Dunkelkammer

Erschienen: März 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 352 Seiten

- Bd. 1 [David Bronski]

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Thomas Gisbertz
Aichner ist einfach eine Klasse für sich

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Mär 2021

Innsbruck, 21. Januar 2021: Der Obdachlose Kurt Langer rettet sich kurz vor dem Kältetod in eine seit langem leerstehende Wohnung am Waldrand. Im Schlafzimmer findet er eine Leiche - mumifiziert und enthauptet. Sofort kontaktiert er seinen ehemaligen Freund und Kollegen David Bronski in Berlin. Der Pressefotograf reist gemeinsam mit seiner Journalistenkollegin Svenja Spielmann nach Österreich, um exklusive Tatortfotos zu machen und über die Ermordung zu berichten. Vor Ort eingetroffen, macht Bronski eine erschreckende Entdeckung: In der Geldtasche der Toten befindet sich ein Foto seiner Tochter Judith, die vor über 20 Jahren im Alter von nur vier Monaten spurlos verschwand.

Spur in die Vergangenheit

Bei der Toten handelt es sich um die Milliardärin Zita Laufenberg, die seit zwei Jahrzehnten vermisst wird. Was hatte die Ermordete mit dem Verschwinden Judiths zu tun? Zu Bronskis Unterstützung reist seine Schwester Anna, die als Privatdetektivin arbeitet, nach Innsbruck. Gemeinsam mit Reporterin Svenja Spielmann, mit der Bronski nur widerwillig zusammenarbeitet, versucht der Berliner Pressefotograf in seiner alten Heimat Licht ins Dunkel zu bringen. Für Bronski wird der Fall zu einer Reise in die eigene Vergangenheit - und zu den schmerzvollsten Erinnerungen seines Lebens ...

Neue Reihe um Pressefotograf

Autor Bernhard Aichner ist ein absolutes Phänomen: Egal, was er anpackt, es funktioniert. Seit vielen Jahren begeistert der Innsbrucker mit so wunderbaren Reihen wie den Max-Broll-Krimis, der Totenfrau-Trilogie oder wie zuletzt dem starken  Thriller Der Fund. Der Autor scheint eine Faszination für Figuren zu haben, deren Tätigkeit mit dem Tod in Verbindung steht. Der Anziehungskraft des Morbiden unterliegt auch seine neue Figur David Bronski: Dort, wo Menschen sterben, hält er das Unglück in Bildern fest - analoge Bilder vom Sterben, die er später in seiner Dunkelkammer entwickelt. Es ist, als wolle er ein letztes Mal die einstige Lebendigkeit der Toten festhalten. Die Ästhetik des Todes besitzt für ihn eine unerklärliche Anziehungskraft.

Die Hauptfigur scheint einiges mit dem Autor gemein zu haben: Aichner selber war früher Pressefotograf und besonders von der Polizeifotografie fasziniert, bei der es auch um Unfälle oder Mord ging. Aichner verbindet mit der neuen Reihe um den Berliner Pressefotografen seine beiden großen Leidenschaften: die Fotografie und das Schreiben. Hier reiht sich auch die wunderbare Umschlaggestaltung des Romans nach einem Entwurf von Schriftstellerkollegen Thomas Raab und das Umschlagmotiv seiner Frau Ursula Aichner nahtlos ein.

Phänomenaler Romanschreiber

Die besondere Klasse Aichners besteht nicht alleine darin, dass er seinen ganz eigenen Schreibstil hat. Er hebt sich vor allem deswegen von der breiten Masse der  Autoren ab, weil er in erster Linie ein wundervoller Geschichtenerzähler ist. Seine Figuren sind Menschen, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben und täglich gegen das Leben ankämpfen; gebrochene Existenzen, die dennoch weitermachen, weil es einfach weitergehen muss - auch wenn es schwer fällt.

Es sind die leisen Momente der Erzählungen Aichners, die unter die Haut gehen und berühren. Er lässt seine Figuren für sich sprechen und zeigt ihre Verletzlichkeit auf, aber lässt sie in ihrem Schmerz nicht allein. Dies gilt in diesem Fall auch für David Bronski, Mitte Vierzig, ein unzugänglicher, verschlossener Charakter, der nicht nur seine Tochter, sondern auch seine Frau Mona verloren hat. Besonders der Tod seiner großen Liebe hat eine riesige Lücke hinterlassen, die täglich für ihn spürbar ist.

Die große Stärke des Tirolers Aichner ist es, in solchen Momentaufnahmen niemals kitschig und gefühlsduselig zu werden. Stattdessen erlaubt er uns einen Blick in die Seelen seiner Figuren, was uns mitempfinden lässt und wodurch er eine große Nähe ermöglicht. Die Verbindung von Tod und Liebe zieht sich als Leitmotiv nicht nur durch diesen Roman des Autors. Dies wirkt wie ein Katalysator für die Handlung, wobei Aichner fast alle Facetten menschlicher Liebe aufzeigt. Dennoch bleibt es immer eine Kriminalerzählung, da über allem die Aufklärung des mysteriösen Todes der Milliardärin und deren Verbindung zu Bronskis Tochter Judith steht. Spannung ist garantiert - von der ersten bis zur letzten Seite.

Beeindruckender Erzählstil

Der neue Roman von Bernhard Aichner ist unglaublich vielschichtig und weist eine Reihe interessanter Charaktere auf. Was besonders auffällt: Der Autor bedient sich erneut zahlreicher starker Frauenfiguren. Insgesamt steht zwar David Bronski im Mittelpunkt, aber ohne die Hilfe seiner Schwester Anna und den Einsatz der selbstbewussten Svenja Spielmann würde der Pressefotograf nicht funktionieren. Sie passen auf ihn auf und geben ihm gleichzeitig Halt und Kraft - beruflich wie privat.

Der feine Schreibstil Aichners zeigt sich diesmal auch in der Erzählweise: Mal wählt er den personalen Erzähler, mal die Ich-Perspektive, dann zieht er sich wiederum hinter seine Figuren zurück und lässt sie - typisch für den Autor - im Dialog miteinander sprechen. Es ist, als würde ein Fotograf uns sein Motiv aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen wollen, weil wir nur so alles erfassen können. Gleichzeitig ist der Roman voll feinsinnigem Humor - hier sei besonders der clevere Ermittler Franz Weichenberger erwähnt, der an einer Stelle auch auf den Roman Bösland  eines Tiroler Autors verweist, den man gelesen haben sollte.

Wenn am Ende die zahlreichen Handlungsfäden reibungslos zusammengeführt werden, zeigt sich einmal mehr die große erzählerische Stärke Aichners. Der Roman nimmt die Leser mit auf eine Achterbahnfahrt zwischen Spannung, Gefühl und einer klug durchdachten Story. Hier passt einfach alles: glaubwürdige, lebensechte Figuren, eine packende Geschichte mit überraschenden Wendungen und ein abwechslungsreicher, kurzweiliger Schreibstil. Einfach Aichner eben.

Fazit

Bernhard Aichners neuer Roman zeigt alle Facetten seines großen literarischen Könnens auf: seine sprachliche Klarheit, sein Blick in die Tiefe der menschlichen Seele und sein Talent für spannende Geschichten. Ein fulminanter Start zu einer neuen Kriminalreihe, die Lust auf Mehr macht. Selten gelingt der Balanceakt zwischen Roman und Kriminalerzählung so gekonnt wie bei Aichner - alleine deswegen ist er so lesenswert.

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