Die Erbin

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2014
  • New York: Doubleday, 2013, Titel: 'Sycamore Row', Seiten: 447, Originalsprache
  • München: Heyne, 2014, Seiten: 704, Übersetzt: Imke Walsh-Araya; Kristiana Dorn-Ruhl; Bea Reiter
Die Erbin
Die Erbin
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Almut Oetjen
82°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2013

Wiedersehen mit Jack Brigance

1988: Der schwerkranke Seth Hubbard erhängt sich an einer alten Platane auf dem Grundbesitz seiner Familie in Palmyra, Ford County, Mississippi. Er hinterlässt eine Nachricht, damit er noch am selben Tag gefunden wird, einen Abschiedsbrief mit Anordnungen für die Bestattung und die Trauerfeier sowie ein tags zuvor verfasstes handschriftliches Testament. Hubbard war ein Einzelgänger, der nie über persönliche Dinge sprach und sich nur um sein weitverzweigtes Firmennetz kümmerte. Bekocht und versorgt wurde er in den letzten Jahren von seiner Haushälterin Lettie Lang, die ihn zuletzt auch pflegte. Er hinterlässt zwei Exfrauen, zwei Kinder, Ramona und Herschel, sowie einige Enkel, deren Anzahl er nicht kennt, denn er hatte kaum Kontakt zu seiner Familie. Die Kinder trauern ihrem Vater nicht nach, die Beerdigung betrachten sie als lästige Pflichtveranstaltung, und im Geiste verteilen sie bereits das Erbe in unbekannter Höhe.

Ihre Erwartungen werden bei weitem übertroffen, als sie erfahren, dass es um 24 Millionen Dollar geht. Allerdings sollen sie keinen Cent davon sehen. Den Großteil erbt Lettie, den Rest bekommen Hubbards Kirchengemeinde und sein verschollener Bruder Ancil.

Niemand kann sich Hubbards mysteriöses Testament erklären. Ramona und Herschel fechten es sofort an und berufen sich auf ein älteres Testament, in dem sie als Haupterben eingesetzt sind. War Hubbards Urteilsvermögen durch die Schmerzmittel beeinträchtigt? Hatte Lettie ihn über eine sexuelle Beziehung manipuliert? Ramonas und Herschels Anwälte versuchen mit allen Mitteln Hubbard Unzurechnungsfähigkeit und Lettie unzulässige Beeinflussung nachzuweisen. Jack Brigance, der in Hubbards Auftrag das Testament durchsetzen soll, sucht nach Ancil und in Letties undurchsichtiger Familiengeschichte nach einer Verbindung, die Hubbards seltsames Vermächtnis erklären könnte.

Was ist eigentlich aus Jack Brigance geworden?

Jack Brigance dürfte einigen Grisham-Lesern noch aus dem Carl-Lee-Hailey-Prozess bekannt sein (Die Jury), der den Junganwalt aus Clanton in Ford County berühmt gemacht und ihm den Ruf eingebracht hat, aufrichtig, mutig und tolerant zu sein. Damals vor drei Jahren hatte Brigance einen Freispruch für einen Schwarzen erwirkt, der die zwei Vergewaltiger seiner kleinen Tochter tötete. Sein Honorar in dem Mordfall betrug läppische neunhundert Dollar. Der Ku-Klux-Klan bedrohte ihn und brannte sein Haus ab. Dabei kam der Familienhund ums Leben. Drei Jahre später lebt er immer noch mit seiner Familie zur Miete in einem schäbigen, engen Haus. Er trägt eine Waffe bei sich, die Polizei schickt täglich eine Patrouille vorbei, seine Klage gegen seine Versicherung ist festgefahren, das FBI hat die Suche nach den restlichen Tätern aufgegeben, und der Drahtzieher der Brandstiftung hat Antrag auf vorzeitige Haftentlassung gestellt. Er ist nun fünfunddreißig Jahre alt. Sein Traum, ein erfolgreicher Prozessanwalt zu werden, hat sich in den zehn Jahren seiner Anwaltstätigkeit nicht erfüllt. Er hat nur wenige Klienten, meistens geht es um Testamente und Verträge, seine Sekretärin ist chronisch unpünktlich und unzufrieden und hat wahrscheinlich fünfzig Dollar aus der Handkasse gestohlen. Der Hailey-Fall hat Brigance außer Berühmtheit und Überheblichkeit nichts eingebracht, wie Grisham gleich zu Beginn von Die Erbin drastisch schildert. Brigance ist so gut wie pleite, als er den Auftrag von Hubbard bekommt.

Brigance scheint eine langweilige Hauptfigur sein, doch die Schwächen und Fehler des gutaussehenden, toleranten, treuen Ehemanns, liebevollen Vaters und regelmäßigen Kirchgängers offenbaren sich erst allmählich. Brigance steckt in einer finanziellen Klemme, als er den Fall übernimmt. Da er stundenweise abrechnet (150 Dollar die Stunde) ist für ihn ein langer Prozess von Vorteil. Andererseits will er nicht als Profiteur dastehen, weil ihm sein Bild in der Öffentlichkeit wichtig ist. Einen Vergleich lehnt er ab mit dem Hinweis auf Hubbards ausdrücklichen Auftrag, dem Testament um jeden Preis Geltung zu verschaffen, geschickt einen Interessenkonflikt umgehend. Brigance ist auch keineswegs der großartige Anwalt, für den er sich hält. Er hinterfragt nie, ob Lettie Lang ihm gegenüber offen und ehrlich ist, und in der Klage gegen seine Versicherung vertritt er sich gegen jede Anwaltsregel selbst. Er mag sich für bescheiden halten, ist es aber nicht. Sein Kollege konfrontiert ihn damit, sich selbst wegen des Hailey-Falls zu überschätzen und deshalb Fehler zu machen.

Brigance verschwindet zeitweilig im Hintergrund, um anderen, interessanteren, schillernden Figuren Platz zu machen; dem aalglatten Scheidungsanwalt Harry Rex Vonner, der schon zum Mittag Bud Light trinkt, weil er sonst die Klienten nicht erträgt; seinem einstigen Seniorpartner Lucien Wilbanks, einem Alkoholiker, der seine Lizenz verloren hat, mit seiner farbigen Geliebten zusammenlebt und sich beim Gottesdienst auf die hinteren Bänke zu den Schwarzen setzt; der herzkranke, fette Richter Reuben V. Atlee, der einen Hang zum Sadismus und seit dem Tod seiner Frau niemanden mehr hat, der darauf achtet, ob er ordentlich gekleidet das Haus verlässt; der schwarze Anwalt Booker Sistrunk, ein Riese im maßgeschneiderten Anzug, der den großen Auftritt liebt und im schwarzen Rolls Royce vorfährt; nicht zuletzt Hubbards Familie, an der Grisham kein gutes Haar lässt.

In Mississippi geht es immer um die Rassenfrage

Die Erbin ist ein solider Justizthriller um einen Erbschaftsstreit, das Prozedere wird präzise und vor allem verständlich erklärt. Grisham schafft es, dem Leser auf interessante und spannende Weise Einblicke in die Regeln und Mechanismen des Justizsystems zu geben, nur handelt es sich diesmal nicht um einen Strafprozess wie in Die Jury, sondern um einen Zivilprozess. Dabei lässt Grisham keinen Zweifel daran, was er von einem System hält, in dem es nicht um Gerechtigkeit sondern ums Gewinnen geht, wie er einen der Anwälte sagen lässt. Grisham beschreibt die Welt der Juristerei als Schauplatz eines Krieges, den der verliert, der die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze, Spielregeln und Verhaltensmaßnahmen nicht durchschaut. Dabei greift die Gegenseite zu allen Mitteln, bricht in eine andere Kanzlei ein und verschickt anonym Testamentskopien. Bei all den Anwälten, Sachverständigen, Vermögensverwaltern, bezahlten Zeugen, Experten und Privatdetektiven drängt sich dem Leser wohl bald die Frage auf, ob der Prozess überhaupt ein (gutes) Ende findet und falls doch, was vom Erbe übrig bleibt.

Ein anderes Thema des Romans ist der latente Rassismus in Mississippi. Die Generation unter fünfzig, die mit dem integriertem Schulsystem groß geworden ist, ist tolerant(er) gegenüber Schwarzen, aber die ältere Generation denkt noch wie zu Zeiten der Rassentrennung. Als Lettie ein größeres Haus für ihre Familie und die größer werdende gierige Verwandtschaft mietet, gibt es Aufruhr unter den Senioren im Tea Shoppe, denn das Haus liegt in einer Gegend, in der nur Weiße wohnen. Man fürchtet um die Immobilienpreise. Geld sei Geld, meint der Banker, dessen Bank dafür bekannt ist, keine Schwarzen als Kunden zu haben. Er wartet auf Einspruch, der nicht kommt: Geld kann den Rassismus aufweichen. Das gleiche gilt für Football, wie im Fall Ozzie Walls, einem von zwei schwarzen Sheriffs in Mississippi. Sheriff Walls wird von den Weißen respektiert, weil er ein strenges Regiment führt und ein Footballstar an der Clanton High School war.

In dem Erbschaftsstreit geht es um eine einfache schwarze Frau, die das größte Vermögen im County erben soll. In Mississippi gehe es immer um die Rassenfrage, weiß Harry Rex. Da die Entscheidung von einer zwölfköpfigen Jury abhängt, ist deren Zusammensetzung von besonderer Bedeutung.

Fazit

Abgesehen von einigen Schwachstellen, wie die Weihnachtsfeier bei den Brigances, ist Die Erbin ein durchweg spannender Justizthriller um einen Erbstreit vor dem Hintergrund von  Rassismus in Gegenwart und Vergangenheit. Starke Dialoge, Realismus und Zynismus erinnern an die Fernsehserie "Boston Legal", beißende Systemkritik an der Justiz an Charles Dickens' Jarndyce vs. Jarndyce aus Bleak House.

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