Gegenlicht

Erschienen: Juli 2021

Bibliographische Angaben

- TB, 320 Seiten

- Bd. 2 [David Bronski]

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Thomas Gisbertz
Packende Fortsetzung einer starken Reihe

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Aug 2021

Berlin-Schmargendorf, mitten im Sommer. Eigentlich ein perfekter Nachmittag für Klaus Rembrand. Aber während er sich unbeschwert mit seiner Geliebten Oxana im Garten der Jugendstilvilla vergnügt, fällt plötzlich ein Mann vom Himmel. Direkt vor ihre Füße. Beim Toten handelt es sich um einen blinden Passagier aus Sierra Leone, versteckt im Fahrwerkraum eines Flugzeugs. Während Rembrand sich im Liegestuhl weiterhin seinem Dosenbier widmet, untersucht Oxana den Toten genauer. Was sie bei ihm findet, wird ihr Leben für immer verändern. So oder so. Einmal auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Wer kann schon ahnen, dass Nadia, wie Oxana eigentlich heißt, eine Lawine lostritt, die viele mit sich reißt und zahlreiche Leben kostet. „Glück ist für mich nicht vorgesehen“, wird Nadia später sagen - und teuer für ihren Traum bezahlen. Denn alles, was für sie nur noch zählt, ist zu überleben.

Der Mann, der vom Himmel fiel

Pressefotograf Bronski und seine Kollegin Svenja Spielmann recherchieren im Fall des ungewöhnlichen Toten und führen mit Klaus Rembrand ein Exklusivinterview. Svenja stellt die richtigen Fragen, während Bronski den Zeugen für die Zeitung in Szene setzt. Beide sind zufrieden mit ihrer Arbeit. Und Rembrand ist glücklich, weil er sich mit der Story unvergesslich macht. Doch auch er wird sein Glück nicht lange genießen können. Sechs Tage, nachdem er in seinem Hawaiihemd für die Zeitung posierte, zieht man seine Leiche aus der Spree. Rembrand wurde vor seinem Tod brutal gefoltert - und er wird nicht das letzte Opfer sein. Die anschließende Recherche führt Bronski und Svenja bis nach Sierra Leone. Bald müssen sie erkennen, dass sie es mit einem skrupellosen Gegner zu tun haben, der über Leichen geht.

Fortsetzung der David-Bronski-Reihe

Bernhard Aichner ist ein wahres Multitalent: Schriftsteller, Fotograf und neuerdings auch Schauspieler - wenn auch nur in einer kleinen Nebenrolle als Notarzt in der Verfilmung seines Max-Broll-Krimis „Für immer tot“, die im Herbst beim ORF und ZDF laufen wird. Aber damit nicht genug: Im 2. Halbjahr 2022 wird der erste Band der Totenfrau-Trilogie als sechsteilige Serie zunächst als Premiere im ORF und anschließend bei NETFLIX zu sehen sein. Für Aichner-Fans sicherlich ein absolutes Muss.

Der Autor hat die Corona-Zeit produktiv genutzt: Nur vier Monate nach der Veröffentlichung von Dunkelkammer legt Autor Bernhard Aichner bereits den zweiten Band seiner neue Krimi-Reihe um den Pressefotografen David Bronski und die Journalistin Svenja Spielmann nach. Im Frühjahr 2022 erscheint mit Brennweite schon der dritte Band.

Wer den ersten Teil bereits mochte, darf sich freuen:Zwar ist die Figurendarstellung nicht mehr so tiefgehend wie noch zum Auftakt der Reihe, dafür ist Gegenlicht noch rasanter und packender als der Vorgänger.

Vielschichtigkeit des Erzählens

Der Roman ist aber weit davon entfernt, nur ein Action-Thriller zu sein. Das würde auch gar nicht zum Autor passen. Aichner ist nämlich ebenso ein Meister der leisen Töne. Er findet stets die richtige Balance zwischen taffen Kerlen und verletzten Seelen, zwischen markigen Sprüchen und nahezu poetischer Sprache, zwischen Tempo und Momenten des Innehaltens.

Aichners Schreibstil ist ebenso fesselnd und dramatisch wie melancholisch und berührend. Daher vergisst man schon einmal, dass man einen Kriminalroman liest. Aber Aichners Erzählungen, wie auch sein aktueller Roman Gegenlicht, leben nicht nur von einer enormen Spannung, einem starken Plot und einem ihm eigenen, unverwechselbaren Stil, sondern werden ebenso durch die wunderbaren Nebengeschichten und bewegenden Schicksale der Protagonisten getragen.

Auch diesmal scheinen fast alle Figuren auf der Suche nach dem großen, persönlichen Glück zu sein, auch wenn jeder es für sich anders definieren mag. Liebe, Geld, Macht sind Triebfedern der Charaktere. Ob Rembrand, Nadia oder auch der Tote im Garten - sie alle fordern das Glück für sich ein. Wollen auch einmal auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Aber nicht jeder kann eine Rita Dalek sein, wie in Aichners Roman Der Fund.

Zwischen Beruf und Familie

Man lernt im zweiten Band der Reihe eine ganz neue Seite des oftmals hartgesottenen und mitunter unbelehrbaren Pressefotografen David Bronski kennen, nämlich die des Vaters. Seine tot geglaubte Tochter Judith ist nach 21 Jahren wieder da. Die neue Rolle ist für ihn natürlich ungewohnt. Bei aller Liebe für seine Tochter fühlt er sich auch eingeengt. Früher war Arbeit für ihn alles. Jetzt ist er hin- und hergerissen zwischen einem glücklichen Familienleben und seinem Job - der Jagd nach einer guten Story, die ihn immer wieder in Gefahr und an die Grenzen des Erlaubten bringt. Genau das ist es aber, was er will. Das Adrenalin spüren, nach dem er süchtig ist. Und Judith? Sie ist ihrem Vater ähnlicher als vielleicht gut für sie ist. Genauso stur ignoriert auch sie jegliche Gefahr. Bei ihrer Arbeit als Praktikantin bei Bronski und Svenja, die mittlerweile zur Chefredakteurin aufgestiegen ist, zeigt sich aber auch, dass sie das fotografische Talent ihres Vaters geerbt hat.

Mit Leander Vogt, einem Ex-Geliebten Svenjas und Chef der Berliner Mordkommission, und Wasim, Kopf eines libanesischen Clans und Arbeitgeber für Bronskis Schwester Anna, führt Aichner auch zwei neue Figuren ein und sorgt damit für so manchen Konflikt. Stillstand kennt der Autor ebenso wenig wie seine Hauptfigur Bronski. Das tut der Reihe gut.

Bilder werden Realität

Dass Aichner selber Fotograf ist, zeigt sich wiederholt im Roman, denn er hat ein Gespür für Bilder, lässt Fantasie plötzlich Wirklichkeit werden. Wunderbar und gleichzeitig zutiefst bewegend schildert Aichner unter anderem, wie Bronski bei seiner Recherche in Sierra Leone das Elend in Susan‘s Bay, einem Slum am Rande Freetowns, erlebt. Momentaufnahmen, Fassungslosigkeit, Scham. Die Welt in einem anderen Licht. Ungefiltert. Das Ringen um Worte wird spürbar, die Verzweiflung und Not greifbar. An Stellen wie diesen zeigt Aichner am eindringlichsten, warum er mehr als ein Krimiautor ist und es sich lohnt, ihn zu lesen.

Fazit:

Bernhard Aichner ist einfach einer der besten deutschsprachigen Krimiautoren der Gegenwart. Wenn es dessen noch eines Beweises bedurfte, dann liefert der Autor diesen mit seinem aktuellen Roman. Fesselnd, unglaublich spannend, aber auch bewegend. So schreibt nur Aichner.  

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