Bobby March forever

  • Heyne Hardcore
  • Erschienen: Oktober 2021

- Übersetzung: Conny Lösch

- Die Harry McCoy-Serie 3

- Originaltitel: "Bobby March Will Live Forever"

- Taschenbuch, Klappenbroschur

- 432 Seiten

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Thomas Gisbertz
92°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2021

Alan Parks ist eine Klasse für sich

Glasgow, 13. Juli 1973: Die schottische Metropole leidet seit Wochen unter einer Hitzewelle. Zahlreiche Einwohner sind wegen des „Fair Friday“ auf dem Weg in die Ferien. Daher fällt es schwer, Zeugen zu finden, die beobachtet haben, was mit der dreizehnjährigen Alice Kelly geschehen ist. Diese wird seit mehreren Stunden vermisst. Als Detective Harry McCoy in der Einsatzzentrale ankommt, wird er abgewiesen. Der junge Detective ist dem ermittelnden Inspector Bernie Raeburn ein Dorn im Auge. Deswegen provoziert er McCoy, wo er nur kann. Statt im Fall des vermissten Mädchens zu ermitteln, soll sich dieser nun um eine Serie von Raubüberfällen kümmern, die schon zwei Monate zurückliegt. Doch dies ist nicht das einzige Problem, mit dem sich der Detective herumschlagen muss.

Bobby March, der berühmteste Rockstar der Metropole, wird tot in einem Hotel gefunden. McCoy hat kaum die Ermittlungen aufgenommen, als er von Chief Inspector Murray den inoffiziellen Auftrag erhält, dessen halbwüchsige Nichte Laura zu finden, die ihr gutbürgerliches Elternhaus verlassen hat und in der Unterwelt Glasgows abgetaucht ist.

Pulverfass Glasgow

Je länger die Suche nach der vermissten Alice Kelly dauert, desto mehr droht die Stimmung bei den Einwohnern Glasgows zu kippen. Die Menschen wollen einen Schuldigen. DI Raeburn sind hierfür alle Mittel recht. Er präsentiert der Öffentlichkeit nach drei Tagen den vermeintlichen Täter. Raeburn nimmt den geistig zurückgebliebenen Teenager Ronnie Elder stundenlang in die Mangel, bis dieser gesteht, das Mädchen getötet zu haben. Während McCoy von seinem Assistenten Wattie erfährt, dass Raeburn den mutmaßlichen Täter beim Verhör brutal verprügelt hat, um ein Geständnis zu bekommen, stolpert der Detective auf seiner Suche nach Murrays Nichte Laura über die nächste Leiche. Es scheint irgendwie niemanden in Glasgow zu geben, der unschuldig ist.

Fortsetzung der Harry-McCoy-Reihe

Autor Alan Parks studierte an der Universität von Glasgow Philosophie. Nach seinem Abschluss arbeitete der Schotte als Creative Director bei London Records und später bei Warner Music, wo er für Acts wie All Saints, New Order, The Streets oder Gnarls Barcley zuständig war. Seine Affinität zur Musik der 70er-Jahre spiegelt sich auch in seinen Romanen wider. So besitzt jeder Teil der Reihe seine ganz eigene „Playlist“.

Parks‘ Debütroman „Blutiger Januar“ wurde für den bedeutenden französischen Kriminalpreis „Grand Prix de Littérature Policière“ vorgeschlagen, der zweite Band „Tod im Februar“ war Teil der Nominierungsliste für den amerikanischen „Edgar Award“ und der bereits in Großbritannien erschienene vierte Teil der Reihe („The April Dead“) stand 2021 auf der Shortlist für den „McIlvanney Prize“ als bester schottischer Kriminalroman.

Mit „Bobby March forever“ erscheint bei Heyne Hardcore nun der dritte Band der Harry-McCoy-Reihe in Deutschland. Die Serie spielt in Glasgow der 70er-Jahre. Autor Alan Parks hatte gute Gründe, sich für diesen eher ungewöhnliche Schauplatz zu entscheiden: „Glasgow ist meine unangefochtene Lieblingsstadt. Sie erschien mir schon immer so aufregend und glamourös! In den 70ern habe ich dort einen großen Teil meiner Kindheit auf Besuch bei Tanten, Onkeln und Cousins verbracht. Diese Zeit ist mir sehr lebhaft in Erinnerung geblieben, daher schien es naheliegend, das Setting in meinen Büchern zu verwenden.“

Das Glasgow der 70er

Alan Parks ist ein absolutes Phänomen. Mit jedem Band nimmt die Harry-McCoy-Reihe an Qualität und Klasse zu - und das, obwohl bereits der erste Teil „Blutiger Januar“ ein wahrer Pageturner war.

Der Schotte zählt sicherlich schon jetzt zu den besten jener Autoren, für die der US-amerikanische Krimiautor James Ellroy den Begriff „Tartan Noir“ prägte - einen Schreibstil, der zwar seinen Ursprung in der schottischen Literatur hat, gleichzeitig aber auch von den amerikanischen Meistern des Hard-boiled-Krimis der 30er- und 40er-Jahren, Hammett und Chandler, sowie europäischen Autoren wie Simenon oder Sjöwall/Wahlöö stark beeinflusst wurde. Auch wenn die Romane Alan Parks‘ atmosphärisch an die Werke den unvergesslichen William McIlvanney erinnern, sind sie mit diesen nicht unbedingt vergleichbar. Die Erzählungen um den nach Gerechtigkeit strebenden Detective Harry McCoy haben ihren ganz eigenen Sound und mögen so gar nicht ein festes Genre gezwängt werden. Dies mag primär daran liegen, dass sich bei Parks Fiktion und Realität (mit der Distanz von etwa 50 Jahren) vermischen und hier das ganz eigene Bild eines dunklen, gewalttätigen und verruchten Glasgows der 70er-Jahre gezeichnet wird.

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Im Mittelpunkt des Romans steht erneut Harry McCoy. Der junge Detective hat sich inzwischen einen Namen in der Stadt gemacht. Weiterhin bewegt er sich stets an der Grenze zwischen Recht und Gewalt. McCoy weiß, dass er die Welt im Mikrokosmos Glasgow nicht verändern kann, aber er möchte sie für die Menschen am Rande der Gesellschaft erträglicher machen und ihnen eine Stimme geben. Ihm geht es nicht um den beruflichen Aufstieg, sondern er will Gerechtigkeit für die, denen man kaum Beachtung schenkt, auch wenn deren Leben determiniert erscheint. Der Detective wirkt wie ein Bindeglied zwischen dem düsteren, gewalttätigen Glasgow und der rechtlichen Ordnung. Die Polizei ist für ihn lediglich dazu da, um einen Schaden zu begrenzen, der nicht vermeidbar ist. Dabei steht McCoy der Unterweltgröße Stevie Cooper, mit dem ihn eine enge Beziehung seit Kindertagen verbindet und dem er sich verpflichtet fühlt, ebenso nah wie seinem väterlichen Freund, Chief Inspector Murray. Sein unbeirrbares Streben nach Gerechtigkeit sorgt auch dafür, dass er sich immer wieder in Gefahr begibt. Allerdings akzeptiert er die möglichen Folgen. Für ihn ist dies die irgendwann nicht mehr vermeidbare Konsequenz seines Handelns.

Dichte Atmosphäre

Anders als in den ersten beiden Bänden spielt die Handlung diesmal nicht im Winter, sondern im Sommer. Dennoch gelingt es Alan Parks erneut meisterhaft, die Stimmung eines unter großer Hitze leidenden Glasgows einzufangen. Der Autor schafft es, die Stadt regelrecht zum Leben zu erwecken. Es entsteht eine große Nähe. Man bekommt das Gefühl, mit McCoy nachts durch die Pubs und die sozialen Problemviertel der Metropole zu ziehen und die Koexistenz von Gewalt, Recht, Armut und Reichtum unmittelbar zu erleben. Allein diese Stärke der Romane macht die Reihe so besonders. Parks schreibt hier nicht nur einen Thriller, sondern erzählt die Geschichte einer Stadt.

Fazit:

Alan Parks ist zweifellos einer der derzeit besten Thrillerautoren. Seine Art zu schreiben wirkt gleichzeitig vertraut und sprengt dennoch bekannte Genre-Grenzen. Ihm gelingt mit „Bobby March forever“ erneut ein intensiver, mitreißender Roman. Wer die Reihe um Detective Harry McCoy noch nicht kennt, sollte dies schnell ändern. Parks fängt mit großer Leichtigkeit das Gefühl einer Stadt ein, die in vielerlei Hinsicht polarisiert und bei der die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend sind. Die Romane Alan Parks muss man einfach „erleben“.

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