Mission Blindgänger

Erschienen: Mai 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Art et Décès

- aus dem Französischen von Katrin Segerer

- TB, 326 Seiten

- Bd. 3 [Kommando Abstellgleis]

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Andreas Kurth
Wenn zwei Chaoten-Truppen aufeinander prallen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mär 2021

Mission Blindgänger ist bereits der dritte Roman der französischen Journalistin Sophie Hénaff um die kuriose Truppe aus scheinbar gescheiterten Existenzen aus den Reihen der Pariser Polizei im “Kommando Abstellgleis”. Die bunte Truppe muss dabei in einem ebenso bunten Umfeld ermitteln: Ihre Kollegin Eva Rosière ist nämlich nebenberuflich als Drehbuchautorin tätig - und nun wird am Filmset der bei nahezu allen Mitstreitern überaus unbeliebte Regisseur Michel Aramedian ermordet. Und weil er eben von zahlreichen Akteuren rund um die Filmproduktion eher gehasst als geliebt wurde, gibt es mehr als genug potenzielle Täter mit einem veritablen Motiv. Allerdings gehört Rosière selbst dazu, denn sie wird vom Produzenten des Films nun auch mit der Aufgabe betraut, Regie zu führen; zuvor hatte sie mehrfach vor vielen Zeugen verkündet, Aramedian umbringen zu wollen, weil der ihr in das Drehbuch hineingepfuscht habe.

Überaus komplizierte Ermittlungen

Und weil Rosière auch unter Verdacht steht, greift das “Kommando Abstellgleis” ein und zieht die Ermittlungen an sich. Commissaire Anne Capestan unterbricht ihrer Kollegin zuliebe ihre Elternzeit, übernimmt wieder die Leitung der Einheit und ist fortan mit Tochter Joséphine am Tatort unterwegs. Die Ermittlungen gestalten sich wirklich kompliziert, denn es gibt nicht nur zahlreiche Verdächtige, sondern die meisten haben auch ein gutes Alibi. Eva Rosière muss ihren Kollegen die ganze Gemengelage zunächst mal erläutern.

     „Die Mitglieder der Brigade nahmen ihre Sofas, Sessel, Tischecken oder Fensterbretter ein, um der Stimme der geborenen Erzählerin zu lauschen. Nur das Tschilpen der Spatzen auf der Terrassenbrüstung, Joséphines Brabbeln im Laufstall und das Krachen der Chips zwischen Dax’ Zähnen störte die andächtige Stille, die guten Geschichten vorausgeht. Commissaire Capestan beobachtete, wie Rosière tief Luft holte.

     ‚Um vierzehn Uhr null fünf wurde Michel Aramédian, genannt Sülzwurst, leblos im Büro von Tom Dicate, genannt Stadtratte, gefunden. Zusammen bilden die beiden das berühmte Duo Chipo und Merguez. Das Opfer ist Chipo, der, der ihn gefunden hat, Merguez, Letzterer in Begleitung von Benoit Marteau, genannt Big Ben.‘”

Sophie Hénaff pflegt einen ungewöhnlichen Erzählstil, aber an diesen Plauderton gewöhnt man sich als Leser recht schnell. Die Autorin hat ihren Roman wie einen Kaffeeklatsch geschrieben; sie schickt zudem eine ziemlich spezielle Truppe ins Rennen - der Name “Kommando Abstellgleis” ist hier wirklich Programm. Aber auch in der Filmcrew gibt es muntere Dilettanten und jede Menge sympathische Chaoten. Und so ist diese ebenso unterhaltsame wie interessante Kriminalgeschichte voller Rätsel.

Viele Sackgassen und falsche Spuren

Die Autorin baut für Ermittler und Leser reichlich falsche Spuren und Sackgassen ein, die immer wieder aufgelöst werden - bis das nächste Rätsel kommt. Bei aller Abwechslung und guten Unterhaltung fehlt es ein wenig an Spannung, die aber immer wieder etwas angefacht wird durch die Frage nach dem Mörder und dem tatsächlichen Motiv. Da es so viele Verdächtige mit denkbaren Motiven gibt, verzweifeln die Ermittler zeitweise ob der problematischen Situation.

Anne Capestan kehrt zwar mit viel Getöse samt Kleinkind aus dem Elternurlaub zurück und leitet dann die merkwürdige Polizeitruppe, aber der Star ist eigentlich das gesamte Team: Da gibt es einfach zu viele absonderliche Charaktere mit jeweils ganz eigenen Talenten, die für die Ermittlungen wichtig und hilfreich sind. Und so wird von Beginn an ein großer Sog entwickelt und der Leser durch die Kaffee-Plauderei gefesselt.

Fazit

Sophie Hénaff ist Journalistin und schreibt eine humoristische Kolumne mit großer Fangemeinde. Das merkt man, denn sie ist eine wirklich gute Geschichtenerzählerin. Ihr Roman knistert nicht gerade vor Spannung, aber die Autorin versteht es dennoch hervorragend, den Leser zu fesseln. Hénaff hat da eine liebenswerte Chaoten-Truppe zusammengestellt, die man gerne bei den Ermittlungen begleitet. Viel Situationskomik, spritzige Dialoge und durchaus kernige Charaktere sind eine wirklich gute Mischung. Das “Kommando Abstellgleis” dürfte noch einige Fälle zu lösen haben - und den Leser dabei prächtig unterhalten.

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