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Thomas Gisbertz
Düsterer Thriller auf Top-Niveau

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Dez 2019

Glasgow. Eisige Temperaturen, Dauerregen. Ein junger Mann wird tot im 14. Stock eines im Bau befindlichen Bürogebäudes aufgefunden. Das Opfer wurde bestialisch zugerichtet: Durch einen Schuss ins linke Auge wurde der gesamte Hinterkopf abgesprengt, der Kiefer ist gebrochen, im Mund steckt sein eigener Penis, der linke Fußknöchel wurde zerfetzt. Der Mörder hat zu allem Überfluss eine blutige Nachricht hinterlassen, eingeritzt in die Brust seines Opfers: „BYE BYE“.

Für Detective Harry McCoy hätte der erste Tag zurück im Dienst nicht schlimmer  sein können. Doch der Mord ist erst der Anfang einer neuen Welle der Gewalt, die Glasgow in diesem Februar 1973 heimsucht.

Spur führt in die Glasgower Unterwelt

Schnell weiß das ermittelnde Team um Chief Inspector Murray, Detective McCoy und seinen Assistenten „Wattie“ Watson, dass es sich bei dem Toten um Charlie Jackson, einen jungen Spieler von Celtic Glasgow, handelt. Er war nicht nur die Zukunftshoffnung des Vereins, sondern auch der Schwiegersohn in spe von Verbrecherkönig Jake Scobie, der mit seiner Organisation die Northside Glasgows kontrolliert.

Der Tat verdächtigt wird Kevin Connolly, der als brutaler Schläger die Drecksarbeit für Scobie macht. Connolly hatte sich in dessen Tochter Elaine verliebt, die seine Gefühle jedoch nicht erwiderte. Hat sich Connolly dafür nun an ihrem Verlobten Charlie gerächt? Es bleibt nicht viel Zeit, den Täter zu finden, denn plötzlich gibt es ein weiteres Opfer, das auf ähnlich brutale Weise ermordet wurde.

Die Schatten der Vergangenheit

Eher zufällig ermittelt Detective Harry McCoy darüber hinaus in einem weiteren Fall. Ein gewisser Paul Brady hat sich in der St. Columba‘s Chapel erhängt. Warum wählt ein Obachloser einen derartigen Selbstmord? Als McCoy in dessen Hinterlassenschaften nach Spuren sucht, findet er einen zusammengefalteten Zeitungsartikel über den nahenden Ruhestand des Polizeichefs Chief Constable Kenneth Burgess. McCoy kennt die Person und dunkle Erinnerungen an seine Kindheit werden in ihm geweckt. Er spürt, dass er sich seiner Vergangenheit endlich stellen muss, um dieses dunkle Kapitel abschließen zu können - notfalls auch mit unerlaubten Mitteln.

Zweiter Band der Reihe

Alan Parks hat 2018 mit „Blutiger Januar“ ein mehr als beeindruckendes Debüt hingelegt. Nachdem er an der Universität Glasgow Philosophie studiert hatte, arbeitete Parks zunächst als Creative Director bei London Records und später bei Warner Music. „Tod im Februar“ ist der zweite Roman um Detective Harry McCoy. Parks hat sich im Gegensatz zum ersten Band nochmals, vor allem was Tempo und Atmosphäre betrifft, gesteigert.

Stilistisch, aber auch inhaltlich erinnert Parks an die ebenfalls aktuell erscheinende Aidan-Waits-Reihe von Joseph Knox, die in Manchester spielt. Beide liefern ein düsteres Bild der beiden britischen Großstädte, das von Verbrechen, Drogen und zwielichtigen Gestalten geprägt ist.

Außergewöhnlicher Ermittler

Detective Harry McCoy ist erst 30 Jahre alt, aber wirkt bereits jetzt durch seine Arbeit oftmals desillusioniert. Man weiß manchmal nicht, was ihn überhaupt von einem Verbrecher unterscheidet: Wiederholt wendet er bei seinen Ermittlungen übertriebene Gewalt an, er konsumiert Drogen und pflegt Beziehungen zur Unterwelt. Dennoch ist sich der Detective seines Verhaltens durchaus bewusst. Nicht selten hat er das Gefühl eine Grenze zu überschreiten, die er nicht überschreiten will. Aufgrund seines absoluten Drangs nach Gerechtigkeit missachtet er diese Schwelle aber immer wieder, wenn er sein Ziel nicht mit legalen Mitteln erreichen kann.

Enge Freundschaft aus Jugendtagen

Seine Nähe zur Glasgower Unterwelt ist durch eine tiefe Freundschaft mit Stevie Cooper begründet. Cooper, der als Zuhälter arbeitet und in der Verbrecherhierarchie der schottischen Großstadt weiter aufsteigen will, ist seit 20 Jahren mit McCoy befreundet, nachdem sie gemeinsam für kurze Zeit in einem Kinderheim gelebt haben. McCoy ist aufgrund dieser Freundschaft aber keineswegs ein korrupter Cop, der sich seine Taschen vollstopft, sondern er nutzt diese Beziehung, um an Informationen zu gelangen und anderen Kriminellen das Handwerk zu legen.

Den Unterschied zwischen den beiden Freunden fasst Cooper passend zusammen:

 „Ich verdiene meinen Lebensunterhalt damit, Menschen wehzutun, du nicht. Du willst  ihnen helfen, sogar den scheiß Säufern [...]. Die ganzen Frauenschläger und Sexualverbrecher und gemeinen Dreckschweine, die du einlochst. Du denkst drüber nach, was richtig ist auf der Welt und was falsch, willst immer das Richtige tun. Und ich? Ich tu einfach nur, was getan werden muss.“

Freundschaft hin oder her: Wie kann sich ein Polizist mit Größen der Unterwelt einlassen? Diese Frage stellt sich auch McCoys Assistent Wattie, nachdem dieser ihn zuvor auf eine Versammlung von Cooper und seinen Jungs mitgenommen hat. McCoys Antwort zeigt das Dilemma auf, in dem sich nicht nur der Detective befindet:

 „In Wirklichkeit sind wir … ich, du, alle Glasgower Polizisten … nur dazu da, den Schaden möglichst zu begrenzen. […] Deshalb wurde es Zeit, dass du die bösen Jungs kennenlernst. Geschäfte mit ihnen machst. Ich werde nicht immer bei dir sein und dir das Händchen halten können.“

Infolgedessen ignoriert McCoy auch schon einmal ein drohendes Verbrechen, um dadurch weitreichendere Folgen und Opfer zu verhindern.

Überzeugende Figurendarstellung

Zwar steht die Figur des Harry McCoy im Mittelpunkt der Handlung, aber auch die anderen Charakteren werden von Parks sehr genau gezeichnet. Insbesondere Chief Inspector Murray, der McCoy oftmals in die Schranken weisen muss, spielt im Leben des Detectives eine wichtige Rolle. Gemeinsam hat er mit seiner Frau den jungen Harry damals aus dem Heim bei sich aufgenommen und ist dadurch eine enge Bezugsperson und eine Art Vaterersatz für ihn geworden.

Mit „Wattie“ Watson stellt Parks seinem Ermittler zudem eine Kontrastfigur an die Seite. Dieser glaubt daran, dass Böse besiegen zu können und wirkt noch sehr idealistisch. McCoy wird zunehmend eine Art Mentor für den jungen Polizisten.

Brillanter Schreibstil

Die ganz große Stärke des Schotten Alan Parks ist es, eine unfassbare Atmosphäre in seinen Thrillern zu schaffen. Dunkle Töne im winterlich, kalten Glasgow der 70er-Jahre bestimmen die Szenerie. Seine Sprache ist einfach, aber genau. Man spürt regelrecht den eisigen Wind und die Kälte des Schnees. Seine Schreibweise zeichnet sich durch eine sehr gradlinige Handlung und eine überzeugende Figurendarstellung, die besonders den Sprachduktus mit einschließt, aus. Parks reduziert den Inhalt auf das Wesentliche und verzichtet auf weitreichende Nebenhandlungen.

Fazit:

„Tod im Februar“ ist bereits jetzt ein absolutes Highlight des Tartan Noir: düster,  brutal, gradlinig und direkt. Dabei atmosphärisch unfassbar dicht. Grenzen von Gut und Böse verschwimmen. Grautöne in schwarzer Nacht. Voller Spannung und einem Ermittler, der von seiner Vergangenheit gejagt wird und Kompromisse eingehen muss, um Gerechtigkeit zu erreichen. Schadensbegrenzung statt Wunschdenken. Eine Reihe, die absolut das Zeug zum Klassiker hat.

Tod im Februar

Tod im Februar

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Letzte Kommentare:
11.06.2020 12:44:40
Manfred Fürst

Der Krimi des Jahres 2019 hat mich micht zu 100% überzeugt.
10 Tage im Februar 1973 in Glasgow, eine Orgie aus Blut und Gewalt, aber nicht nur.
Bereits nach zwei Seiten wird klar, warum »Tod im Februar« bei HEYNE HARDCORE erschienen ist – HARDCORE KRIMINALROMAN.
Der junge 22jährige Charlie Jackson, Linksfuß bei Celtic Glasgow wird getötet und in seine Brust wird „BYE BYE“ geritzt, dass das Blut in hohem Bogen in die Pfütze klatscht; und als das noch nicht genug wäre, hat ihm der Täter sein bestes Stück abgeschnitten und in den Mund gesteckt, abgesehen vom Schuss ins Auge, der den Hinterteil seines Schädels wegsprengte. Prost und Mahlzeit. McCoy übergibt sich, hat gerade zwei Dosen Pale Ale intus und einen halben Joint. Der Umgangston zwischen den Polizisten untereinander und ihren Klienten ist obszön und vulgär, zwischen Anwalt und seinen Klienten um es vornehm auszudrücken „ungesittet“. Hardboiled Roman. Kalt und nass im winterlichen Glasow, pervers die Akteure, schroff die Dialoge und ungeschönt die Realität.
Murray, McCoy und Wattie auf der einen Seite, die Unterwelt von Glasgow auf der anderen mit Hauptdarsteller Stevie Cooper. Bei McCoy weiß man das nicht so genau.
Wer die Morde begangen hat steht fest, nur finden muss ihn die Polizei. Dabei werden Stevie und Harry von ihrer Vergangenheit im Kinderheim gejagt. Zu guter Letzt dreht sich der Plot in eine unerwartete Richtung. Nicht unbedingt befriedigend, aber das ist ein Wesensmerkmal von HARDCORE KRIMINALROMANen.
Grenzen von Gut und Böse verschwimmen, geradlinig und spannend erzählt, mit einem Schuss Noir, das dem Leser die Überlegung abringt, ob das wirklich das Genre ist, das er bevorzugen soll oder will.

12.05.2020 21:15:04
Aldilidl

User@Krimileser, viele Bücher können sie ja noch nicht gelesen haben, oder wie erklären sie sich ihre falsche Grammatik und Rechtschreibung!
Meiner Meinung hebt sich dieses Buch von der Masse an Krimis deutlich ab.
Atmosphäre und Charakterzeichnung sind meinen Augen überragend. Das düstere Glasgow der siebziger Jahre sehr gut dargestellt.

21.04.2020 14:10:23
Krimileser

Wenn Buch nicht gut geschrieben ist wieseo muß man es dann zu Ende lesen um sich ein Urteil zu erlauben? Und es nicht gut geschrieben!
Lesen Sie mal Raymond Chandler, Dashiell Hammett, James Ellroy oder Mickey Spillane.
Das sind gut geschriebene Krimis.
Tod im Frebruar ist Standart! Mehr nicht.

19.04.2020 19:51:38
Milan

Frau Ohnwald hat doch Recht. Überall - ob Kriminetz, Kulturnews, Lovelybooks etc. - wird das Buch bejubelt, nur hier wird es niedergemacht. Und dann noch von Leuten, die es nicht einmal bis zum Ende gelesen haben. 1-10° ist keine Bewertung sondern eine absichtliche Abwertung! Warum auch immer!

19.04.2020 17:48:10
Hermann Maier

" Die Gesamtbewertung hier (94 x 1-10°) ist ein Witz! ".
@Frauke Ohnwald: Geschmäcker sind verschieden. Da haben Sie recht. Aber nicht umsont findet die groß Mehrheit den Roman nicht gut. Das hat seine gründe, die einge Schreiber hier auch dargelegt haben.
Deshalb ist die Gesamtbewederung auch kein Witz!

19.04.2020 12:10:14
Frauke Ohnwald

Ich weiß gar nicht, was die Diskussion soll. Geschmäcker sind verschieden. Ich war begeistert von diesem Buch und bin froh, durch Herrn Gisbertz auf diesen Roman aufmerksam gemacht worden zu sein. Ich habe bereits viele seiner Empfehlungen gelesen und wurde bisher eigentlich nie enttäuscht. Selbst bei Büchern, die er nicht so hoch bewertet, betont der Rezensent immer auch dessen Stärken. Das finde ich absolut klasse. Den Rezensenten - ja sogar die gesamte Jury der Krimi-Couch - hier derart "abzuschießen", ist unterste Schublade. Die Atmosphäre bei Parks ist sehr gut beschrieben und die Handlung spannend. Unsachlich abwerten kann jeder, differenziert schreiben nur wenige. Man darf anderer Meinung sein, sollte aber die der anderen akzeptieren. Seltsamerweise wir der Thriller auch nur hier von einigen schlecht gemacht, während andere Seiten ihn durchweg positiv bewerten. Die Gesamtbewertung hier (94 x 1-10°) ist ein Witz!

18.04.2020 16:19:30
Hermann Maier

Auch ich habe das Buch mangels Spannung nach gut 200 Seiten erst mal wieder zur Seite gelegt. Vielleicht gebe ich ihm später nochmals eine Chance.
Ein Noir-highlight ist es aber mit Sicherheit nicht.

24.03.2020 16:02:50
Martin Mars

Ich kann mich der Rezession von Peter Schmidt voll und ganz anschliessen. Ich empfehle der Jury wiedereinmal R.Chandler hervorzunehmen, um zu erkennen wie enorm weit entfernt Alan Parks von einem guten Buch ist. Schade für die Zeitverschwendung, aber mit Hoffnung auf eine neue Jury.

15.03.2020 22:42:31
Mainhätten

Ich kann mich der Rezession von Thomas Gisbertz voll und ganz anschließen. Tolles Buch

14.03.2020 09:30:24
Peter Schmidt

Hallo ,

leider kann ich mich der Buch-Rezension von Thomas Gisbertz überhaupt nicht anschließen!
" Brillanter Schreibstil " kann ich nicht bestätigen.
" eine unfassbare Atmosphäre " habe ich nicht gefunden! Schlicht und langweilig fand ich den Schreibstil. Und die Story kommt nicht richtig in Gang. Der ersten 100 Seiten passiert nicht so viel. Da mußte ich mich durchquälen. Spannung habe ich auch keine gefunden. Eine riesen Enttäuschung ist das Buch.

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