ohne ihm neues Leben einzuhauchen. Was im Übergang des 20./21. Jahrhunderts so wunderbar funktionierte, ist nicht ohne weiteres übertragbar. Hier reicht es nicht aus, zeitgemäße politische Konflikte aufzuzeigen, die dann aber mit der eigentlichen Handlung wenig zu tun haben. Dabei sind der Plot und die Erzählweise durchaus gelungen. Besonders das psychologische Spiel des Täters wird überzeugend entwickelt und dargestellt.

Das Zeichen des Fremden

David Lagercrantz, Heyne

Das Zeichen des Fremden

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