Der Polizist

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: A Time for Mercy

- aus dem Englischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter & Imke Walsh-Araya

- HC, 672 Seiten

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Nichts für Ungeduldige

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Jun 2021

Drew Gamble hat einen Polizisten erschossen, und deswegen droht ihm die Gaskammer. Keine Diskussion, das ist eine drakonische Strafe – aber es gibt nun mal Länder, in denen ihre Verhängung und Vollstreckung an der Tagesordnung ist. Nun ist es aber so, dass besagter Polizist nicht während des Dienstes erschossen wurde, sondern nachdem er die Mutter des Täters totgeprügelt hat – zumindest musste Drew davon ausgehen. Dazu kommt, dass Gamble erst 16 Jahre alt ist. Natürlich ist das in einem zivilisierten Land wie den USA der Neunziger Jahre kein Grund, den Jungen NICHT in die Todeszelle zu schicken. Der Rechtsanwalt Jack Brigance wird mit seiner Verteidigung beauftragt und steht vor einem fast aussichtlosen Kampf, der nicht nur Konsequenzen für seinen Mandanten nach sich zieht. Denn die bibelfeste Bevölkerung der Südstaaten hält nicht viel von Nächstenliebe und Vergebung, dafür aber um so mehr von Rache und dem Motto „Auge um Auge“. Ihr Zorn richtet sich dabei aber nicht nur gegen den Täter, sondern auch gegen den, der ihn verteidigt ...

Hier gilt das Alte Testament

John Grisham lässt seinen dritten Roman um den Rechtsanwalt Jack Brigance wieder im Herzen der Südstaaten in Clanton, Mississippi spielen. Hier gibt es klare Regeln: Die Polizei ist dein Freund und Helfer (und wage es nicht, die Hand gegen sie zu erheben), wer möchte, trägt hier mehr oder weniger offen eine Schusswaffe, und die Kinder gehen Sonntags zur Sonntagsschule. Wie Jack Brigance es einmal selbst darstellt: „Wir sind hier im Bibelgürtel, da gilt Auge um Auge, Zahn um Zahn.“ Dieses Denken ist für Europäer manchmal schwer zu verstehen. Gelegentlich dachte ich bei den ganzen Hasswellen, die sich gegen einen 16-jährigen, ungebildeten Jungen richten und auch vor seinem Verteidiger nicht Halt machen, dass Grisham eine Satire verfasst hat. Aber weit gefehlt: Grisham beschreibt die Südstaaten Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, und auf dem Papier existiert die Gleichberechtigung für die Schwarzen und der Ku-Klux-Klan operiert etwas verdeckter – aber das ist es dann auch schon. Ehrlich gesagt: Ich hoffe immer noch, dass Grisham in seinem Buch maßlos übertreibt.

Auf rund 700 Seiten entwickelt der Autor routiniert den Weg, der von der eigentlichen Tat bis zum Mordprozess und zum Urteil führt. Der Auftakt und die eigentliche Gewalttat starten mit Tempo und Spannung – aber dann tritt Grisham gewaltig auf die Bremse. Es wäre zu viel gesagt, dass sich sein Roman in Alltäglichkeiten der Anwaltsarbeit in den USA der Neunziger Jahre verzettelt; manchmal fragte ich mich aber doch, ob tatsächlich alle Einzelheiten zur Gebührenordnung und zum anwaltlichen Einkommen nötig waren. Zumal manchmal fast der Eindruck entstehen musste, dass die damaligen Anwälte mit Mutter Theresa auf eine Stufe zu stellen waren, da sie doch selbstlos ihre wirtschaftliche Zukunft dem Ausgang ihres Verfahrens und der Tätigkeit zugunsten ihrer Mandanten zu opfern bereit waren. Mir ging dabei deutlich zu weit, dass der bereits finanziell absolut geschüttelte Brigance der wohnungslosen, alleinerziehenden Mutter immer noch gerne bereit ist, ein größeres Darlehen zu gewähren – wohl wissend, dass dieses Geld nie zurückkommen wird.

Held mit Ecken und Kanten

Immerhin stellt Grisham seinen Protagonisten nicht komplett als Heiligen hin. Auch dieser versucht sich an einigen (laut Beteuerung des Autors handelsüblichen) kleinen, fiesen Tricks, und wird dabei prompt erwischt. Auch mit der Straßenverkehrsordnung steht er nicht immer auf dem besten Fuß. Das sind immerhin einige Punkte, welche die vermeintliche Lichtgestalt ein wenig vom Sockel herunterholen und auch für den Leser interessanter machen. Spannend sind auch die detailreiche Ermittlung und die Vorbereitung des Prozesses, die auch wieder zeigt, wie viel mühsamer und aufreibender die Ermittlungen zu Zeiten waren, als es noch kein Handy und Internet gab. Grisham zeigt aber auch, was die Zeit, die auch gerne auch als die „gute alte“ bezeichnet wird, für berufstätige Frauen in Petto halten konnte und wo die „kleinen harmlosen Tätscheleien, die nichts zu bedeuten hatten“ nicht unbedingt unüblich waren.

Grisham hat einen für mich persönlich schwer zu akzeptierenden Roman verfasst – über Polizisten, die ihrem Kollegen ein regelrechtes Staatsbegräbnis zubilligen, obwohl sie wussten, dass dieser nach einer absoluten Trunkenheitsfahrt im Rausch seine Freundin fast tot schlug und das nicht zum ersten Mal passierte. Er schreibt über eine Familie, deren Zorn sich gegen den Rechtsbeistand eines jungendlichen Täters richtet, der mit ansehen musste, wie seine Familie malträtiert wurde und letztendlich eine (für mich vollkommen nachvollziehbare) Tat beging. Ich hatte Schwierigkeiten mit dem Roman – aber das liegt an meinem Gefühl und nicht an der Erzählkunst des Autors, denn er berichtet nur, ohne zu werten. Dennoch hätten dem Roman sicher einige Kürzungen nicht geschadet, und mir erschloss sich auch nicht, warum ein Nebenschauplatz über Schadensersatzansprüche nach einem tödlichen Verkehrsunfall eröffnet, aber nicht sauber und rund geschlossen wurde.

Fazit

John Grisham gönnt dem altvertrauten Publikum seiner Bücher Die Jury und Die Erbin ein Wiedersehen mit dem gewieften, aber doch menschlichen Rechtsanwalt Jack Brigance. Die Ermittlungen führen durch einen gut durchdachten und solide konstruierten Justizkrimi, der aber sicherlich seine Längen aufweist und einige Ansprüche an die Geduld der Leser stellt. So richtig in Fahrt kommt der Roman erst mit der Gerichtsverhandlung – und wer bis dahin (wenn auch manchmal ein wenig genervt) ausgehalten hat, kann hier die Klaviatur anwaltlicher Tricks bewundern. Und da ist Grisham im vertrauten und besten Fahrwasser.

 

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