Das Skelett

Erschienen: Januar 1965

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Skeleton in the Clock“

- New York : William Morris 1948. 282 S.

- London : William Heineman 1949. 303 S.

- Bern - Stuttgart - Wien : Alfred Scherz Verlag 1965. Übersetzt von Bodo Baumann. 184 S.

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Michael Drewniok
Vergessener Knochenmann in alter Standuhr

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2021

Vor zwanzig Jahren stürzte unter nie wirklich geklärten Umständen Sir George Fleet vom Dach seines Landhauses in der englischen Grafschaft Berkshire, als er nach einer Jagdgesellschaft Ausschau hielt. Jetzt erreichten drei anonyme Briefe Scotland Yard, die einen raffinierten Mord als Ursache andeuten.

Unwillig muss Chefinspektor Masters den ‚kalten‘ Fall wieder aufrollen. Leider kleidete der Briefschreiber seine Worte in Rätselform. Zwecks Deutung bittet Masters seinen alten Freund Sir Henri Merrivale, der sich als Privatermittler der unkonventionellen aber erfolgreichen Art einen Namen gemacht hat, um Unterstützung. Eines der Rätsel rankt sich um ein bizarres Objekt: eine alte Standuhr, deren Gehäuse kein Uhrwerk, sondern ein menschliches Skelett beherbergt. Merrivale hat das bizarre Stück ersteigert und dabei erfahren, dass seine Mitbieterin Sophie, Gräfin von Brayle, eine enge Freundin von Lady Cicely, Fleets Witwe, ist. Die seltsame ‚Uhr‘ sollte an den Hausarzt Dr. Laurier gehen, dessen Vater sie einst baute.

Auch sonst stechen dem Ermittler ‚Zufälle‘ ins Auge. Wieso planen Anwalt John Stannard, der Zeuge des Todessturzes war, die schöne Ruth Callice sowie der junge Martin Drake gerade jetzt ein kurioses Experiment? In der Hinrichtungskammer des aufgelassenen Gefängnisses Pentecost, das unweit von Fleet House liegt, wollen sie feststellen, ob dort nachts die Seelen der Gehenkten umgehen. Richard, Sir Georges Sohn, schließt sich dem Trio begeistert an und stürzt Merrivale in ein Dilemma: Er ahnt, dass sich der Geisterjäger ins Lebensgefahr begibt. Doch man will sich das Abenteuer nicht verbieten lassen, weshalb ein altes Verhängnis erneut seinen Lauf nimmt …

„Untersuchen Sie das Skelett in der Standuhr.“

Wohl nur John Dickson Carr auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft konnte diesen Krimi schreiben. Seit jeher liebte er die alten Sagen und Gespenstergeschichten seiner englischen Wahlheimat und baute sie immer wieder in seine Kriminalromane ein. Bis ins Detail ging das Vergnügen am wohligen Schauder; so trägt ein Wirtshaus nahe Fleet House den schaurig-schönen Namen „Drachenpfuhl“, und zwischen dem Landsitz der Fleets und dem alten Pentecost-Gefängnis erstreckt sich ein Wald namens „Henkerholz“.

Carr-typisch ist ein scheinbar wirres und wüstes Sammelsurium obskurer Spuren und Indizien. Dieses Mal übertrifft er sich selbst, indem er ein Skelett in der Standuhr als groteskes „Memento Mori“ und wichtiges Beweisstück präsentiert. Schon im Originaltitel wird dieses Objekt erwähnt und dürfte die grusellaunigen Leser auf Carrs Seite und in die Buchläden gelockt haben.

Abermals bringt der Verfasser ein aufgegebenes Gefängnis in die Handlung ein. Schon 1933 hatte Hag’s Nook (dt. Das Zeichen im Brunnen/Tod im Hexenwinkel), der erste Band der erfolgreichen Reihe um den dicken, genialen Privatermittler Dr. Gideon Fell, an so einem Ort gespielt. In diesem Band hatte Carr alle Register der traditionellen Phantastik gezogen, um erst im Finale, aber dann glasklar auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren: Keine Geister gehen mörderisch um. Menschliche Tücken verbergen sich in hilfreicher Dunkelheit, und trickreiche Täuschungsmanöver sorgen für weitere Verwirrung bzw. im Kopf des Lesers für ein unterhaltsames Aha-Erlebnis, wenn der Detektiv Licht in die Sache bringt.

„Was bedeutet der rote Blitz auf dem Dach?“

Allerdings bedarf es eines wahrlich genialen Mannes, dem dieses Kunststück gelingt. Henri Merrivale könnte ein Bruder von Gideon Fell sein, denn beide teilen nicht nur ihr Metier, sondern arbeiten auch sorgfältig an ihrem unkonventionellen Auftreten. Merrivale lernen wir kennen, als er einer hochnäsigen Lady mit einer alten Lanze ins Hinterteil piekt. Damit ist seine Außenseiterstellung in der zeitgenössischen Gesellschaft eindeutig markiert.

Merrivale kann sich solche Ausfälle erlauben, weil er sie durch kriminalistische Glanzleistungen wettmacht. Ist er erst einmal aktiv geworden, bleiben Scotland Yard und der örtlichen Polizei nur mehr die Rollen von Handlangern und Statisten. Chefinspektor Masters stellt sich in Vertretung des Lesers dumm sowie entsprechende Fragen; ihm obliegt es darüber hinaus, Irrtümer zu äußern und in Sackgassen zu stolpern.

Überlebensgroß und nicht gerade sympathisch schwebt Merrivale über der Szene. Er besitzt nicht die schillernde Präsenz von Gideon Fell, dessen Jovialität durchaus Maske ist und einen Charakter verbirgt, der es genießt, Mörder zu jagen, die anschließend an den Galgen kommen. Merrivale ist einerseits ‚menschlicher‘ als Fell und andererseits oft dessen blasse Kopie.

„Mordbeweise sind immer noch vorhanden.“

Fleet House, das Wirtshaus „Drachenpfuhl“ und natürlich Pentecost beherbergen eine illustre Schar schräger Gestalten. Selbst ohne den Todessturz wirken sie alle verdächtig; zumindest sind sie notorisch verschroben und passen sich auf diese Weise perfekt ins Figurenpersonal des englischen „Whodunit“ ein.

Dabei spielt die Handlung im Jahr der ursprünglichen Veröffentlichung. Der Zweite Weltkrieg wird erwähnt, das 20. Jahrhundert ist zur Hälfte verstrichen. Fleet House bildet jedoch eine zeitlose Exklave. Schon 1948 war Das Skelett ein anachronistischer Krimi. Anders als in seinem Spätwerk konnte Carr diesen Aspekt kontrollieren und ihn spielerisch handhaben. Er kombiniert ihn mit dem zeitgenössisch noch wenig eingesetzten Plot vom psychopathischen Serienkiller, mit dem er ein wenig ungelenk bzw. zurückhaltend hantiert: Für Hannibal Lecter & Co. ist 1948 die Zeit noch lange nicht gekommen.

Zur Spannung trägt auch Carrs Geschick im Umgang mit falschen und echten Spuren eine große Rolle. Obwohl er sich zeitweise in grotesken Nebenhandlungen zu verlieren scheint und das große Finale in einem Spiegelkabinett stattfinden lässt, weiß Carr sehr wohl, worauf sein Krimi-Spiel hinauslaufen soll. Als Autor spielt er fair in der Tradition des Genres; so stellt er uns das Flachdach, von dem Sir George seinen abrupten Abgang nahm, quasi zentimetergenau vor. Man könnte einen Plan zeichnen, der nach dem Willen des Verfassers ‚beweisen‘ könnte, dass ein Mord hier eigentlich unmöglich ist. Carr übernimmt es, uns auf verblüffende Weise das Gegenteil zu beweisen.

Wenn man ihm etwas zum Vorwurf machen kann, so ist es eine überflüssige „love story“. Selbstverständlich hat Lady Sophie eine liebreizende Enkeltochter, die von diversen jungen Männern aufgeregt umbrummt wird. Hände werden gerungen, Tränen vergossen bzw. Schwüre geleistet und Fäuste geschüttelt. Hier endet Carrs Meisterschaft - Krimi plus Grusel plus Liebe: Element 1 und 2 bieten nostalgischen Hochglanz, Nr. 3 ist nur platt.

Fazit

Der 18. Merrivale-Krimi birst förmlich vor Schauerelementen und Absurditäten, bleibt aber letztlich auf dem Boden der Tatsachen und liefert eine abenteuerliche aber logische Aufklärung: vergnüglicher „Whodunit“ klassischer Prägung.

 

 

Anmerkungen

(1) Die Kapitelüberschriften zitieren jene drei anonymen Botschaften, die den Fall Fleet ins Rollen bringen.

(2) Für den neugierig gewordenen Leser dürfte die Beschaffung dieses Buches eine Herausforderung werden. Das Skelett erschien nur einmal, schon 1965, und wurde offenbar nie neu aufgelegt, was den Roman ungemein selten macht.

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